Der Wahnsinn habe schon früh seinen Lauf genommen, sagt Kay Herrig. Als es um die Sicherheitsbestimmungen der Möbel ging, die er in seinem Blumengeschäft am BER aufstellen wollte. Für jedes Polster brauchte der 42-Jährige ein Zertifikat, das dem Brandschutzkonzept entsprach. Das waren aber alles nur Kleinigkeiten, Bürokratie, Bestimmungen. Der Blumenhändler hat sich gefügt. Er hat sich an Regeln gehalten und das hat er auch von den Planern des Flughafens erwartet. Er hat vertraut. Jetzt denkt er über eine Sammelklage nach.
Zuerst aber müssen die Blumen im Blumenhaus Schamp gewässert werden. Der Bürgersteig vor dem Geschäft in der Berliner Straße ist ein Garten. Überall blüht es. Herrig, ein blonder Mann im roten Hoodie, gießt gerade ein mehrstöckiges Blumenregal.
Der Kredit will bedient werden
Der Inhaber von Schamp hat Konzepte erstellt, erzählt er, einen Businessplan geschrieben, Kosten und Preise berechnet und natürlich den großen Kredit aufgenommen, „der jetzt bedient werden will“, wie Herrig lakonisch feststellt. Dann kam am Donnerstag die Nachricht, dass der Airport um knapp zehn Monate verschoben wird. Das war der Zeitpunkt, als der Wahnsinn eine neue Dimension bekam.
Eine Passantin bleibt stehen, eine Stammkundin. Sie hat über den verschobenen Starttermin in der Zeitung gelesen. „Ich wünsch Ihnen, dass es bald klappt“, sagt sie. Herrig lächelt.
Seine Waren, die Übertöpfe, Blumenvasen und Gefäße, lagere er vorerst auf sechs Europaletten in einer Garage. Produkte für einen Kaufwert von 5000 Euro stünden nun im Dunkeln. „Da werden sich die Verantwortlichen nicht rauswinden können.“
Leichter für große Unternehmen
Große Unternehmen haben es leichter, Mitarbeiter vorübergehend andernorts zu beschäftigen. Aber was ist mit den kleineren Berliner Firmen oder Familienunternehmen, die fest mit dem alten Eröffnungstermin gerechnet haben? Das Problem von Kay Herrig teilen, seitdem der Flughafen BER verschoben worden ist, Dutzende Firmen, Geschäftsführer, Betreiber und Mitarbeiter, die jetzt umdenken müssen. Die Läden sind fertig, die Verträge gemacht, die Ware geordert – doch der Flughafen bleibt eine Baustelle.
„Zuerst habe ich mich fürchterlich aufgeregt“, sagt Josef Laggner. Jetzt aber denke er vor allem an seine Leute. „30 Mitarbeiter hängen jetzt in der Luft.“ Der Berliner Großgastronom (unter anderem „Lutter & Wegner“) hat gleich fünf Läden im neuen Flughafen. „Gott sei Dank haben wir nicht alle auf einmal aufmachen wollen.“ Doch schon beim Restaurant und dem Pavillon, die jetzt fertig sind, wollen die Gewerke die Abnahmen machen. Wie soll das gehen ohne Strom und Wasser? „Das tut Berlin nicht gut“, sagt Laggner. „Wir machen uns lächerlich. Überall in der Welt bauen deutsche Architekten und Ingenieure Flughäfen, und ausgerechnet zu Hause klappt es nicht.“ Beim Anblick der Baustelle habe er zwar damit gerechnet, dass links und rechts noch weitergebaut würde. Aber dass der gesamte Flughafen geschlossen bliebe? „Wenn ich der Verantwortliche wäre, ich würde nach Australien auswandern. Wowereit und Platzeck haben einiges zu erklären.“
Seit Monaten skeptisch
Auch Karsten Schulze war schon länger skeptisch. „Jeder, der schon mal einen Hühnerstall gebaut hat, konnte sehen, dass der Flughafen nicht zum Termin fertig wird“, sagt der Geschäftsführer von Haru Reisen. Schon vor Monaten hätten er und andere die Verantwortlichen öfter darauf angesprochen. Aber weil ihnen immer wieder versichert wurde, dass alles am 3. Juni fertig sei, habe sein Unternehmen sich darauf verlassen.
