Wir sind eine offene Familie. Wir haben gern Besuch, sogar von Kindern, notfalls über Nacht. Es ist ja immer spannend, Einblick in andere Kulturen zu bekommen. Und es trifft mich kaum noch, wenn ein Elfjähriger mit SUV-Hintergrund abschätzig auf unser 21 Jahre altes Auto blickt und um eine Plastiktüte bittet, weil auf der Rückbank mehrere Generationen Süßigkeiten kleben. Übernachtungskinder weisen zudem netterweise darauf hin, was bei uns alles falsch läuft: zu viel TV-Konsum oder zu wenig, zu viel Internet oder zu wenig, zu viel Gift im Essen oder zu wenig, zu viel Bettruhe oder zu wenig. Familie ist wie Politik: Meckern alle, stimmt der Weg.
Karl, unser großer Sohn, meckert derzeit wenig, was auch daran liegt, dass wir zu verschiedenen Tageszeiten aktiv sind. Er wohnt bei uns, natürlich nur kurz, weil gerade keine Studenten-WGs im Angebot sind. Inzwischen weiß ich auch, wo ich eine Tasse finde, wenn im Schrank keine mehr ist. An dieser Stelle ein Sonderlob für unsere dauerlaufende Waschmaschine. Weil Karl keine Lust hat, seine Klamotten wegzuräumen, fliegt alles in die Schmutzwäsche. Der kleine Hans kopiert seinen großen Bruder natürlich. Die Chefin sagt, dass Wäscheaufhängen eine schöne Alltagsmeditation sei, wo man sich mit seinen Aggressionen befassen könne.
Wir standen um elf auf - nicht um zwei
Aggression? Ich! Niemals. Super-Dad ist superlocker. Waren wir früher nicht auch so? Obwohl: nicht ganz. Wir sind um elf aufgestanden und nicht um zwei, meistens jedenfalls. Nur manchmal würde ich am liebsten das verdammte Internetkabel mit einer Axt durchtrennen, mich über diese grassierende Scheißegal-Mentalität aufregen und die Gesamtsituation. Ist doch wahr. Wer rackert sich hier ab, wer füllt und leert klaglos Spül- und Waschmaschine, wer schleppt Tonnen Nahrungsmittel die Treppen hoch, damit sie 24 Stunden später weg sind. Wer ist der Hausdepp, der Müll trennt und neulich sogar beim Yoga war, während die feinen Herren Söhne den ganzen Tag in den Federn verbringen, meinen Federn.
Als ich neulich sonntags in hochrötester Stimmung in Karls Zimmer stürmen und mit schlecht gespielter guter Laune „Guten Morgen, gleich wird’s wieder dunkel“ rufen wollte, legte sich die feingliedrige Hand der Chefin auf die Klinke. „Er hat Besuch.“ Oh. Besuch. Besuch im Sinne von ...? Die Chefin nickte milde. Ich drückte in väterlicher Fürsorgepflicht ein Ohr an die Tür, doch Mona zog mich weg.
Besuch? Schön. Aber bitte nicht gleich Enkel!
Besuch. Aha. Schön. Aber bitte nicht gleich Enkel. Wer sie wohl sein mag? Groß? Handfest? Oder was Elfenhaftes? Hoffentlich keine Juristin. Unauffällig verkrümele ich mich, um mich ein wenig aufzuhübschen. Mit Jogginghose ist man immer gut angezogen, aber vielleicht nicht die pinkfarbene. Ich pelle die Stretchjeans über. Machen wir uns nichts vor: Die jungen Dinger sind nicht wegen der Söhne da. Reife, Stil, Tiefe, das sind die ewigen Werte der Väter, nicht dieser flüchtige Hipsterkram. So leicht meliert, Clooney-Blond, sehr geheimnisvoll, ich eben. Kaum übe ich vor dem Spiegel ein gewinnendes Lächeln, kommt die Chefin dazu. Sie grinst. „Hatte was zwischen den Zähnen“, flunkere ich. „Noch was vor?“ „Nur mal Guten Tag sagen.“
Zurück in die Küche. Da muss sie vorbei. Ob sie Kaffee trinkt? Oder eine Grüntee-Else? Worauf könnte eine junge Frau zum Frühstück abfahren? Klar doch, ein Smoothie. Ich mache rasch noch drei Vertikalliegestütze am Küchenschrank. Soll den Bizeps zur Geltung bringen. Na gut, zwei reichen auch. Nicht ohne Stolz schaute ich an mir herab. Cooler Hund. Vielleicht sollte ich die Goofy-Strümpfe doch wieder ausziehen. Besser weiße Tennissocken, die sollen ja jetzt wieder kommen. Beim Sockenwechsel höre ich die Wohnungstür. Mist, Auftritt vermasselt. Die Chefin riecht am Smoothie. „Wo ist Karl?“, frage ich und meine natürlich den Besuch. „Hat sich wieder hingelegt“, sagt die Chefin, „und der Besuch ist weg.“ Ich atme aus. Mein Tag wird kommen.





