Radsport

„Ohne Sechstagerennen ist das Berliner Velodrom tot“

Roger Kluge und Peter Schep gewinnen das 102. Sechstagerennen. Organisator Heinz Seesing nimmt Abschied und die Politiker in die Pflicht.

Foto: ROTH / pa/augenklick

Das 102. Berliner Sechstagerennen ist Geschichte. Maßgeblichen Anteil am guten Gelingen hatte das Sieger-Duo Roger Kluge und Peter Schep. Unter dem Jubel von gut 12.000 Zuschauern initiierten die Beiden acht Runden vor Schluss den entscheidenden Vorstoß.

Die bis dahin führenden Kenny de Ketele und Luke Roberts (Belgien/Australien) konnten den Vorstoß nicht kontern und mussten mit Rang zwei zufrieden sein. Dritten Team auf dem Podium waren der Schweizer Franco Marvulli und der Berliner Andreas Müller. „Wir haben alles riskiert und sind belohnt worden“, war zunächst alles, was der ausgepumpte Roger Kluge zum Besten geben konnte. Für Sechstage-Chef Heinz Sessing endete eine 17 Jahre währende „Regentschaft“ mit einem „traumhaften Finale“.

Das Berliner Sechstagerennen steht vor einem Umbruch. Denn die Mannschaft, die für die 103. Ausgabe des ältesten Budenzaubers der Welt (23. bis 28. Januar 2014) verantwortlich sein wird, sieht definitiv anders aus als bisher. Um es vorweg zu nehmen, das Rennen ist nach einer Wachstums-Zuschauer-Finanz-Delle im Jahr 2012 für potenzielle Interessenten wieder eine attraktive Braut. Die Besucherzahl 2013 liegt über der magischen 70.000-Marke.

Für Heinz Seesing (75), der 1997 als Chef seinen Einstand im neu errichteten Velodrom an der Landsberger Allee gegeben hatte und nun mit Ehefrau Dagmar die Ruhe des familieneigenen Landguts im Münsterland dem Rundenwirbel vorzieht, ist der Fortgang der Traditionsveranstaltung dennoch eine Herzensangelegenheit.

„Wir haben hier im Lauf der Jahre eine solide Basis geschaffen. Mit Reiner Schnorfeil habe ich mir einige Zeit die Geschäftsführer-Verantwortung geteilt. Er hat, vor allem im Marketing- und Wirtschaftsbereich eine hervorragende Arbeit geleistet. Er ist auf dem Gebiet ein ausgewiesener Vollprofi. Ich habe ihm geraten, die Regie für die Zukunft zu übernehmen“, sagt Seesing.

Schnorfeil hat ein Vorkaufsrecht auf Seesings Anteile an der Berliner Sechstagerennen GmbH, deren Wert bei rund 100.000 Euro anzusiedeln ist. Dieses kann er bis einschließlich Donnerstag ausüben. Heinz Seesing scheidet Mitte des Jahres 2013 endgültig aus der Geschäftsführung aus. Schnorfeil und er haben darüber hinaus dem Sportlichen Leiter Dieter Stein eine komplette Vollmacht bei den Vertragsverhandlungen mit den Fahrern ausgestellt.

Dieter Stein hat im Sport das Sagen

Der 57 Jahre alte Berliner ist seit 2010 Nachfolger des fast schon legendären Otto Ziege (86). „Dieter unterschreibt die Fahrerverträge allein“, unterstreicht Seesing die auf Nachhaltigkeit angelegte Entscheidung. „Es ist ganz klar unser Ziel, dass der Abschied von Heinz nicht zu irgendwelchen Turbulenzen führt. Es soll ein nahtloser Übergang werden“, legt sich Reiner Schnorfeil fest. Dazu würde auch gehören, dass die Kooperationen mit langjährigen Sponsoren wie Schultheiss, Generali Versicherungen (Axel Lange), Getränke Hoffmann, Jahn Bau (Klaus-Jürgen Jahn) oder der Wolfram-Gruppe (Bürokommunikation) Bestand haben müssten.

Ungeachtet dessen könnten weitere Gesellschafter in die GmbH einsteigen. Potenzielle Kandidaten gibt es. Mit der nötigen Erfahrung für die Durchführung sportlicher Großereignisse ausgestattet ist sicher Top-Sport-Marketing. Die Veranstalter des Leichtathletik-Meetings Istaf drängen sich (offiziell) nicht in die erste Reihe.

Für Top-Sport-Geschäftsführer Martin Seeber steht aber fest: „Sollte sich eine vernünftige Gelegenheit ergeben, sind wir durchaus an einem Engagement interessiert.“ Dem Vernehmen nach ist auch Gerhard Janetzky, Sportlicher Leiter beim Istaf, einer intensiven Beschäftigung mit dem Thema Sechstagerennen nicht abgeneigt. Bislang hat sich der 62-Jährige aber noch nicht abschließend geäußert.

Erleichterung über den Zuschauerzuspruch

Die Miene von Reiner Schnorfeil jedenfalls wurde mit Ablauf der vergangenen sechs Tage im Velodrom immer zufriedener. Nach dem empfindlichen Besucherrückgang 2012 hatte Schnorfeil der 102. Ausgabe mit etwas Unbehagen entgegengesehen. „Wir waren schon ein wenig verunsichert. Zumal die wirtschaftliche Lage auch heute nicht völlig entspannt ist. Ich muss aber zugeben, dass es mich tierisch freut, wenn ich jeden Abend in die prallvolle Halle schauen kann. Das bestärkt uns natürlich alle“, zeigt sich der designierte Chef erleichtert.

Wie ernst es dem Marketing-Spezialisten aus Delmenhorst ist, zeigt sich an einer Prämisse für jedes künftige Gespräch im Zusammenhang mit der Berliner Veranstaltung: „Im Mittelpunkt steht das Rennen. Wir könnten den Berlinern kaum etwas anderes schmackhaft machen. Hier sitzt ein Publikum, dass in Teilen positiv radsportverrückt ist.“

Es geht um viel Geld

Der scheidende Seesing fühlt sich bei allen positiven Entwicklungen dennoch von einem Thema „ein bisschen getrieben“. Er stellt Fragen in Richtung Politik. Innensenator Frank Henkel (CDU) habe am Eröffnungsabend gesagt, dass das Rennen einen festen Platz im Berliner Sportkalender habe. „Wir können uns nicht darauf verlassen, in alle Ewigkeit finanziell das Rennen allein stemmen zu können“, sagt Seesing.

Es geht und ging uns nicht um Senatszuschüsse. Aber es geht uns um ein mögliches Entgegenkommen bei den Kosten, wie beispielsweise der Hallenmiete. Mal drastisch: Ohne Sechstagerennen ist das Velodrom tot. Und die Politik trägt durchaus Verantwortung für so einen mit Steuermitteln finanzierten Bau.“

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