Flughafen

Was BER-Chef Karsten Mühlenfeld in 100 Tagen erreicht hat

Der Berliner wurde im März Geschäftsführer für den neuen Airport. Er startete ohne Turbulenzen, blieb anders als sein Vorgänger aber blass.

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Als die Abgeordneten des Brandenburger Landtages vor Kurzem wieder einmal in Schönefeld die Dauerbaustelle des künftigen Hauptstadtflughafens besichtigten, war es nicht BER-Chef Karsten Mühlenfeld, der das große Wort führte. Nach knapper, aber prägnanter Einschätzung der Lage überließ er seinem Technikchef Jörg Marks den Hauptpart, im Gespräch und bei der Führung durch das Terminal. „Da waren wir unter Hartmut Mehdorn anderes gewöhnt“, sagt ein Mitglied des BER-Sonderausschusses.

Mühlenfelds Vorgänger Mehdorn war dafür bekannt, dass er gern das erste und letzte Wort haben wollte. Markige Sprüche und Ideen gehörten ebenso zu ihm wie wütende Auftritte, Humor und Schlagfertigkeit. Karsten Mühlenfeld wirkt dagegen fast langweilig. 100 Tage ist der 52-Jährige am kommenden Dienstag im Amt – und dabei ziemlich blass geblieben, wie Kritiker finden. Dafür aber legte er einen ruhigen Start ohne Turbulenzen hin.

„Ein guter Beginn auf schwierigem Terrain“, bescheinigt der amtierende Aufsichtsratschef Rainer Bretschneider dem früheren Rolls-Royce-Manager. Landrat Stephan Loge (SPD), dessen Bauordnungsamt dem Flughafen im Juni 2012 wegen Brandschutzmängel die Genehmigung versagte, gibt sich zufrieden. „Es wird langsam zur Gewohnheit, dass Termine eingehalten werden.“

Mühlenfelds Probezeit wird verlängert

Selbst die Opposition in den Parlamenten von Berlin und Brandenburg äußert verhalten Anerkennung. „Karsten Mühlenfeld hat die Probezeit aus unserer Sicht noch nicht bestanden“, sagt Brandenburgs Grünen-Fraktionschef Axel Vogel der Berliner Morgenpost. „Aber er bekommt sie verlängert.“ Kritiker trauen dem Top-Manager Mühlenfeld durchaus zu, den Flughafen endlich an den Start zu bringen, doch es gibt in Brandenburg wie auch in Berlin Zweifel an dem kaufmännischem Know-how in der Flughafengesellschaft.

Der Maschinenbauingenieur hatte bislang in erster Linie die Aufgabe, das voranzutreiben, was sein Vorgänger zusammen mit Technikchef Jörg Marks hinterlassen hat: Er muss dafür sorgen, dass das Konzept für die Fertigstellung des Flughafens im zweiten Halbjahr 2017 umgesetzt wird. Eingeteilt ist es in sogenannte Meilensteine.

Etwa 200 Schritte müssen bis zum Frühjahr 2016 abgearbeitet sein. Fast ein Drittel davon ist geschafft. „Wir überwachen das wöchentlich und sehr detailliert“, versichert Mühlenfeld. Die bislang nicht steuerbare Monster-Brandschutzanlage ist in kleinere Abschnitte zerlegt. Mindestens einmal pro Woche ist der Flughafenchef auf der BER-Baustelle, für die Technikchef Jörg Marks zuständig ist, hört und sieht sich um, wie es dort läuft. Etwa 600 Menschen arbeiten derzeit im Terminal.

Bund war gegen Karsten Mühlenfeld

Auf dem gebürtigen Berliner lastet ein enormer Druck. Der Bund hat im Aufsichtsrat gegen ihn als neuen Flughafen-Geschäftsführer gestimmt. Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) soll sich enthalten haben. Brandenburg hatte Mühlenfeld für den Posten vorgeschlagen, nachdem Mehdorn vorzeitig seinen Rückzug angekündigt hatte. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sagt über ihn: „Er ist ein exzellenter Wirtschaftsmanager.“ Einen Flughafen hat er bislang aber nicht gemanagt.

Dass Karsten Mühlenfeld – anders als sein Vorgänger Mehdorn – nicht ständig aus der Haut fährt, liegt nicht nur an der unterschiedlichen Mentalität der beiden. Der frühere Bahnmanager Mehdorn hatte bei seinem Amtsantritt im März 2013 ein knappes Jahr nach der geplatzten Eröffnung noch wütende und vorwurfsvolle Politiker in Berlin und Brandenburg sowie im Bundestag gegenübersitzen. Auf der Baustelle herrschte Stillstand, innerhalb der Flughafengesellschaft war die Stimmung auf dem Nullpunkt.

Als Karsten Mühlenfeld die Geschäftsführung Mitte März 2015 übernahm, war die Wut schon verraucht und die Hoffnung auf einen baldigen, neuen Eröffnungsversuch des Hauptstadt-Airports längst gestorben.

Opposition vermisst den finanziellen Durchblick

Die Parlamente suchen zwar immer noch akribisch nach den Schuldigen in der Flughafengesellschaft und bei der Politik, der Ton aber, der hat sich etwas gemäßigt. Mühlenfeld hat selbst aber auch dazu beigetragen. „Er redet anders als Mehdorn nicht alles schön, was gerade läuft“, sagt Grünen-Fraktionschef Vogel. Und er setzt auf mehr Transparenz.

Während Mehdorn Motivationsbriefe an die Mitarbeiter und Protest-Schreiben an die drei Gesellschafter – Berlin, Brandenburg und der Bund – versandte, will der jetzige Flughafenchef regelmäßig „Politik-Briefe“ schreiben. An Entscheider aus Politik, Wirtschaft und Medien. Jeder interessierte Bürger kann den Newsletter abonnieren. Was die Opposition bei Mühlenfeld aber vermisst, ist der finanzielle Durchblick. „Er hat bislang keine verlässlichen Zahlen vorgelegt“, sagt Vogel. Finanzchefin Heike Fölster steht zunehmend in der Kritik.

Die schwierigste Phase steht der Flughafen-Geschäftsführung noch bevor. Der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses in Berlin, Martin Delius (Piraten), vermisst eine langfristige Unternehmensstrategie. „Es ist unklar, ob der BER auf Dauer ein Zuschussgeschäft bleibt.“ Der CDU-Fraktionschef im Potsdamer Landtag, Ingo Senftleben, sagt: „Ich bin gespannt, ob es Mühlenfeld gelingt, ein überzeugendes Erweiterungskonzept für den Flughafen vorzulegen.“ Inzwischen haben auch die Gesellschafter eingesehen, dass der BER viel zu klein sein wird, um die erwarteten Passagiere problemlos abfertigen zu können, sagt Senftleben. „Die Erkenntnis kam leider ziemlich spät.“ Die Problemanalyse ist mittlerweile, 1114 Tage nach der Nichteröffnung des Flughafens, abgeschlossen. Jetzt kommt der Endspurt.

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