Stephan Loge

Der Landrat, der die BER-Eröffnung platzen ließ

Landrat Stephan Loge pochte auf ein Brandschutzkonzept für den Hauptstadtflughafen. Mit seinem folgenschweren Nein kann er gut leben.

Foto: Amin Akhtar

Nur wenn Landrat Stephan Loge etwas verneint, merkt man noch, wo er herkommt. Der gebürtige Görlitzer, der seit zehn Jahren in Lübben wohnt, Kreis Dahme-Spreewald, hat sich das gemütliche Sächsisch fast abgewöhnt, sagt aber manchmal noch „ni“ für „nicht“. Er sagt dann: „Ich wollte ni der Schuldige sein, der den Flughafen am 30. Mai ni freigeben kann.“ Oder: „Mir war lange ni bewusst, welche Rolle wir gespielt haben.“

Landrat Stephan Loge ist ein 52 Jahre alter Mann, der mit einer bestimmten Verneinung in die Geschichte der Länder Berlin und Brandenburg eingehen wird. Er war es, der mit seiner Forderung nach einem schlüssigen Brandschutzkonzept im Flughafen BER dafür sorgte, dass die Chefs Rainer Schwarz und Manfred Körtgen zugeben mussten: Das wird nichts mehr. Körtgen musste abdanken. Die Geschichte um das Flughafendesaster ist auch die eines Politikers aus einem Landkreis, der so groß wie das Saarland ist. Und es ist die Geschichte eines Beamten, der ernst genommen werden will.

Landrat Loge kann sich an eine Zeit erinnern, da zweifelten manche in Berlin, dass dieses Landratsamt das überhaupt hinbekomme. Er aber sagte, dass eine Verzögerung nicht an ihm liegen werde. Er habe 800 Mitarbeiter, 400 in Lübben, 400 in Königs Wusterhausen. Drei Wochen brauche sein Team, um alle Unterlagen der Brandschutzgutachten zu prüfen, bevor sie genehmigt werden können.

Schon am 13.März drängte Landrat Loge per E-Mail darauf, dass die Gutachter ihm ein „genehmigungsfähiges Brandschutzkonzept“ vorlegen. Er schrieb: „Ich bitte Sie, alles zu unternehmen, um die Inbetriebnahme des Fluggastterminals mit den genehmigten Brandschutzkonzepten … zu gewährleisten.“ Er erhielt keine Antwort. Noch am 5. Mai telefonierte der Landrat mit Körtgen und holte sich eine weitere Bestätigung ein, alles laufe nach Plan. Dass schon eine Klausursitzung einberufen wurde, davon wusste Loge nichts.

Der für Loge historische Tag war dann der 7. Mai, als er „zur elften Stunde“, wie er sagt, in einer Sitzung noch einmal auf den Sachverständigenprüfplan drängte. Sonst könne er eine Eröffnung nicht garantieren. Bis 12 Uhr am Folgetag wolle er endlich Antworten. Die kam in Form einer Einladung zur Pressekonferenz. Der Rest ist Geschichte.

Stärkster Landkreis im Osten

Jetzt, wo das Desaster etwas zurückliegt, sich alle beruhigt haben, könnte er sagen, dass er es immer gewusst habe: dass es zu viele „Baustellen“ auf der Baustelle gegeben habe. Aber er sagt nur: „Wenn Körtgen mir damals steif und fest versicherte, wir schaffen das, habe ich schon einen Widerspruch in Stimme und Blick gespürt.“ Da habe etwas nicht zusammengepasst. „Da war diese Unsicherheit …“ Als er das sagt, steht er in einem lichtdurchfluteten Sitzungssaal des Landratsamts in Lübben. Der Sitzungstisch wirkt wie ein langgezogenes U, Loge sitzt mit am Kopf. Im Keller gibt es eine Kantine, die Pellkartoffeln mit Quark (jeden Tag) und selbstgemachte Bouletten (manchmal) im Angebot hat. Nur durch diese Kantine weht noch etwas der Ost-Charme, versteckt, wie das leise „ni“ bei Herrn Loge.

Der Landrat gibt gern eine Tour durch das Landratsamt, auch wenn er nur zwei Tage in der Woche hier ist. Meist fährt er in seinem silbergrauen Audi A6 durch den Landkreis. Er ist stolz auf das, was hier in den letzten Jahren aufgebaut wurde, zeigt von seinem Büro auf den Spreewald und gibt „fetzige Broschüren“ aus, die noch mehr davon erzählen, wie grün und schön hier alles ist. Probleme machen der Gegend die Neonazis und der Fachkräftemangel, beides Dinge, die dicke Aktenordner füllen. Aber laut „Focus Money“ ist Dahme-Spreewald der wirtschaftlich stärkste Landkreis im Osten, die Arbeitslosenquote liegt bei sieben Prozent und, ja, natürlich profitiere man von dem Flughafen, wenn er denn dann mal fertig sei.

