Jüngst taufte die Lufthansa in Tegel einen Airbus 380 auf den Namen „Berlin“. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) schüttete einen Krug Spreewasser über die Nase des Flugzeugs, und Lufthansa-Chef Christoph Franz sagte in Bezug auf den Flughafen BER: „Was lange währt, wird irgendwann endlich gut.“

Der Chef der Berliner Flughäfen, Rainer Schwarz, stand abseits. Die Fernsehkameras und Fotografen folgten Wowereit und Franz. Die beiden Männer posierten für Fotografen mit Stewardessen und vor dem Flugzeug. Zu Rainer Schwarz kamen nur ein paar Journalisten und stellten Fragen: nach Brandschutzklappen, zum Controllingbericht und zur zuständigen Baubehörde in Königs Wusterhausen, die den Brandschutz am Airport als „nicht abnahmefähig“ eingestuft hatte.

Eine Situation, die sich kein Flughafen-Manager wünscht. Dabei sah es für Schwarz noch vor wenigen Wochen gut aus. Da kamen die Airline-Chefs nach Berlin, um mit ihm zu feiern. Klaus Wowereit stand gern neben Schwarz. Schließlich wollte sich der Regierende im Eröffnungsglanz des Milliarden-Projekts sonnen. Und schließlich war der promovierte Betriebswirt der Wunschkandidat von Aufsichtratschef Wowereit, als 2006 die Managerstelle neu besetzt wurde. Nun ist Wowereit spürbar auf Distanz zu Schwarz gegangen. Und es gibt keinen Hinweis darauf, dass sich dies noch einmal ändert.

Für die Grünen nicht mehr tragbar

Klar ist: Wird auch der 17. März als neuer Starttermin nicht eingehalten, muss Schwarz gehen. Aber kann er auch bleiben, wenn der BER im Frühjahr eröffnet wird? Einige Kenner der Szene sagen, dass er direkt nach der Eröffnung des BER abberufen wird. Zumal erste Politiker bereits seine Ablösung fordern.

Für den Vorsitzenden des Verkehrsausschusses im Bundestag, Anton Hofreiter (Grüne), ist der Manager an der Spitze der Flughafengesellschaft nicht mehr tragbar: „So, wie sich die Sache jetzt darstellt, sollte Rainer Schwarz die einzig mögliche Konsequenz ziehen und zurücktreten.“

Gern gesehen ist Rainer Schwarz schon jetzt in Berlin nicht. Das muss schmerzlich für ihn sein, schließlich wähnte er sich vor wenigen Wochen nur noch Tage von seinem größten Triumph entfernt. Am 3. Juni hätte der Flughafen BER eröffnen sollen. Und bislang galt er als geschickter Netzwerker im oft undurchschaubaren Dickicht der Berliner Politik.

Ob Rot-Rot im Roten Rathaus das Sagen hatte, ob in Potsdam SPD und CDU koalierten, der Honorar-Professor an der TH Wildau kam damit klar. Spätestens seit sich Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) „stinksauer“ über die peinliche Panne zeigte, muss der 55-Jährige mit heftigem Gegenwind kämpfen.

In der Luftverkehrsbranche macht sich Schadenfreude breit

Auch bei den Fluggesellschaften hat Schwarz kaum mehr Verbündete. In der Luftverkehrsbranche macht sich Schadenfreude breit, dass ausgerechnet der Erfolgsverwöhnte mit dem BER nicht durchstarten kann. Da mag vielleicht Neid mitspielen. Sicher aber ist: Die Geduld der Manager ist aufgebraucht.

Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn, der bislang als Freund von Schwarz galt, machte bereits klar, dass er weitere Provisorien – sei es in Tegel oder später am BER – nicht hinnehmen werde. In Tegel aber wird es in den kommenden Wochen unausweichlich zu Engpässen in der Abfertigung kommen. Der Flughafen hat die Grenzen seiner Kapazität schon vor Jahren überschritten. Am 3. Juni wollen Air Berlin und Lufthansa ihr Angebot deutlich ausweiten. Vor allem im Sommer, wenn der Airport seine Auslastungsspitzen erreicht, werden Passagiere ihrem Unmut Luft machen. Etwa aufgrund von Toiletten, die lange nicht mehr repariert wurden, oder über die blechbüchsenartigen Terminals, die in den vergangenen Jahren provisorisch an den Hauptbau angefügt wurden.

„Wenn es bei der Ausweitung des Flugprogramms am 3. Juni Probleme gibt, ist Rainer Schwarz nicht zu halten“, heißt es in der Branche. Er sei wohl nur noch deshalb im Amt, weil schließlich irgendjemand den Job bis zur Eröffnung des Flughafens zu Ende machen müsse, sagt hinter vorgehaltener Hand ein Aufsichtsratsmitglied.

Der BER als Höhepunkt seiner Laufbahn

Schwarz hatte sich das alles ganz anders vorgestellt. Die Stelle in Berlin sollte für ihn zum Höhepunkt seiner beruflichen Laufbahn werden. Noch im vergangenen Jahr wurde sein Vertrag bis zum Jahr 2016 verlängert. Er schien geeignet für die Aufgabe am BER, denn er hat viel Erfahrung auf dem Gebiet.

