Flugverkehr

BER: Piloten sollen leiser fliegen, sonst drohen hohe Kosten

Die Flughafengesellschaft will mit einem bundesweit einmaligen Verfahren am BER Anreize für weniger Fluglärm schaffen.

Der Hauptstadtflughafen BER. Tatsächlich verursachte Lärmwerte sollen von jedem einzelnen An- und Abflug erfasst und individuell abgerechnet werden.

Der Hauptstadtflughafen BER. Tatsächlich verursachte Lärmwerte sollen von jedem einzelnen An- und Abflug erfasst und individuell abgerechnet werden.

Foto: Ralf Hirschberger / picture alliance / Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild/dpa

Berlin. Mit einem bundesweit einmaligen Pilotprojekt will die Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg (FBB) dafür sorgen, dass Anrainer des künftigen Großflughafens BER in Schönefeld von Fluglärm entlastet werden. Das bisher branchenübliche Verfahren, das Flugzeugtypen in verschiedene Lärmklassen eingeordnet und dazu Lärmentgelte festgelegt, soll komplett abgeschafft werden.

Stattdessen sollen am BER nach seiner Eröffnung die tatsächlich verursachten Lärmwerte von jedem einzelnen An- und Abflug erfasst und individuell abgerechnet werden, sagte FBB-Chef Engelbert Lütke Daldrup am Freitag. „Wir werden künftig genauer hinschauen und mit unserem neuen Lärmentgeltsystem Anreize für die Airlines schaffen, damit diese ihre Piloten anweisen, laute Flugverfahren zu vermeiden“, sagte Lüdtke Daldrup.

Der Flugzeugtyp spiele dagegen künftig keine Rolle mehr, betonte der Flughafenchef. Je nachdem, wie viel Lärmemissionen verursacht werden, sollen so pro An- und Abflug 40 bis 7500 Euro fällig werden. Noch deutlich teurer soll es werden, wenn das laute Flugverfahren, das der Pilot durch Anflugwinkel und Schub beeinflussen kann, in den sensiblen Flugrandzeiten zwischen 5 und 6 Uhr sowie 22 und Null Uhr zur Anwendung kommt.

Hintergrund: Flughafen-Chef Lütke Daldrup schaltet in den Charme-Modus

BER-Chef Lütke Daldrup: „Wer leiser fliegt, zahlt weniger“

„Das ist ein Pionierprojekt, das es so in Deutschland und möglicherweise auch weltweit noch nicht gibt“, sagte Lütke Daldrup weiter. Am BER, der, wie der Flughafenchef BER erneut versicherte, termingerecht im Oktober 2020 an den Start gehen werde, solle von Anfang an und konsequent das Prinzip gelten: „Wer leiser fliegt, zahlt weniger“.

Möglich werde diese Art der Abrechnung durch moderne Lärmmesstechnik am Boden. Zusätzlich zu den bereits heute vorhandenen 15 Messpunkten an den Flugkorridoren sollen weitere sechs installiert werden, um das Verfahren zu verfeinern.

Die Anschaffungskosten für die sechs zusätzlichen Meßstellen dafür seien überschaubar: Pro Messstelle werden 20.000 bis 25.000 Euro investiert, teilte die FBB mit. Dass das Verfahren tatsächlich funktioniere und am Flughafen Schönefeld erprobt werden konnte, habe man einer „Fluggesellschaft mit progressiver Umweltidee“ zu verdanken, so Lüdtke Daldrup. Den Namen wolle er aus wettbewerbsrechtlichen Gründen jedoch nicht nennen. Wie die Berliner Morgenpost aus Branchenkreisen erfuhr, soll es sich dabei um die britische Fluggesellschaft Easyjet handeln.

Sieben Jahre nach dem ursprünglich geplanten Eröffnungstermin sind die Baufirmen am BER immer noch damit beschäftigt, Mängel abzuarbeiten. „Doch diese Arbeiten befinden sich im Zeitplan“, versicherte Lütke Daldrup.

