Apollo wirkt etwas unbeholfen. Sehr langsam greift er sich den Akkuschrauber, mit steifen Bewegungen setzt er ihn an das vor ihm abgelegte Bauteil. „Das ist ein wirklich großer Moment“, unterstreicht Produktchef Parker Conroy die Bedeutung. „Wir legen hier den Grundstein für verkörperte künstliche Intelligenz“, betont er.
Wäre Apollo ein Mensch, der seine Ausbildung im Mercedes-Werk Marienfelde beginnt, würde sein Meister vermutlich eher die Augenbrauen hochziehen und sich fragen, ob das noch was werden kann. Doch Apollo ist eben nur ein humanoider Roboter und dazu noch sehr jung. Er soll Zeit zum Lernen bekommen. Mercedes will ihn testweise in die Produktion integrieren. Apollo soll dort vor allem sich wiederholende Aufgaben wie einfache Montagen erledigen und Dinge heben.
Beschäftigte ersetzen werde der Roboter nicht, betont Jörg Burzer, Vorstandsmitglied der Mercedes-Benz Group, bei der Vorstellung am Dienstag in Marienfelde. Apollo sei vielmehr als „Ergänzung“ zu verstehen. Mitarbeiter könnten mit dem humanoiden Roboter interagieren. Denn anders als viele andere Roboter im Mercedes-Werk Marienfelde hat Apollo Augen und Ohren, auch die Statur ist der eines Menschen nachempfunden.
Mercedes-Werk Marienfelde: Breiter Einsatz humanoider Roboter noch in weiter Ferne
Entwickelt hat ihn das Unternehmen Apptronik aus den USA. Die Firma, 2016 an der University of Texas in Austin gegründet, arbeitet seit Jahren an der Weiterentwicklung ihres Humanoiden. „Die Roboter werden von uns lernen“, betonte Apptronik-Geschäftsführer Jeff Cardenas während der Vorstellung bei Mercedes. Der Ansatz seines Unternehmens sei es, Künstliche Intelligenz beim Erlernen menschlicher Bewegungen und Aufgaben einzusetzen. „Die Zukunft ist, dass ein Roboter viele verschiedene Dinge tun kann“, zeigte sich Cardenas überzeugt.

Ein breiter Einsatz humanoider Roboter liegt bei Mercedes allerdings noch in weiter Ferne. Burzer bleibt auf Nachfrage dazu vage. „Wir werden 2030 und danach einiges sehen“, so der Mercedes-Manager.
Mercedes in Marienfelde: Neue Produktionslinie ab 2026
Längst begonnen hat im Werk Marienfelde hingegen die Transformation zur Elektromobilität. Zwar werden in vielen Produktionshallen noch immer Teile für Verbrenner gefertigt. In den kommenden Jahren will der Konzern die Umstellung aber weiter vorantreiben. Spätestens 2026 soll in Marienfelde der seit Jahren angekündigte Axial-Fluss-Motor vom Band laufen. Der Hochleistungs-Elektromotor soll dann in AMG-Modelle verbaut werden. Der Motor habe ein dreifach höhere Leistung wie das bisher verbaute Modell, berichtete der verantwortliche Produktionstechniker Oliver Doerfel am Dienstag.
Die Herstellung umfasst laut Doerfel 100 Produktionsprozesse. Etwa ein Drittel dieser Prozesse seien Weltneuheiten. So würden etwa neue Formen der Lasertechnologie mit innovativen Fügeprozessen und künstlicher Intelligenz kombiniert. Die neuen Prozesse haben die Beschäftigten bei Mercedes-Benz größtenteils intern entwickelt. Die Innovationen führten nach Unternehmensangaben zu mehr als 30 Patentanmeldungen.
Der neue Motor sei „ein entscheidendes Produkt für die Zukunft des Unternehmens“, sagt Burzer. Aktuell arbeiten in Marienfelde laut Burzer rund 1900 Menschen für Mercedes.
Mercedes Marienfelde: Zahl der Beschäftigten leicht gesunken
Vor wenigen Jahren waren es noch deutlich mehr als 2000 Beschäftigte gewesen. Angesprochen auf den Rückgang verweist Burzer auf ein auf Freiwilligkeit basierendes Stellenabbauprogramm in der Verwaltung. Der Konzern investiere in das Werk schon seit einigen Jahren viel Geld, betonte er und sprach von einem dreistelligen Millionenbetrag.

Neu hinzugekommen war schon 2022 der Digital Factory Campus. Dort bündelt das Unternehmen die Softwareentwicklung für die Fabriken von morgen. Laut Burzer arbeiten aktuell zwischen 200 und 300 Beschäftigte in der Abteilung. „Wir sind bestrebt, das weiter auszubauen“, betont er.
Schon jetzt setzt der Autobauer bei verschiedenen Prozessen in der Produktion auf Künstliche Intelligenz, so etwa mit dem virtuellen Multi-Agenten-System. Die virtuellen Assistenten könnten komplexe Daten in Echtzeit analysieren und beispielsweise dabei helfen, die Ursachen plötzlicher Qualitätsabweichungen in der Produktion schnell zu identifizieren. Anstelle einer mühsamen, manuellen Ursachenanalyse könnten sich die Ingenieurinnen und Ingenieure so auf KI-Agenten eines virtuellen Daten-Teams verlassen. „KI übernimmt für uns Aufgaben, die wir in der Regel weniger gerne erledigen“, sagt Mercedes-Managerin Katrin Lehmann. „Sie verschafft uns Freiraum, den Fokus auf echte Innovationen, Kreativität und wertschöpfende Tätigkeiten zu legen.“

Mercedes seit 1971 Roboter in der Produktion ein
Unter den Beschäftigten in Marienfelde ist die Unterstützung für die Transformation laut Lehmann groß. „Die Leute bei Mercedes sind sehr neugierig“, versichert sie. „Das macht es einfach, sie mitzunehmen.“
Das Werk in Marienfelde ist der älteste produzierende Mercedes-Standort. Es wurde 1902 gegründet. Seit einem halben Jahrhundert setzt Mercedes für seine Autoproduktionen auch Roboter ein. Laut Burzer ist die erste von Robotern unterstütze Produktionslinie bereits im Jahr 1971 eröffnet worden. Künstliche Intelligenz und humanoide Roboter eröffneten nun „ein spannendes neues Feld, das die Automobilproduktion nachhaltiger, effizienter und intelligenter“ mache, betonte der Mercedes-Manager. „Mit dem Standort Berlin-Marienfelde bleibt Mercedes-Benz ein Vorreiter in der Automobilproduktion und trägt dazu bei, dass Deutschland als globales Innovationszentrum wahrgenommen wird“, sagt er.


