City West

Warum der Kurfürstendamm ein Sehnsuchtsort ist

Der Kurfürstendamm steht wieder im Mittelpunkt – in der Serie „Ku’damm 59“. Es ist ein Sehnsuchtsort, nicht nur für Berliner.

Der Kurfürstendamm ist bis heute ein Sehnsuchtsort, nicht nur im Film

Der Kurfürstendamm ist bis heute ein Sehnsuchtsort, nicht nur im Film

Foto: Reto Klar

Die Aura eines Sehnsuchtsortes haftet dem Boulevard nicht erst an, seit Hildegard Knef mit ihrem Chanson „Heimweh nach dem Kurfürstendamm“ 1964 das Tempo und die Lebensfreude der Flaniermeile zwischen Charlottenburg und Wilmersdorf beschrieb. Bis heute ist der Kudamm ein Ort, zu dem es die Berliner und die Touristen zieht. Und am morgigen Sonntag wird der Kudamm wieder bundesweit zu sehen sein – in der zweiten Staffel der ZDF-Reihe „Ku’damm 59“. 59, das bezieht sich nicht auf die Hausnummer, sondern auf das Jahr 1959.

Doch das Interesse am Berliner Boulevard reicht viel länger zurück: Es waren die 20er-Jahre, in der sich rund um den Kudamm der kosmopolitische Lebensstil entwickelte, der Schauspieler, Musiker, Schriftsteller, verarmte russische Großfürsten und politische Querdenker in die Kaffeehäuser zog. Kaum eine Gegend in Berlin war so sehr „multikulti“ wie der Westen, nachdem der Erste Weltkrieg das Kaiserreich weggefegt und Europa durcheinandergewirbelt hatte. Auf dem Kudamm atmete die intellektuelle Welt die Luft der neuen Zeit mit der Hoffnung auf ein freieres Leben.

1542 als Knüppelweg angelegt, sollte der Kurfürstendamm den Reitern Kurfürsts Joachim II. den Weg vom Berliner Stadtschloss zum Jagdschloss Grunewald erleichtern. Erst Reichskanzler Otto von Bismarck wünschte sich für die Hauptstadt des neu gegründeten deutschen Reichs einen Boulevard, der es mit den Champs-Elysées aufnehmen konnte. 1883 begann die „Kurfürstendamm-Gesellschaft“ mit dem Bau der Straße. Der Kudamm reicht mit 53 Metern zwar nicht ganz an die 70 Meter breite Champs-Elysées heran, überrundet aber die Pariser Prachtstraße mit 3,6 Kilometern Länge um fast das Doppelte. Der 5. Mai 1886, der Tag der Eröffnung der Dampfstraßenbahn-Linie Zoologischer Garten–Halensee, gilt als der offizielle Geburtstag des Boulevards, der sich in den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg mit seinen als protzig bespöttelten Bauten zur bevorzugten Wohngegend des neuen Westens entwickelte.

Die Moderne breitet sich am Kudamm aus

Mit seinen breiten Bürgersteigen, die zum Flanieren einluden, den Cafés und Geschäften, wurde der Kurfürstendamm zur Bühne bürgerlicher Selbstdarstellung und entwickelte seine unvergleichliche Atmosphäre. Die Menschen, die sich im neuen Westen ansiedelten, zeichnete tolerante Aufgeschlossenheit aus. Institutionen, wie die vom Kaiser missbilligte Künstlervereinigung Berliner Secession, die am Kudamm ihre Arbeiten ausstellte, zeigte einen neuen Kunstgeschmack. Der Kurfürstendamm wurde zum Ort des kulturellen Aufbruchs, zum Zentrum des Konflikts zwischen den Traditionen der Kaiserzeit und der Moderne.

Verändert hat der Boulevard sein Gesicht, als es 1931 und 1935 zu ersten antisemitischen Übergriffen, den sogenannten Kurfürstendamm-Krawallen kam. Zwar verliehen die Olympischen Spiele Berlin 1936 noch einmal internationalen Glanz, aber intellektuelle Regsamkeit, kosmopolitische Toleranz und Kreativität, für die der Kurfürstendamm stand, bildeten einen Gegensatz zur nationalsozialistischen Ideologie und wurden immer stärker reglementiert. Mit der Vertreibung und Ermordung der jüdischen Berliner, die die Kultur des Kurfürstendamms mitgeprägt hatten, verschwand der alte Geist. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs war der Kurfürstendamm eine Trümmerlandschaft. Von den 235 Häusern waren 190, darunter auch die Gedächtniskirche, schwer beschädigt. Wie in keiner anderen Gegend der Stadt, versuchten die Berliner in einer geradezu euphorischen Aufbruchstimmung zu retten, was zu retten war und richteten in atemberaubender Geschwindigkeit ihren Boulevard wieder provisorisch her. Vor allem die Jugendlichen holten nach, was ihnen in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur verwehrt worden war. Der Swing bestimmte das neue Lebensgefühl der jungen Berliner im Westen der Stadt – besonders in den 50er-Jahren, wie es in der ersten ZDF-Reihe „Ku’damm 56“ schon so treffend zum Ausdruck gekommen ist.

