BER-Debakel

Händler am Flughafen BER kämpfen ums Überleben

Die erneute Verschiebung des Starttermins belastet die Mieter. Sie versuchen, irgendwie durchzuhalten. Wowereit entschuldigt sich.

Foto: DAPD

Leonhard Müller wird nächste Woche einen schönen, großen Laden an Berlins Flughafen eröffnen. Allerdings nicht am neuen BER, wohin der Chef der Uhrenmanufaktur Askania immer noch gerne ziehen würde. Sondern in Tegel, nahe am Gate 1. Auf mehr als 200 Quadratmetern darf der Unternehmer seine edlen Chronometer präsentieren, dazu hat er ein paar Geschäftsfreunde mit anderen exklusiven Waren mit hereingenommen. Die Flughafengesellschaft kommt bei der Miete entgegen. Denn immerhin wird Müller nach heutigem Stand mit seinen Läden am BER erst zwei Jahre nach dem ursprünglich einmal im Mietvertrag vereinbarten Termin Geld verdienen können.

Wegen laufender Kredite und entgangenem Umsatz fehlten ihm rund eine halbe Million Euro Cashflow, sagt Müller. Diese Ausfälle ersetzt ihm und anderen Unternehmen niemand: nicht die Flughafengesellschaft und nicht das Land Berlin, die mit dem Flughafendesaster die Probleme erst verursacht haben.

Viele der Mieter wollen nicht klagen - sie halten durch

Der Askania-Chef muss mit dem Provisorium leben. „Die verspätete Eröffnung ist nicht so spät, dass man genügend Zeit hätte, etwas anderes zu machen, und nicht früh genug, dass man einfach abwartet“, beschreibt Müller das Dilemma, in dem viele BER-geschädigte Händler, Gastronomen und andere Unternehmer stecken. An eine Klage auf Schadenersatz denkt Müller jedoch nicht. Schließlich wolle er ja mit der Flughafengesellschaft im Geschäft bleiben. Wie Müller machen es viele der Mieter am neuen BER. Sie halten irgendwie durch. Nur sieben Firmen hätten sich an den Unternehmensservice der Fördergesellschaft Berlin Partner mit der Bitte um Hilfe gewandt, heißt es aus der Wirtschaftsverwaltung. Die Industrie- und Handelskammer Berlin weiß von „zwei oder drei“ Fällen, die schon wegen der vorletzten Verschiebung des Eröffnungstermins auf März 2013 in Existenznot geraten seien. Die Flughafengesellschaft geht davon aus, dass vier Unternehmen „stärker zu knapsen“ hätten.

Wowereit: „Es tut mir unendlich leid”

Ob diese Zahlen jetzt zunehmen, weil die Durststrecke sich um mehr als sieben Monate bis Ende Oktober 2012 verlängern wird, ist ungewiss. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) äußerte am Mittwoch bei einer IG-Metall-Veranstaltung sein Bedauern: „Es tut mir unendlich leid, dass wir den BER nicht zum Fliegen gebracht haben am 3. Juni.“

Folgen hat dieses Gefühl jedoch keine. Die Wirtschaftsverwaltung der Senatorin Sybille von Obernitz (parteilos, für CDU) geht davon aus, dass die Hilfsangebote ausreichen. Sollte sich aus der neuen Lage etwas anderes ergeben, werde das bestehende Instrumentarium überprüft, heißt es. Dem Vernehmen nach denkt die Wirtschaftsverwaltung darüber nach, den Liquiditätsfonds der landeseigenen Investitionsbank auch für die Branchen Einzelhandel oder Gastronomie zu öffnen.

Am Donnerstag kommender Woche wird sich das Plenum des Abgeordnetenhauses mit einem Antrag der Grünen befassen, einen Härtefallfonds für BER-Geschädigte einzurichten. Die Grünen-Wirtschaftsexpertin Nicole Ludwig hätte gerne einen Topf mit 1,5 bis zwei Millionen Euro. In den Ausschüssen des Parlaments hatte die Koalition aus SPD und CDU das Ansinnen der Grünen abgelehnt.

Gesellschaft rechnet mit zusätzlichen Kosten für Schadenersatz

Die Flughafengesellschaft hat bisher einigen ihrer Mieter die Kautionen zurückgezahlt und den Mietvertrag verlängert, um ihnen mehr Zeit zu geben, ihre Investitionen zu finanzieren. Derzeit werden Unternehmen angeschrieben, um über die neue Lage nach der abermaligen Verschiebung des Starttermins zu sprechen. Die Gesellschaft rechnet mit zusätzlichen Kosten für Schadenersatz an Airlines und andere Unternehmen. So werden die bisher mit fünf Millionen Euro vertraglich feststehenden Leistungen an die Betreiber des Airport-Hotels und eines Bürohauses steigen. Zudem seien viele Mieter mit der erneuten Verschiebung über die Frist von 18 Monaten zwischen Mietvertragsunterzeichnung und Eröffnung gerutscht, die bisher als Risiko des Mieters galten. Dennoch geht die Flughafengesellschaft davon aus, im bisher geplanten Rahmen der Kostenüberschreitung von 1,2 Milliarden Euro bleiben zu können. Möglich werde dies, weil der zusätzliche Schallschutz weniger als die zuletzt genannten 591 Millionen Euro kosten werde. Und auch der eingepreiste Puffer für eine weitere Steigerung der Baukosten werde wohl nicht ausgeschöpft, wenn die Brandschutzanlage nicht komplett wieder herausgerissen werden sollte.

Ausfälle von mehr als 320.000 Euro

Unternehmer, die auf ihren Verlusten sitzen bleiben, sehen die Lage weniger entspannt. Karsten Schulze, Chef des Spandauer Bus-Unternehmens Haru-Reisen, sitzt auf laufenden Krediten für zwei moderne Busse, mit denen er eigentlich einen Zubringer vom Rathaus Steglitz zum BER anbieten will. Mit der Verschiebung stiegen die Ausfälle auf mehr als 320.000 Euro, so Schulze. Die Busse seien wegen ihrer speziellen Bauweise weder im Reiseverkehr noch im Nahverkehr einzusetzen. „Das macht uns schon zu schaffen“, sagt der Unternehmer. „Wenn es kein Entgegenkommen gibt, werde ich eine Klage anstreben“, sagt Schulze weiter. Er wolle versuchen, die Geschädigten an einen Tisch zu bringen, um gemeinsam Ansprüche geltend zu machen, so das langjährige Präsidiumsmitglied der IHK. Eine gemeinsame Klage könnte das Prozessrisiko für jeden Einzelnen vermindern. Es gehe dabei nicht nur um Firmen, die durch das „Versagen der Politik“ in Existenznot gerieten. „Wir haben in der mittelständischen Wirtschaft gelernt, dass es so etwas wie Haftung gibt“, sagt Schulze. Aber die Leute, die den Schaden angerichtet hätten, täten nichts. Stattdessen kassierten sie weiter hohe Gehälter.

Hans Koch vom Fast-Food-Anbieter Asiagourmet, dessen Geschäft im „Food Court“ des neues Flughafens einstaubt, flüchtet sich bereits in Galgenhumor: „Es ist uns schon fast peinlich zu sagen, dass wir auch auf diesem Flughafen sind“, sagt Koch, „die Leute schauen uns dann immer komisch an.“