Der Manager ist seit fast 25 Jahren in der Branche. Viele kritische Situationen hat er bereits gemeistert. Von 1988 bis 1996 war er beim Flughafen München in Lohn und Brot. Als Abteilungsleiter für Finanz- und Rechnungswesen. Später als Bereichsleiter Marketing und Vertrieb. Damals erlebte er seinen ersten Flughafenumzug: von Riem ins Erdinger Moos.

1996 ging der Vater zweier Kinder zum Flughafen Nürnberg. Er wurde Geschäftsführer. In gleicher Position wechselte er 2001 zum Airport Düsseldorf. Ein Jahr später avancierte er dort zum Vorsitzenden der Geschäftsführung. In der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt erlebte er auch eine Eröffnung: Die des neuen Terminals, das nach der Brandkatastrophe von 1996 errichtet wurde.

Einiges von der Malaise rund um den verschobenen BER-Start scheint auch einer gestörten Kommunikation geschuldet zu sein. So kolportieren einige der fast 1500 Mitarbeiter der Flughafengesellschaft, ihr Chef habe um sich herum eine Atmosphäre der Angst aufgebaut. Deshalb habe sich auch kein Mitarbeiter getraut, ihm die Probleme in aller Deutlichkeit zu sagen. Das könnte erklären, wieso der Chef selbst von dem Chaos am Bau nichts mitbekam.

Ein Manager mit bemerkenswerter Selbstkontrolle

Bislang geht der Manager, Jahresgehalt 350.000 Euro, mit der Situation außerordentlich beherrscht um. Alles andere wäre bei ihm aber auch eine Überraschung gewesen. Denn er verfügt über eine bemerkenswerte Selbstkontrolle. Zwei Tage vor der Termin-Verschiebung sagte Schwarz im Gespräch mit Morgenpost Online: „Die bevorstehende Eröffnung stört meinen Schlaf nicht.“ So souverän muss man erst einmal sein. Oder so dickfellig. Denn in diesem Moment wusste er bereits, dass der Termin nicht zu halten sein würde.

Insofern passt es auch, dass er sich nun nicht wegduckt. Wenige Tage nachdem die Verschiebung der Flughafeneröffnung bekannt geworden war, trat der Manager bei den Publikumstagen auf. Eigentlich sollten die Berliner zu diesem Zeitpunkt bereits das Terminal besichtigen können. Doch es blieb verschlossen. Im Inneren wurde noch gearbeitet. Dieses Provisorium wollte man den Besuchern nicht zumuten. Die Besucher lugten hinter die Bauzäune und sahen den Arbeitern beim Betonmischen zu. Für viele war klar, dass der 3. Juni nicht zu schaffen ist.

Wie konnte diese Erkenntnis dem Airport-Chef entgehen? „Man muss sich doch auch darauf verlassen können, was einem die Mitarbeiter sagen“, sagte Rainer Schwarz dazu. Wie es ihm derzeit ergeht, kann man von außen nicht erkennen. Gefühle hatte er in der Öffentlichkeit ohnehin kaum gezeigt.

Nüchterner Zahlenmensch

Das fiel besonders auf, wenn man ihn zusammen mit Klaus Wowereit erlebte. Die beiden kamen regelmäßig zusammen, als alle noch auf den Eröffnungstermin im Juni vertrauten. Sie standen gemeinsam auf der Bühne, als Air Berlin den Beitritt zur Luftfahrt-Allianz Oneworld im Terminal des ehemaligen Flughafens Tempelhof feierte. Sie bestiegen den Tower der Flugsicherung am BER, wenige Tage vor der Verschiebung, und saßen nebeneinander auf dem Podium bei Pressekonferenzen. Doch während Wowereit auch mal laut lachte oder gegen Flughafengegner polterte, blieb Schwarz zurückhaltend. Ganz der nüchterne Mensch der Zahlen und Finanzen. Die Show überließ er anderen.

Schwarz hat nun keinen Verbündeten mehr neben sich auf der Bühne. Niemanden, der noch einmal die Hand schützend über ihn halten würde, wenn es zu einer weiteren Panne am BER kommt. Öffentliche Auftritte müssen ihm deshalb zu einer Qual geworden sein. Was ihm durch den Kopf ging, behielt er für sich. „Man muss jetzt alle Kräfte bündeln und nach vorne schauen“, sagte Schwarz. Alles andere sei müßig. Fühlt er sich selbst von den eigenen Mitarbeitern getäuscht? „Wenn so ein Prozess schiefläuft, muss man reflektieren und eingestehen, dass auch ich vermutlich nicht ohne Fehler war“, so Schwarz.

Sollten weitere Pannen auftreten, für die er die Verantwortung übernehmen muss, wird es so unausweichlich wie Fluglärm am Airport sein, dass er sich schneller als erwartet mit einer Abfindung abfinden muss.