Flughafen BER

Neue Lärmentgelte: Airlines drohen BER mit Klagen

Freitag wird der BER-Eröffnungstermin verkündet. Doch auch nach der Inbetriebnahme droht Ärger. Fluglinien lehnen neue Lärmentgelte ab.

Der Baufortschritt ist zunehmend sichtbar: In dieser Halle wird sich zukünftig der Gastronomie-Bereich des Flughafens befinden.

Der Baufortschritt ist zunehmend sichtbar: In dieser Halle wird sich zukünftig der Gastronomie-Bereich des Flughafens befinden.

Foto: FABRIZIO BENSCHReuters

Berlin. Am Freitag will Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup verkünden, an welchem Tag genau im kommenden Herbst der BER eröffnet. Der Aufsichtsrat dürfte sich aber auch noch mit der Frage befassen, ob es überhaupt so weit kommt. Denn der TÜV hat in einem Bericht vom September gemahnt, es seien noch viele Mängel an den Kabeltrassen nicht behoben, die Prüfung könnten sich bis in den Juni 2020 hinein verzögern.

Die Flughafengesellschaft (FBB) reagierte auf einen entsprechenden Bericht des „Tagesspiegels“ so wie meistens: Den Bericht gebe es, aber die Interpretation ist eine andere. Man arbeite mit Hochdruck an der notwendigen Abarbeitung der Mängel in den Kabelbereichen, erklärte die FBB. Die Abarbeitungsgeschwindigkeit habe sich in den letzten zwei Monaten durch die Umstellung der Prüfroutinen wesentlich verbessert. Der Fortschritt entspreche den Erwartungen des Baubereiches.

Systemwechsel für Lärmentgelte am BER geplant

Während auf der Baustelle noch um die Eröffnung gerungen wird, sind die Vorbereitungen für die Zeit nach dem Tag X weit fortgeschritten. Dazu soll auch ein neues System der Lärmentgelte für den BER gehören. Die jeweiligen Flugzeugtypen sollen nicht mehr in einzelne Lärmklassen eingeteilt und die Airlines dementsprechend für Starts und Landungen zur Kasse gebeten werden. Vielmehr soll am BER erstmals in Deutschland der Lärm für alle Flüge genau gemessen und dann den Fluglinien in Rechnung gestellt werden.

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Während die Fluglärmkommission das Modell begrüßen würde, haben wichtige Kunden massive Bedenken. Die deutschen Fluglinien wollen dagegen klagen. „Wir werden es wohl tun“, sagte Michael Engel, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Fluggesellschaften, der Berliner Morgenpost.

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Rückenwind für die kritischen Fluggesellschaften bringt ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus der vergangenen Woche. Die Luxemburger Richter stellten in einem Rechtsstreit der Lufthansa gegen das Land Berlin über die Landegebühren am Flughafen Tegel fest, dass die Airlines sehr wohl gegen die zuständigen Behörden klagen dürften. Die unteren Instanzen hatten die Ansicht vertreten, im Streit um Landegebühren an Flughäfen hätten die Fluggesellschaften keine Klagebefugnis gegen die Behörde, die die Gebühren genehmigen muss.

Deutsche Fluglinien und Piloten laufen Sturm gegen Einzelabrechnung

Seit Monaten laufen Lufthansa & Co Sturm gegen das neue Berliner Modell. Sie haben dabei die Pilotengewerkschaft Cockpit auf ihrer Seite. Sie fürchten weniger Sicherheit, höheren Kerosin-Verbrauch, mehr Kohlendioxid-Emissionen und einen erheblichen Verwaltungsaufwand.

Die Flughafengesellschaft plant, die Lärmemissionen der Jets an 30 Messstellen genau zu erheben. Um leiser zu fliegen und damit in eine günstigere Lärmklasse zu kommen, könnten die Piloten ihre Maschinen beim Start steiler nach oben ziehen. Das würde zwar den Krach etwas weiter verteilen, aber in der Spitze wären die Dezibel-Werte für viele Anwohner deutlich niedriger. Bei der Landung könnten die Flieger Lärm vermeiden, wenn sie Fahrwerk und Landeklappen später ausfahren. Denn das Ausfahren macht Flugzeuge lauter. Ohne diese „Konfiguration“ könnten die Maschinen mit weniger Lärm über die Messstellen kommen – und so für die Airlines Geld sparen.

Mehr Kohlendioxid und weniger Sicherheit

Die deutschen Fluggesellschaften und auch die Piloten wollen das aber nicht. Man werde nicht Sicherheitsreserven gegen niedrigere Lärmentgelte eintauschen, sagte Verbands-Geschäftsführer Engel. Die „ereignisbezogene Lärmentgeltberechnung“ werde den Lärm zudem neu verteilen, weil sich von einem höher fliegenden Jet die von dort trichterförmig ausgehenden Schallwellen weiter in der Umgebung verteilen. Am Ende könnten mehr Anwohner vom Lärm betroffen sein, so das Argument der Fluglinien.

Zweiter wesentlicher Punkt gegen die Pläne der Flughafengesellschaft ist der höhere Kohlendioxid-Ausstoß. Das steilere Abflugverfahren sorge bei 150.000 Abflügen jährlich für zusätzliche Emissionen von 16.000 Tonnen, rechnen die Airlines vor. Das entspreche dem Ausstoß einem größeren Dorf mit 1800 Einwohnern.

Das Argument der Flughafengesellschaft, die Airlines könnten sogar Kerosin und damit Emissionen sparen, wenn sie schneller die Reiseflughöhe erreichten, teilt der Airline-Verband nicht. „Wenn das so wäre, würden wir jubeln und das natürlich machen“, sagte Geschäftsführer Engel. Aus seiner Sicht können einzeln gemessene Lärmentgelte sogar die Modernisierung der Flotten hin zu leiseren Jets gefährden, weil die Fluggesellschaften auch durch die schlichte Änderung von Flugmanövern Lärmentgelte sparen könnten.

Easyjet findet das neue System gut und würde Geld sparen

Jedoch stehen die BER-Verantwortlichen mit ihrem Wunsch nach einem Systemwechsel bei der Kostenerhebung für Fluglärm nicht allein da. Der größte Kunde der Berliner Flughäfen, der britische Billigflieger Easyjet, unterstützt das neue System. Die Briten haben am Flughafen Schönefeld bereits die neuen Regeln getestet. In der Folge rutschten viele Flüge in eine billigere Lärmklasse. In der Branche heißt es, Easyjet könne eine Million Euro pro Jahr an Lärmentgelten sparen, wenn ihre Piloten konsequent steiler abflögen und später die Fahrwerke ausführen.

Insgesamt rechnet die FBB aber mit höheren Lärmentgelten am BER. Statt bisher 34 Millionen Euro pro Jahr sind für die kommenden Jahre 37 Millionen eingeplant. Die neue Entgeltordnung muss bis zum Mai 2020 beantragt werden, ehe die Brandenburger Aufsichtsbehörde die Pläne genehmigen kann. Erst dann könnten die Fluglinien dagegen klagen.

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