Ausgekocht

Nippelalarm im Vorratsschrank - Kampf mit den Verpackungen

Manchmal ist es gar nicht so einfach, an den Inhalt von Dosen, Tüten oder anderen Verpackungen zu kommen.

Zum Öffnen einer Sardinenbüchse braucht man einen Schlüssel

Zum Öffnen einer Sardinenbüchse braucht man einen Schlüssel

Foto: picture-alliance / beyond/BreBa

Es war Mike Krüger, Sie wissen schon, der mit der Supernase, der einst in einem Lied sang: „Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche ziehen, und mit der kleinen Kurbel ganz nach oben drehn. Da erscheint sofort ein Pfeil, und da drücken Sie dann drauf, und schon ist die Dose auf.“

An dieses Lied muss ich jedes Mal denken, wenn ich mich mit den neusten Ideen von Verpackungsingenieuren herumschlage. Meine Mutter fluchte in den 70-ern noch über Sardinendosen, die mit dem Schlüssel. Die sind heute längst vom Markt verschwunden - hoffe ich zumindest. Als ich junge Kolleginnen darauf ansprach, gestanden sie mir, solche Konstruktionen nur noch von Fotos zu kennen. Diese Dosen wurden immer mit einem Schlüssel geliefert, dessen "Bart" nur aus einem Schlitz bestand.

Die Schikane bestand in diesem Fall aus einem Metallnippel, den man in die Lasche am Schlüssel einführen musste. „Verlier bloß nicht den Schlüssel“, sagte meine Mutter immer, „die Dose bekommst du sonst nie auf.“ Aber auch mit dem Schlüssel war das so eine Sache. Man musste ihn mit eingeführtem Nippel drehen. Dann schälte sich ein dünner Metallstreifen von der Dose ab und wickelte sich auf den Schlüssel – in der Theorie. Wenn man den Schlüssel nur ein paar Millimeter schräg hielt, ergab sich ein künstlerisches Gebilde a la Warhol – und der Metallstreifen riss ab. Bei dem Versuch, jetzt die Dose aufzumachen gab es blutige Hände, verspritztes Sardinenöl oder Corned Beef und schließlich eine Dose im Müll.

Mordwerkzeug Büchsenöffner

Ähnlich schwierig waren die ganz normalen Konservenbüchsen, die ohne alles sozusagen. Das lag aber nicht an den Dosen selbst, sondern an den Büchsenöffnern. Die alten Modelle bestanden aus einem Dorn, einem Zahnrad und einem Griff. Den Dorn hieb man mit einem beherzten Schlag des Handballens in den Deckel - möglichst dicht am Rand, setzte das Zahnrad an, dann hieß es schwengeln. Ich meine, man musste den Arm mit Schwung bewegen, das Zahnrad ließ dann den Dorn, an dem eine Schneide war, durch das Blech säbeln. Ich bin aber Linkshänder, und für die gibt es solche Geräte nicht. Also musste ich in einer krampfhaften und anatomisch völlig ungeeigneten Bewegung den Griff von mir wegdrücken. Der Spaß an der Sache: Ausgerechnet der Deckel verleiht der Dose Stabilität. Je weiter man die Dose aufschnitt, desto instabiler wurde sie. Da man ja mit gewisser Kraft festhalten musste, verbog sie sich, der Inhalt verschwappte. Und wenn man nachgriff, schnitt man sich an dem messerscharfen Rand die Hände auf. Reizend. Der ganze Vorgang war kompliziert und meist eklig, weil etwas vom Büchseninhalt auch beim besten Abwaschen am Öffner kleben blieb. Und die Teile rosteten.

Konservendosen mit Ring sind auch nicht besser

Heutzutage ist man da viel weiter. Suppendosen haben mittlerweile einen Ring - wie eine Cola-Dose. Ring anheben, Ring einknicken, Ring ziehen, Ring abreißen. Der Ring hängt am Finger, der Fingernagel ist abgebrochen, die Dose bleibt zu, der Magen leer – denn viele haben schon gar keinen Büchsenöffner mehr.

Büchsen sind aber eh out – wegen des Blechs, das so viel Energie bei der Produktion erfordert. Glasflaschen sind in. Hygienisch, recycelbar, leicht zu öffnen. Wenn man Schwarzenegger ist. Denn das Vakuum verhindert das Öffnen meist – trotz beherzter Schläge auf den Flaschenboden wie bei Ketchup, was dazu dienen soll, Luft in das Vakuum zu lassen. Am schlimmsten sind Gurkengläser, denn die sind so groß, dass man sie mit der Hand nicht umfassen kann, geschweige denn den Deckel. Ein alter Trick funktioniert - meistens: den Deckel unter heißes Wasser halten. Dabei dehnt sich das Metall und plopp! Ist die Flasche auf.

Die Hölle der Aufreißbändchen

Schlimmer, viel schlimmer sind dagegen alle Aufreißvorrichtungen, egal ob es sich um Tütchen, Papp-Kartons wie bei Filtertüten oder Joghurtbecher handelt. Es gibt sie mit rotem Aufreißfaden, der besser Abreißfaden heißen sollte und mit Sollrissstelle, meistens als kleine Kerbe erkennbar.

Entweder weigert sich das Päckchen, an der vorgegebenen Stelle aufzureißen und bleibt trotz Einsatz von Fingern und Zähnen einfach zu - oder es reißt diagonal auf, sodass sich der Inhalt - im Idealfall Reis - über den gesamten Küchenboden ergießt. Manchmal habe ich das Gefühl, das ist Absicht. Ist der halbe Packungsinhalt erst einmal über den Boden verstreut und damit unbrauchbar, muss man schneller nachkaufen. Macht Sinn, oder?

Eine besonders perfide Methode haben die Franzosen entwickelt. Auf zahlreichen Packungen steht “Ouverture facile” oder “Facile á ouvrir”. Und genau diese Verpackungen sind die, die sich nicht leicht öffnen lassen. Ohne Schere oder Messer geht da in der Regel gar nichts. Das betrifft vor allem vakuumierte Verpackungen. Schrumpffolie ist für mich das letzte. Neulich habe ich ein T-Bone-Steak gekauft, dass fest eingeschweißt war. Normalerweise kann man die obere Plastikschicht ja an einer Ecke fassen und mit viel Kraft abziehen. Meistens reißt dann die Ecke ab, oder die Schweißnaht hält so fest, dass sich nichts lösen will. Bei diesem Steak existierte weder eine Lasche, noch ein Aufreißfaden noch eine Kerbe. Das Plastik war extrem dick und stabil und umschloss dank der Vakuumierung das Fleisch ohne jede Lücke. Aufschneiden hieß auch das Fleisch anschneiden. Da war guter Rat teuer. Ich schaffte es schließlich mit einem kleinen sehr scharfen Messer einen chirurgisch perfekten Schnitt anzubringen, der die Kante zwischen Fleisch und Plastik traf.

Insgesamt ist also klar, warum man seine Lebensmittel möglichst frisch kaufen sollte. Da kämpft man höchstens mit dem Wachspapier oder der Papiertüte, aber nicht mit tückischen Ideen von Verpackungsingenieuren, die offenbar nur zum Ziel haben, den Inhalt möglichst sicher wegzuschließen und vom Verbraucher fernzuhalten - als ob es sich um eine giftige Chemikalie handeln würde. Was aber vielleicht auch der wahre Grund ist.