Mein Sommergefühl ist fast fünfzig Jahre alt. Damals stand ich barfuß in der endlosen Warteschlange vor dem Kiosk des Freibades Stapelskotten; die Badehose trocknete an meinem Körper fest. Statt Tattoos trugen wir damals Mückenstiche. Schon früher waren Sommer lang, obwohl es den Klimawandel noch gar nicht gab.
Ein wundersamer Duft aus Chlor, Frittenfett, Urin und Tiroler Nussöl hing in der dicken Luft. Scheue Blicke auf Bikinis. Furcht vor den großen Jungs, die vom Dreier einen Salto konnten. Endlich – das schmale Fenster des Kiosks kam in Sicht. Gierige Blicke auf Brause, Weingummi, Eistafel.
Da plötzlich dieses kühlfeuchtweiche Gefühl zwischen den Zehen. Ich war auf ein Stück Pommes getreten, das aus einer der übervollen Schalen gefallen war, und nun zwischen Zeige- und Mittelzeh empormatschte. Ekeln und Genießen der kurzen Kühlung paarten sich mit Vorfreude auf Stieleis und der Aussicht, mit verschmiertem Mund wieder ins Becken zu springen. Köpper vom Einer, immerhin.
Wenn eines Tages eine weitere überflüssige Biographie erscheint, nämlich meine, dann wird ihr Titel bestimmt nicht lauten: „Kühler Frühling“ oder „Graue Herbste“, erst recht nicht „Das Potpourri meiner Winterdepressionen“. Nein, das Werk wird „Sommer-Pommes“ heißen, um genau diese einzigartigen Tage zu ehren, für die wir leben: Hitze im Zelt, kühle Nächte, sonnenwarme Stachelbeeren vom Strauch, die Nähewärme der Lieben, staubiger Mund, kaltes Bier, die Kraft wilder Festivals, das Wertschätzen des Wassers, das Leiden mit Landwirten, der Schweiß, der all das Gift aus dem Körper schwemmt, die herrliche Ruhe, wenn selbst CSU-Politiker zu matt zum Zetern sind, die große Freiheit, barfuß und in kurzen Hosen durch den Tag zu gehen, das Verschwinden der Zipperlein, die Sinnlosigkeit von Sport sowie der verbreitete Irrglaube, dass Knutschen im Kornfeld bequem sei.
Wer heute über Hitze meckert, wird in ein paar Jahren diesen Sommer, der nicht enden wollte, so innig preisen wie einst das Sommermärchen. Möge er noch ein paar Tage bleiben.


