Kaum ein Tag vergeht bald mehr, an dem nicht neue Vorwürfe im Zusammenhang mit dem verpatzten Bau des Hauptstadtflughafens BER laut werden. Nun ist es der Architekt des neuen Schönefelder Flughafens, der die Flughafengesellschaft für die mehrfache Verschiebung der Eröffnung und diverse Fehlplanungen verantwortlich macht. Laut Meinhard von Gerkan, der bereits den Flughafen Tegel entworfen hatte, habe sich die Arbeit der Flughafengesellschaft als „großangelegte Täuschung“ herausgestellt, wie der „Spiegel“ berichtet.
Das Magazin zitiert aus der Gerichtsakte, die von Gerkans Anwälte zusammengestellt haben. Meinhard von Gerkan und sein Team hatten seit 2004 den BER geplant. Im Mai 2012 wurde von Gerkan gekündigt und verklagt. Die Akte ist nun die Erwiderung seiner Anwälte auf die Anklageschrift gegen ihn.
Mit zahlreichen Änderungswünschen habe die Flughafengesellschaft den Bauablauf „regelrecht zerschossen“, heißt es. Auch hätten sie ihrem eigenen Aufsichtsrat und der Öffentlichkeit suggeriert, dass der Terminal „pünktlich und innerhalb des Wunschbudgets fertig werden könne“.
Demnach gab es bis Mai 2012 insgesamt 286 Planänderungsanträge – eine „fortdauernde Behinderung der eigenen Baustelle“. So hätten Flächen für Check-In-Schalter reduziert werden müssen, um den „Non Aviation“-Bereich – einer Idee von Noch-Flughafenchef Rainer Schwarz – mit Boutiquen und Restaurants hinter der Sicherheitskontrolle auszubauen. „Profitable Flächen“ seien zu planen gewesen, auf Kosten der Nutzflächen für die Fluggastabfertigung.
Spätestens seit 2008 habe die Flughafengesellschaft mit „Halbwahrheiten und unrealistischen Vorgaben“ gearbeitet, heißt es laut „Spiegel“ in der Klageerwiderung des gekündigten Architekten.
Die Flughafengesellschaft ist laut von Gerkans Anwälten nicht nur für das Terminchaos verantwortlich, das Personal des Staatsbetriebes sei „selbstverständlich“ auch zu unerfahren im Flughafenbau, „nicht ausgebildet“ und daher einfach ungeeignet, einen Flughafen neu in Betrieb zu nehmen.
Die Flughafengesellschaft hat die Vorwürfe von Meinhard von Gerkan am Sonntag direkt zurückgewiesen. Ein Sprecher sagte, die Flughafengesellschaft bestärke „ihre Kritik an der Arbeitsweise des Architektenbüros“. Zu Details aus der Akte der Architekten-Anwälte wollte sich der Sprecher nicht äußern. Die Flughafengesellschaft ihrerseits sieht in von Gerkans Planungsarbeit einen Grund für das Chaos auf der Schönefelder Baustelle.
Platzeck stellt Vertrauensfrage
Konsequenzen aus den Querelen um den BER sollen in dieser Woche gezogen werden. In der Aufsichtsratssitzung am Mittwoch soll nicht nur Flughafenchef Rainer Schwarz den Hut nehmen, auch Wowereit will den Chefposten an Brandenburgs Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) übergeben.
Doch bevor der Wechsel stattfindet, stellt Platzeck am heutigen Montag im Brandenburger Landtag die Vertrauensfrage. Ab 11 Uhr befassen sich die Brandenburger Abgeordneten in einer Sondersitzung mit der vierten Verschiebung der BER-Eröffnung, Platzeck will eine Regierungserklärung abgeben. In diesem Zusammenhang will der Ministerpräsident gemäß Artikel 87 der Landesverfassung fragen, ob er im Landtag noch Rückhalt hat. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Landes, dass Artikel 87 zur Anwendung kommt.
Dass Platzeck vor der Übernahme des Aufsichtsratsvorsitzes die Vertrauensfrage stellt, begründete er damit, „dass er sich an der für die wirtschaftliche Zukunft Brandenburgs wichtigen Wegmarke der vollen Unterstützung der die Landesregierung tragenden Fraktionen absolut sicher sein will“. Die rot-rote Koalition im Parlament signalisierte dafür bereits ihre Unterstützung. Am Sonnabend schloss sich der Landesvorstand der Linken dem Votum der Landtagsfraktion an, den Regierungschef in der Flughafen-Krise mitzutragen. SPD und Linke kommen im Parlament auf 55 von 88 Stimmen. Die Opposition wird voraussichtlich geschlossen gegen Platzeck stimmen.
Die Sondersitzungen und Abstimmungen über die Regierungschefs Wowereit und Platzeck bringen derzeit vor allem CDU und Linke in Erklärungsnöte. Die CDU in Berlin stützt als Koalitionspartner Wowereit, in Brandenburg macht sie gegen Aufsichtsratsmitglied Platzeck mobil. Umgekehrt ergeht es der Linken, die argumentieren muss, warum sie in Brandenburg die Regierung in Sachen BER stützt, in Berlin aber gegen Wowereit votiert hat.


