Der Kurfürstendamm wurde zum Schaufenster des Westens – zum Symbol für das Wirtschaftswunder im Kalten Krieg. Kinos wie das Astor und das Marmorhaus hatten den Krieg nahezu unversehrt überstanden. Selbst das völlig ausgebrannte KaDeWe bezog einen provisorischen Bau an der Nürnberger Straße.

Der Bau der Mauer hinterließ auch im Westteil der Stadt einen Schock. Unter die Euphorie der Aufbaujahre mischten sich Zweifel an der politischen Zukunft der geteilten Stadt. Viele Firmen verlegten ihre Produktion in den Westen der Republik. In Berlin wurden Wohnungen gebraucht, viel Erhaltenswertes musste auch am Kudamm renta­bleren Neubauten weichen. In den 50er- und 60er-Jahren entstanden Bauten, die das Erscheinungsbild heute noch prägen. 1957 wurden das Bikini-Haus fertiggestellt und der Zoo Palast eröffnet, 1965 das Europa Center. Internationalen Glanz und Glamour brachten ab 1952 einmal im Jahr die Internationalen Filmfestspiele. Das „Kempinski“ wurde zum Treffpunkt der West-Berliner Prominenz, die Terrasse des Café Kranzler war auch an sonnigen Wintertagen besetzt.

Ende der 60er-Jahre wurde der Kudamm zur Bühne der studentischen Proteste. „Lass den Kuchen und die Sahne – Nehmt euch eine rote Fahne!“ skandierten die Demonstranten in Richtung der Damen und Herren, die es sich in einem der Kudamm-Cafés gut gehen ließen. Die Proteste begannen eher verhalten mit kleineren Demonstrationen gegen die atomare Aufrüstung oder gegen den Algerien-Krieg vor dem Maison de France und kulminierten in schweren Zusammenstößen mit der Polizei.

Ein Niedergang des Kudamms war indes schon vor dem Mauerfall zu beobachten. An vielen Stellen waren Provisorien aus der Nachkriegszeit stehen geblieben, elegante Cafés wichen Kneipen für Schülergruppen oder mussten, wie der Künstlertreff Café „Bristol“, wegen zu hoher Mieten schließen und für Steakhäuser Platz machen, die ihre Schankterrassen mit wenig kleidsamen Folienvorbauten ganzjährig bespielten. Mit dem Fall der Mauer fiel der Kurfürstendamm in einen Dornröschenschlaf. Der Fokus richtete sich auf Mitte und die östlichen Innenstadtbezirke. Die Friedrichstraße wurde zum Kudamm des Ostens, Unter den Linden wieder zu einer Flaniermeile. Doch die Lebensader der City West hat sich gemausert. Der Charlottenburg-Wilmersdorfer Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) schätzt am Kudamm, dass es „anders als in Rom, Paris oder London eine tolle Mischung aus Leben, Wohnen und Arbeiten gibt“. Die City West bedeute für ihn gewachsenes Hauptstadtgefühl, aber auch Aufbruch zu Neuem.

Neue Hochhäuser verändern die Skyline

In den vergangenen Jahren sind Galerien wie C/O Berlin in die City West zurückgekehrt. Gastronomen entdecken den Kudamm und seine Seitenstraßen wieder. Vertrautes wie das Café Kranzler, die Fassade des Gloria-Palastes oder die Kudamm-Bühnen verschwinden – meist unter Protest der alteingesessenen West-Berliner. Doch Rendite-Erwartungen erlauben keine Konservierung romantischer Metropolengefühle. Neue Gebäude wie das Kranzler Eck und die beiden Hochhäuser des Waldorf Astoria und des Upper West verändern die Skyline. Luxusmarken haben ihre Flagship-Stores am Kudamm. Mit den Delphi Lux Kinos im Yva-Bogen hat selbst die geschrumpfte Kino-Landschaft der City West wieder Zuwachs bekommen. Allerdings sind die Preise für Immobilien so stark explodiert wie kaum anderswo in Berlin. Der Bau neuer Wohnungen findet nahezu nur im hochpreisigen Segment statt.

Noch nicht ganz angekommen ist das Upgrading am oberen Kudamm zwischen Adenauerplatz und Halensee, wo es immer noch eher beschaulich zugeht, aber viele Läden leer stehen. Für den Schriftsteller Felix Huby, der in Grunewald lebt, ist das allerdings eher ein Plus: „Es hat mich zwar gefreut, dass das Interesse am Kudamm zurückgekommen ist. Wir sind aber keine Flaneure“, sagt er. Er schätze die ganz normalen Einkaufsmöglichkeiten an der Westfälischen Straße oder das Eis in Grüns-Eiscafé.

Dem Prestige des West-Berliner Boulevards mag es geschuldet sein, dass noch immer die Autokorsos nach Länderspielen auf dem Kudamm ihre Runden drehen oder Demonstrationen über den Kudamm ziehen. Vielleicht ist es aber auch die besondere Luft, die von Anfang an immer ein bisschen mehr nach Freiheit geschmeckt hat und den Boulevard einen Sehnsuchtsort bleiben ließ.

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