Wir sind eine disziplinierte Familie. Alle Jahre wieder zu Silvester schmieden wir Pläne, wie wir im kommenden Jahr unser Leben in den Griff zu bekommen gedenken. Wie werden wir bessere Menschen? Wie retten wir Mutter Erde? Und wie werden wir diese verfluchten Augenringe los? Ausschlafen, das ist ein guter Vorsatz. Für die Eltern. Die Kinder tun es ja eh schon.
Die Familie tritt an zum Jahresendgespräch. Habe ich in einem Manager-Buch gelesen: Visionen formulieren, Pläne visualisieren, die Zukunft bauen. So werden die Jungs auf heitere Weise in ein ernstes Erwachsenenthema begleitet: Wie man gute Vorsätze fasst und das Scheitern daran nicht zu schlechter Laune führt. Gute Vorsätze bilden den Kern zukunftsbewusster Erziehung. Wer sie fasst, der reflektiert das Vergangene und hat den Willen zur Selbstoptimierung. Ich bevorzuge eine multiple Strategie: Fasse ich 20 kleine Vorsätze, ist die Wahrscheinlichkeit größer, sich hier und da dran zu halten. Die Chefin ist Anhängerin der Fundamentalstrategie: Ein Vorsatz muss möglichst wuchtig sein, und die ganze Familie leiden.
Mehr Hausaufgaben, weniger Internet
Und schon geht es los. „Ich würde mir wünschen, dass wir im neuen Jahr weniger Fett, Fleisch und Kohlehydrate essen …“, sagt die Chefin, während sie an einem Apfel nagt. Ich lasse einen halben Eierlikörpfannkuchen in der hohlen Hand verschwinden und nippe verstohlen am Restsherry vom Fest, damit das Glas nicht so voll aussieht. „… und weniger Alkohol“. Die Jungs schweigen. Wahrscheinlich überlegen sie, bei welchen Kumpels sie sich die nächsten Wochen durchfuttern, bis der Gemüseterror wieder durch ist. „Was habt ihr Euch denn vorgenommen?“, frage ich in die bedrückende Stille. „Mehr Hausaufgaben machen“, murmelt Hans. Eine schöne Idee, aber leider kein guter Vorsatz, sondern Pflichtprogramm, so wie Körperpflege oder Gehorsam.
„Weniger Internet“, sage ich heroisch. Die Chefin guckt ertappt. Rache für die Kohlehydrate. Fassungslose Söhne. In diesem Jahr hatte ich erstmals eine Zeitschaltuhr fürs WLAN (mit Pin-Code) ausprobiert. Mir schwappte eine Welle aus Hass und hilfloser Verehrung entgegen, doch ich hatte plötzlich eine erdoganhafte Allmacht verspürt. Meister des WLANs – endlich hatte ich meine Führungsrolle wieder.
Wofür sollten wir unseren Kindern dankbar sein?
Wir starrten auf Karl, der herzhaft gähnte. „Mehr Dankbarkeit“, sagt unser großer Sohn. Aha. Wofür genau sollten wir unseren Kindern dankbar sein? Dafür, dass sie mir nichts von meinem Lieblingsjoghurt übrig lassen? Für die Schmutzwäschegebirge? Karl zitiert wissenschaftliche Studien. Wer dankbar sei, sagt Karl, der stehe dem Leben positiver gegenüber, weil er das Augenmerk von furchtbaren Ereignissen in der Welt auf die gelungenen Momente des eigenen Lebens lenke. Im Internet gebe es ein 52-Wochen-Programm.
Während ich Heimtücke wittere, da ich vor wenigen Minuten noch Online-Detox verkündet hatte, hat die Chefin schon gegoogelt: Ein Jahr lang wird jede Woche Dankbarkeit dargebracht, anderen Menschen, aber auch den eigenen Eigenheiten: meinem schönsten Charakterzug, meinem Alter, meinen Spaßmomenten. Hmm, ungewöhnlicher Ansatz, wenn man sein Alter hasst, Spaß für ein Zeichen von mangelnder Disziplin betrachtet und früher zu Hause eingebimst bekam, sich bitte nicht so wichtig zu nehmen.
„Ich bin dankbar für diese Familie
„Wofür bist du dankbar?“, frage ich Hans und erwarte insgeheim eine Liebesbekundung. „Für Weihnachtsgeschenke“, sagt der Kleine. Ich hätte mir die Antwort eine Spur persönlicher gewünscht, aber immerhin ist das Kind ehrlich. „Und Du?“, fragt Karl, der Große, „ganz spontan und ohne Nachdenken?“ Mir schießt genau ein Gedanke ins Hirn, wirr, bekloppt, aber so stark, dass er alle anderen überlagert. Soll ich das sagen? „Und?“, fragt die Chefin.
Ich drücke das Kreuz durch, kämpfe gegen den Tremoloreflex und gestehe: „Ich bin dankbar für diese Familie.“
Ist nun mal so. Da kann 2017 werden, wie es will.