Viele Anfragen

Muss Loge ein Interview über den Flughafen geben, holt er von seinem Schreibtisch einen Zettel. Er hat ihn sich vorbereitet für die vielen Presseanfragen der vergangenen Tage, fast 70 seien es gewesen. Auch auf dieses plötzliche Interesse an ihm und seinem Landrat ist er etwas stolz. Als er in der „Abendschau“ zu Gast war, hat dieser Zettel vor ihm auf dem Tisch gelegen. Darauf stehen komplizierte Wörter wie „Sachverständigenprüfplan“ und „Prüfsachverständige“ und außerdem der „Paragraf 76, Absatz 3“ der Brandenburger Bauordnung, der eine „Nutzung vor Fertigstellung“ regelt. Dieser Paragraf war der letzte Strohhalm, an den sich die Flughafenchefs klammern konnten, aber auch für diesen Fall muss eben der „Sachverständigenprüfplan“ fertiggestellt sein.

Loge ist an knappe Situationen gewöhnt, es ist nicht die erste Großbaustelle, die sein Landratsamt betreut. „Früher wurden hier zwar nur Einfamilienhäuser und Kaufhallen baulich abgenommen“, sagt Loge. „Aber in den letzten 15 Jahren kamen immer mehr Großprojekte hinzu.“ Da war das A-10-Center in Wildau, das schon 1996 eröffnet wurde, dann der Cargolifter, der grandios scheiterte, und schließlich Tropical Island, das am 19.Dezember 2004 eröffnet wurde. Loge kann sich genau an diesen Tag erinnern, weil alles „auf der Schlussgeraden“ fertig wurde. Als die Ehrengäste schon am Eingang standen, wurde gerade die letzte „grüne Unterschrift“ zur Freigabe geschrieben. Es ging um Minuten.

Bei einem Projekt wie dem Flughafen war so eine knappe Kalkulierung nicht möglich. Aber nach der Absage war Loge selbst überrascht, wie kalt ihn all das ließ. Vielleicht, weil er schon früh gelernt hat, dass nicht immer alles nach Plan läuft. Zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr war er Zugleiter bei der Deutschen Reichsbahn, verwaltete den Mangel, wie er sagt. Zu wenige Loks, zu wenig Personal, zu wenig Rangierkapazität. Er saß an einem Schaltpult und musste Entscheidungen treffen. Nach dem Mauerfall ging er in die Politik, für die SPD entschied er sich, weil seine Eltern große Fans von Willy Brandt und Helmut Schmidt waren. „Ja, ich hab mich nach oben gekämpft“, sagt er, „aber eher, weil mir damals gar nichts anderes übrig blieb.“ Er war Beigeordneter in Görlitz bis 1994, danach in Freital bis 2002, dann Vizelandrat in Dahme-Spreewald und im Jahr 2008 dann selbst Landrat.

Kein Telefonat mit Körtgen

In seinem zweiten Jahr hatte er seine schwerste Zeit, nach dem Unfall des polnischen Reisebusses am 26.September 2010 auf der A10. Damals starben 13 Menschen, es gab 38 Verletzte. Loge war dabei, im Klinikum Dahme-Spreewald in Königs Wusterhausen, als die Namen der Verletzten verlesen wurden. Die Angehörigen hörten gebannt zu, sie wussten von den 13 Toten. „Bei der Nummer 32 fingen die ersten an zu weinen“, sagt Loge, „weil sie merkten, dass ihr Verwandter nicht bei den Verletzen dabei ist.“ Bei Nummer 38 erschallte der Raum von markerschütternden Schreien. Auch seine Teammitglieder brauchten psychologische Hilfe. So gesehen waren die vergangenen drei Wochen gar nicht so schlimm.

Bei dem Ex-Flughafenchef Manfred Körtgen hat sich Stephan Loge noch nicht gemeldet. „Ich wusste ni, was ich sagen soll.“ Sie hatten eine gute Zusammenarbeit, er hat ihn als kompetenten Mann in Erinnerung. „Vielleicht haben wir die Chance, uns in einem Jahr zu treffen“, sagt Loge. „Da werden wir stolz sein über die Logistik und Größe des Flughafens.“

Es sei schon jetzt sehr beeindruckend, dort drinzustehen, sagt der Landrat und macht eine Pause, bevor er nur noch ein Wort sagt, das nicht den Riesenflughafen beschriebt, sondern auch die Riesenverantwortung des Landratsamtes mitten im Grünen: „Boah!“

Alle Informationen rund um den neuen Hauptstadtflughafen BER im Special von Morgenpost Online