Nach der um Monate verschobenen Eröffnung des Hauptstadtflughafens Berlin Brandenburg bietet sich der Airport Leipzig/Halle zur Entlastung an. „Wir haben bereits in ersten Vorgesprächen Fluglinien und Reiseveranstalter über diese Option eines Bypasses informiert“, sagte der Chef der Mitteldeutschen Airport Holding, Markus Kopp, der Zeitung „Wirtschaftswoche“. Konkret bringt sich Leipzig/Halle als Ausweich-Airport für Berlin-Tegel ins Spiel.

Berlin-Tegel sei derzeit schon überlastet, müsse wegen der verschobenen Eröffnung des neuen Flughafens aber zusätzliche Flüge aufnehmen. Allein Air Berlin und Lufthansa wollten von Juni an pro Woche mehrere Hundert zusätzliche Flüge in Berlin-Tegel landen und starten lassen.

Der Flughafen Tegel hat nach Expertenauffassung allerdings bereits jetzt die Grenzen der Auslastung erreicht. Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn habe bereits erklärt, in Tegel sei das geplante Flugprogramm mit Langstreckenzielen, die auch über den Winter angesteuert werden sollen, kaum zu realisieren.

Überprüfung des Nachtflugverbots

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin plädiert indirekt für eine kürzere Nachtflugpause am Flughafen Tegel. Insbesondere das Thema Betriebszeiten müsse für die Übergangszeit nochmals überdacht werden, sagte IHK-Präsident Eric Schweitzer. Alle Beteiligten sollten nun möglichst kurzfristig pragmatische Lösungen für die Übergangszeit entwickeln. „In Tegel sehen wir schon heute, dass die Grenzen der Auslastung erreicht sind“, betonte Schweitzer. Der Flughafen Schönefeld habe dagegen noch ungenutzte Kapazitäten.

Auch der Flughafenverband ADV hält eine Ausweitung der Flugzeiten in Berlin-Tegel für dringend nötig. Er fordert je eine halbe Stunde morgens und abends. Nur so könne es einen stabilen Flugplan mit den Flügen geben, die ab Juni eigentlich für den neuen Airport geplant waren, sagte der Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen, Ralph Beisel.

Zugleich warb er um Verständnis bei den Anwohnern. Er bat sie, die „Zähne in der Übergangszeit noch einmal zusammenzubeißen, um den Luftverkehrsstandort Deutschland zu sichern“.

In der Übergangszeit bis März 2013 müsse es möglich sein, die zusätzlichen Flüge in Tegel starten zu lassen. Wenn Berlin seine gute Positionierung nicht verlieren wolle, müsse man „hier also auch mal umso mehr zugeben. Das ist dann die halbe Stunde am Morgen und die halbe Stunde am Abend“, sagte Beisel.

Zurzeit gilt für Tegel ein Nachtflugverbot zwischen 23 und 6 Uhr. Air Berlin hatte zuletzt gefordert, die Nachtruhe um jeweils eine Stunde auf 0 bis 5 Uhr zu verkürzen. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) wandte ein, Planungsfehler dürften nicht zulasten der Bevölkerung gehen.

Anträge werden geprüft

Für die Genehmigung von Flügen außerhalb dieser Zeit ist die Obere Luftfahrtbehörde zuständig. Lufthansa und Air Berlin haben dort bereits entsprechende Anträge eingereicht. Ob und wann mit einer Genehmigung zu rechnen ist, konnte die Sprecherin der Senatsverkehrsverwaltung, Petra Rohland, noch nicht sagen. Es müsse unter anderem geprüft werden, wie groß die Zahl der Anträge insgesamt sein wird und für welchen Zeitraum die Genehmigungen erteilt werden sollen.

Flughafenchef Rainer Schwarz hatte am Freitag gesagt, für einige Flüge müsse Tegel möglicherweise je eine halbe Stunde früher öffnen und später schließen.

Wie viele Flüge zusätzlich ab Tegel starten sollen, könne auch er noch nicht sagen, erklärte Beisel. Erst in den kommenden Tagen werde der Flugplankoordinator für Deutschland die Zahlen bekommen und die Flugpläne für Tegel und Schönefeld neu erstellen. „Wir wissen, dass die Lufthansa eine große Ausweitung ihres Programms plant. Das sind allein über 600 Flüge in der Woche.“

Air Berlin wolle den neuen Flughafen als Drehkreuz nutzen. Diese beiden Fluggesellschaften müsse man jetzt weiter in Tegel unterbekommen. „Das ist eine planerische Aufgabe, die wird gelingen“, sagte Beisel.

Optimistisch zeigte er sich auch mit Blick auf die Abfertigung am Boden: „Auch da hat Tegel die letzten Jahren geübt.“ Air Berlin habe dort ja schon ein kleines Drehkreuz mit geringem, aber wachsendem Anteil an Umsteigern aufgebaut. „Die Leute in Tegel sind es gewohnt, mit Notlösungen und Provisorien zu arbeiten. Tegel wird auch diese Übergangszeit packen.“

Ein Ausweichen auf andere Flughäfen im Umkreis von Berlin ist aus Beisels Sicht nicht sinnvoll. „Sie können nicht einen Teil der Zubringerflugzeuge in Leipzig und einen anderen Teil in Tegel landen lassen, wenn Sie mit den Passagieren eine größere Maschine befüllen wollen, die dann weiterfliegt.“ Das sei nur an einem Standort machbar.

"Flughafengesellschaft für Schadenersatz verantwortlich"

Der IHK-Präsident sprach von einer „nicht zu unterschätzenden Herausforderung“ für Unternehmen, die sich direkt am Flughafen niederlassen wollten und nun von der Verschiebung betroffen sind. Er setze darauf, „dass der Ankündigung, den Berliner Unternehmen Hilfe zu leisten, auch Taten folgen“. Die Kammer will sich nach Schweitzers Worten für betroffene Betriebe einsetzen, damit diese „möglichst kurzfristig Kompensationen für entstandene Schäden“ erhalten.

Dafür sehe die IHK in erster Linie die Flughafengesellschaft in der Pflicht. Schadenersatzforderungen müssten die Firmen dort geltend machen. Trotz des Desasters um die Verschiebung sieht Schweitzer die Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Berlin aber «nicht nachhaltig betroffen“.

Am Donnerstag hatte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) nach einer Sondersitzung des Aufsichtsrats der Flughafengesellschaft den 17. März 2013 als neuen Eröffnungstermin für den Hauptstadtflughafen in Schönefeld genannt. Zudem wurde Technik-Chef Manfred Körtgen seines Postens enthoben. Ursprünglich sollte der Flughafen am 3. Juni in Betrieb gehen.