Jetzt wollte ich endlich mal was von Windpocken erzählen. Und was mit Bärten. Und was mit Frühling. Was Schönes. Mit Blumen.

Das wird hart. Wir haben hier schließlich bloß exakt so viele Zeilen, wie früher, in den Zeiten früherer Berlinalen, als die Regisseure noch Schneidwerkzeug und Bescheidenheit besaßen, die Filme Minuten hatten. Bevor wir uns nun Sorgen um das kunstreiche Handwerk des Cutters machen, fangen wir – hat ja auch was mit Schneiden zu tun – mit dem Bart an.

Den gibt’s nur noch auf der Leinwand. Bei Wes Anderson. Für den Besuch im „Grand Budapest Hotel“ haben sich alle welche ankleben lassen. Bill Murray einen Riesenschnauzer, Jude Law trägt Oberlippen-, Matthieu Amalric Menjou-, Edward Norton Wilhelm-Bart und Jeff Goldblum – das darf ich jetzt hier nicht hinschreiben.

Während sich an der generellen Tarnfarbe der Oberbekleidung eines durchschnittlichen Kinojournalisten – ein kräftiges Steingrau das bestens korreliert mit der Farbe des Granulats an seinen Schuhsohlen – auch in diesem Jahr wenig geändert hat, offenbart sich zur Beruhigung der Gesichtsklingenindustrie eine Rückkehr zur Rasur.

Es war ja nicht mehr zum Anschauen. Diese angestrengte Frühverschratung der Zwanzig-, diese noch angestrengendere Hipsterei der Fünfzigjährigen. Vorbei. Vom Barte befreit sind Mund und Wangen. Darauf kann man mal eine Hyazinthe ins Hyatt tragen. Womit wir beim Frühling wären.

Man erschrickt ja als gewöhnlicher Filmkritiklemur, als Berlinale-Dämmerwesen, wenn man aus dem Kino kommt. Blinzelt in den teilweise krankhaft sonnigen Himmel. Das Schwitzen überkommt einen angesichts für Berlinale Verhältnisse geradezu subtropischer Temperaturen. Man möchte den Mantel ab- und wegwerfen, unbedingt glauben an globale Erwärmung. Krokusse werden bald mit den Wettbewerbsfilmen um die Wette aus dem Boden schießen. Der Lenz ist da.

Wie komm’ ich bloß zu den Windpocken? Nein, keine neue Teufelei der schlechten Laune. Obwohl in St. Agnes, wo die Videoten vom „Forum Expanded“ diesmal ihre Arbeiten zeigen, auch keine Blume blüht. Das würde hier sehr stören. St. Agnes ist Brutalismus, ist eine Betonwagenburg des Katholizismus im Kreuzberger Bettenburgenkiez. Die Fassaden sehen aus, als trügen sie die Windpocken meiner Tochter auf. Errichtet 1967, aufgegeben 2004, aufgefahren in den Himmel der Kunst, als Werner Düttmanns dem Verfall preisgegebenes Ensemble vor ein paar Jahren vom Galeristen Johann König entdeckt wurde.

Wir sind zu Fuß gegangen durch seidige Luft über knirschendes Granulat. Werden drinnen von Dunkelheit umfangen und finden uns in einer Wunderkammer wieder. Vorführmaschinen knattern. Eine Stimme erzählt vom Untergang Ägyptens. Eine Kunsthändlerin kocht Tee. Eine Thailänderin wird gekreuzigt. Im Glockenturm bricht ein akustisches Gewitter los. Man irrt mit einer irren Kamera durch den Skulpturenpark von Cinecittá.

Will gar nicht weg. Und muss doch zurück und weiter. Immer weiter. Ach.