Wir sind eine naturverbundene Familie. Bio-Steaks, Biergarten, frittierte Kartoffeln – die Natur schenkt uns viel Wunderbares. Leider hat Mona einen anderen Naturbegriff. „Wir gehen raus“, befahl die Chefin neulich. Bei der Kälte? „Ich habe was ganz Tolles für uns gefunden“, gurrte sie. „Wirklich draußen?“, fragte ich besorgt. Mona nickte. Panik. Was kann man dieser Tage draußen finden außer geeistem Silvestermüll und Oberschenkelhalsbruch? Der Februar ist die AfD unter den Monaten – grau, kalt, braucht kein Mensch. Hans und ich zappen seit Wochen durch unsere 300 Kanäle, auf der Suche nach einer Naturdoku: Südseetauchen, Sahara-Wandern, Hauptsache Wärme.

„HuHuHuuu“, schallte es aus der Küche. Was war das? Mehlmotten-Geschwader? Schlimmer. Mithilfe eines Computerprogramms übte die Chefin einen Lockruf. „Ratet mal, von welchem Vogel“, befahl sie. „Brathähnchen“, meinte Hans. „Rohrdommel“, vermutete ich. „Beide falsch“, sagte Mona, „Es ist der Vogel des Jahres.“ Aha, also Donald Trump. Auch daneben. „Wir gehen auf eine Waldkauz-Wanderung.“ Toll.

Ich hatte mich mehrlagig verpackt und Notfallschokolade eingesteckt. Nur die Helmlampe hatte ich so schnell nicht im Keller gefunden. Vorm Heimatmuseum eines zu Recht verspotteten Vororts mit extremer Kauzdichte würden wir einen Eulenkenner treffen, hatte die Chefin in der Zeitung gelesen. Wahrscheinlich sind wir die einzigen Trottel während der Rest der Stadt den heimischen Heizkörper umarmt. Von wegen. Am Treffpunkt hatten sich fast hundert Naturfreunde versammelt, mit dem Diesel-SUV über viele Kilometer angereist, gehüllt in vierlagigen Kunststoff, Sondermüll der Zukunft. Zahl und Leistungsstärke der Teleobjektive wies eher auf einen Fototermin mit Kim Kardashian hin. Hans war der einzige Vertreter der Generation U50.

Gewölle und "Kauzkotze"

Erster Stopp: Ein baumbestandener Platz im Villenviertel. An einem Stamm in zwölf Meter Höhe ist ein Kasten angebracht. Kein Vogel zu sehen, dafür ein Aufkleber auf dem Kasten: „Keine Werbung“ wahrscheinlich. „Einkauf aktuell“ kommt überall hin. Der Fachmann referiert über „Gewölle“. Hans taucht aus seiner Kapuze. „Kauzkotze?“ Das interessiert ihn. Wir suchen nach ausgewürgten Ballen. Sollten sich darin Zähne finden, verrät die Länge, ob es sich um eine Feld- oder eine Gelbhalsmaus handelte. Die Chefin starrt mit den anderen in einen Vorgarten, wo ebenfalls kein Kauz zu sehen ist.

Nächster Stopp: Kauzkasten an Landstraßenbaum. Nebel und Dämmerung. „Da sitzt er manchmal.“ Nee, klar. Wir sind ein wenig enttäuscht: Keiner unserer Graugrünen hat ein Nachsichtgerät dabei. Immerhin zaubert ein Kauzophiler von seinem Tablet-computer einen Balzruf in die Diesigkeit. Der Kauzführer ist empört: Dieser Gag gehört ihm und kommt erst später.

Was ist, wenn der Mann, der sich als Kauzforscher ausgibt, in Wirklichkeit ein Konzeptkünstler ist, der seit Jahrzehnten Großstädter foppt? „Findest du den Weg zurück zum Auto?“, frage ich die Chefin. Sie macht „Pscht“. Über uns flattert was. „Eine Amsel“, sagt einer, „ein Reiher“, ein anderer. Vogelkenner unter sich.

Dritter Stopp im Dunkel. „Da oben hängt ein Kasten“, sagt der Kauzexperte. Mit einem magischen Stift tippt er durch ein Vogelbuch. Erst gurrt, dann knarzt was. „Wo isser denn?“ – das Motto unserer Wanderung. Endlich: Der Stift hat im Buch den korrekten Code angetippt und spielt einen Kauzruf ab. Wunder der Technik. Von Ferne antwortet was. Die Gruppe reißt die Smartphones hervor und sucht nach dem Aufnahmeprogramm. „Fake Kauz“, wispere ich zu Hans. „Das ist die Frau vom Kauzführer, die steht drei Bäume weiter und hat auch einen magischen Stift.“ Wir lachen. Die Chefin nicht. Dicke Luft auf der Heimfahrt. „Wenn ihr euch so unmöglich benehmt, dann nehme ich euch nie wieder mit in die Natur“, droht sie. Das wäre aber wirklich schade.

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