Neues Verfahren das erster seiner Art an einem deutschen Flughafen

Das neue Verfahren, das Nachbarschaft und Umwelt schonen soll, sei eines der ersten seiner Art an einem deutschen Flughafen. Bisher seien die Lärmklassen nach Flugzeugtypen und nicht nach tatsächlich verursachtem Lärm geordnet gewesen. „Ein Airbus A 320 war immer in einer Lärmklasse, egal, ob Sie laut oder leise geflogen sind“, sagte Daldrup. Deshalb habe es sich für die Fluggesellschaften nicht gelohnt, leiser zu fliegen.

Zwischen 40 und 7500 Euro müssten die Fluggesellschaften nun künftig für den von ihnen verursachten Lärm bezahlen – je nachdem, welche von elf Lärmklassen sie erreichen. Der Flugzeugtyp Airbus A 320 etwa bewege sich zwischen 100 und 300 Euro. In den Randzeiten von 5.00 Uhr bis 6.00 Uhr sowie von 22.00 Uhr und 24.00 Uhr sollen die Gebühren zudem deutlich höher ausfallen als in den Kernzeiten, erklärte Daldrup.

In einem Feldversuch am Flughafen Schönefeld SFX vom April 2017 bis April 2019 habe man den Beweis erbracht, dass der gleiche Flugzeugtypus, in diesem Falle ein Airbus A 319, je nach Flugverfahren mehrere Lärmklassen überspringe konnte. Der maximale Lärmpegel konnte durch entsprechendes Pilotenverhalten um mehrere Dezibel gesenkt werden.

Strafen zwischen 40 und 7500 Euro

So habe es der Pilot nach Einführung des neuen Gebührenmodells in der Hand, entweder 80 Euro in der bisherigen Lärmklasse 3 zu zahlen – oder 125 beziehungsweise sogar 515 Euro, wenn er in die Lärmklasse fünf rutscht. Zudem soll es künftig nicht mehr nur sieben, sondern elf Lärmklassen geben. Auch die Zahl der Lärmmesspunkte am Boden soll noch weiter ausgebaut werden, damit die Lärmkostenabrechnung noch genauer erfolgen könne. „Auch das dient dazu, lärmvermeidendes Fliegen zu fördern“, sagte Lütke Daldrup.

Wie bisher soll es allerdings dabei bleiben, dass bei 7500 Euro Schluss ist – teurer soll es auch künftig nicht werden. Diese Summe mussten bislang ohnehin nur alte, große Transportflugzeuge aufbringen, etwa aus früherer sowjetischer Produktion, hieß es bei der Flughafengesellschaft.

BER-Chef vermittelt Zuversicht - "Monster final gezähmt"

Der Flughafenchef nutzte die Vorstellung des neuen Lärmgebührenmodells am Freitag auch, um Zuversicht zu verbreiten, dass der kommunizierte Eröffnungszeitpunkt der Dauerbaustelle BER nach wie vor gilt. Denn sieben Jahre nach dem ursprünglich geplanten Eröffnungstermin sind die Baufirmen am BER immer noch damit beschäftigt, Mängel abzuarbeiten. Im April waren erneut Zweifel aufgekommen, ob der Terminplan für die Eröffnung im Oktober 2020 eingehalten werden kann. Mitte April waren interne Berichte des Tüv Rheinland vom März bekannt geworden, in denen von weiterhin großen Problemen am Kabelkanal die Rede war.

„Doch alle Arbeiten befinden sich im vorgesehenen Zeitplan“, versicherte Flughafenchef Lütke Daldrup. Auf dem Weg zur geplanten Eröffnung des BER in 17 Monaten habe man im Mai entscheidende Hürden genommen. Der übergeordnete Sachverständige habe die Rauchabzugsanlagen sowie die Lüftungstechnik „final geprüft“ und als für den Betrieb zulässig erklärt, sagte der Flughafenchef. „Das Monster ist final gezähmt“, sagte Lüdtke Daldrup.

„Monster“ ist der unternehmensinterne Begriff für einen zentralen Abschnitt der Brandschutzanlage, den die Ingenieure jahrelang nicht in den Griff bekamen. Die Fertigstellung der Brandschutzanlage im Terminal hatte sich immer wieder verzögert. Daneben gibt es diverse Mängel auf dem Flughafengelände, die noch immer beseitigt werden müssen.