Sieben neue Mitarbeiter wurden eingestellt und geschult, drei neue Fahrzeuge für den Fuhrpark bestellt. Gerade hatte er die Flyer in Auftrag gegeben „Ab 3.6.2012 Airport Shuttle BER1“ von Steglitz zum Flughafen und zurück – da kam die Pressekonferenz. Im letzten Moment konnte Schulze den Druckauftrag stoppen.
Karsten Schulze sitzt in seinem Büro in Berlin-Spandau. Hinter ihm auf dem großem Parkplatz stehen die neuen Busse. Drei Fahrzeuge à 250.000 Euro. Sie sollten der erste echte Linienverkehr des Unternehmens sein.
Mitarbeiter bereits eingestellt
„Die Verzögerung hat uns heftig getroffen“, sagt Schulze. „Die Expressverbindung ist unsere erste eigene Linie. Das ist für uns eine große Chance. Die Busse jetzt hier erst mal für ein paar Monate zur Ansicht zu stapeln ist natürlich sehr ernüchternd.“ Für Haru bedeute die Verschiebung monatlich 22.000 Euro Kosten, die nicht gedeckt seien. „Wir hängen jetzt in der Luft.“ Verärgert ist Schulze vor allem über die Verzögerungstaktik. „Die nehme ich dem Flughafen übel. Ein klares Signal im Dezember – das wäre mehr als fair gewesen.“
Noch hält sich Schulze mit Verurteilungen zurück. Die Geschäftsführung hat das Flughafenmanagement um ein Gespräch gebeten.
Betroffen ist auch der Berliner Ampelmann. Über 8000 Produkte hatte die Berliner Ampelmann GmbH des Geschäftsführers Markus Heckhausen bereits in Kisten verpackt, sortiert und für den Abtransport in den neuen Ampelmann-Shop am BER bereits beschriftet. T-Shirts, Schlüsselanhänger, Koffer und all die anderen Produkte, die bereits im Depot waren, mussten zurückgeführt werden. „Einige der sieben künftige Mitarbeiter haben ihre vorigen Arbeitsverhältnisse aufgekündigt, um jetzt bei uns einzusteigen“, sagt Heckhausen. In den zehn Ampelmann-Shops in der Stadt bemüht sich seine Firma nun, beteuert Heckhausen, zumindest einige der geschassten Mitarbeiter über den Sommer hinweg einzustellen.
Neue Mitarbeiter ohne Job
Leonhard Robert Müller, Vorstandsvorsitzender der Berliner Uhrenmanufaktur Askania, hat den Schock noch nicht überwunden. Seit 1871 hat das Berliner Unternehmen eine Vorliebe fürs Fliegen. Früher stellten sie Kompasse her, Geräte fürs Cockpit, heute machen sie Pilotenuhren. Für den Flughafen hat das Unternehmen extra neue Uhren entworfen. Ein Rosinenbombermodell. Fünf neue Mitarbeiter hat Müller eingestellt, auch einen Uhrmacher. Immerhin habe er vom BER eine Verdopplung des Umsatzes erwartet. „Ein Meilenstein für Askania.“ Aber Müller vertraut auf die Politik. Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister, hatte erklärt, Unternehmen, die durch die Verschiebung in Not geraten, helfen zu wollen. „Darüber habe ich mich gefreut.“
Auf diese Hilfe dürften auch die 22 Mitarbeiter von Daniel Hanuschke angewiesen sein. „Wir haben einige Leute beschäftigen wollen, die lange auf Arbeitssuche waren. Für sie ist der Traum vom Job jetzt erst einmal geplatzt“, sagt der Restaurantleiter des Currywurst-Lokals „Witty’s“. Ihn schmerzt das, sagt er, auch weil er ja die Verantwortung für seine Mitarbeiter habe. Der 33-Jährige kritisiert, dass die Mietverträge einseitig seien und klar dem Flughafen zum Vorteil gereichten. Für ein Familienunternehmen, sagt er, gefährde die Situation gar die Existenz.
Judith Luig und Leon Scherfig

