Hin und wieder packt mich das schlechte Gewissen. Die Tochter ist sechs Jahre alt und kann kein bisschen Klavier spielen. Nicht einmal „Alle meine Entchen“. Selbst die Blockflöte, die es zu Weihnachten gab, wird nur als Hundepfeife benutzt. Und von mir. Ich spiele darauf „Summ, summ, summ, Bienchen summ herum“. Oder „Hänschen klein“. Wenn ich die Kinder dann frage: „Na, habt ihr das erkannt?“, sagen sie ein bisschen gelangweilt so etwas wie: „War das aus „Bibi & Tina“?“ Kürzlich kam von den Eltern einer Klassenkameradin der Tochter die Einladung zu einem Hauskonzert. Die Kinder dürften ihre liebsten Stücke auf einem Instrument ihrer Wahl vorspielen, hieß es. Welche Stücke? Welches Instrument?

Wir lassen die Kinder tolle Musik hören. Richtig gute Musik von renommierten Kinderchören, begleitet von Meistern des Musikfachs. Die Kinder finden es nicht übel, aber wenn sie es sich aussuchen können, dann fetzt „Da hat das rote Pferd sich einfach umgekehrt ...“ oder „In den Bergen Ski fahr’n ist für uns der Hit, in den Bergen Ski fahr’n hält uns alle fit ...“ einfach mehr.

Kindererziehung ist der ständige Kampf gegen den schlechten Geschmack. Unsere Kinder sind ein bisschen Ballermann, und wir hätten so gerne ein bisschen mehr Bayreuth. Der Dreijährige sagt immerhin beharrlich seit eineinhalb Jahren, dass er Cello spielen möchte. Andererseits sagt er aber auch seit einem halben Jahr, dass wir ihm einen Saugroboter schenken sollen.

In der Kitazeit haben wir uns zurückgehalten. Die Kinder sollten einfach spielen. Ohne den Terminplan eines Managers. Schon damals tanzten die Freunde der Kinder Ballett in süßen rosafarbenen Tutus, hatten Geigenstunden, Zirkusturnen, Schwimmen, Aikido und Hockey, Hockey, Hockey. Das würde die Tochter gern mal ausprobieren, aber noch habe ich nicht aufgegeben, ein etwas weniger elternintensives Hobby für sie zu finden.

Mit einer Mischung aus Mitleid und Hochachtung betrachte ich sonntagmorgens um 9 Uhr, wenn normale Menschen das allererste Croissant in den Kaffee tunken, die Fotos eines Kollegen auf Facebook, der seinen kleinen Sohn auf abgerockte Hinterhof-Fußballplätze begleitet. Jedes Wochenende und bei jedem Wetter und vor allem mit vielen anderen Fußballeltern. Diese Vorstellung rangiert auf meiner persönlichen Skala der liebsten Beschäftigungen kurz hinter Wurzelbehandlung.

Aber selbst wenn man sich selbstbewusst gegen einen vollen Terminkalender und für jede Menge Kindsein entschieden hat, fragt man sich zwischendurch regelmäßig, ob man den Kindern auf ihrem Weg zum nächsten Vorsitz der Weltbank nicht doch ihre Zukunft verbaut vor lauter Bullerbü. Aus den Kleinen könnte ja noch alles werden. Unglaubliche Talente, Wunderkinder, die jüngsten Millionäre der Welt. Aber wie denn, wenn wir sie noch nicht einmal zum Klavierspielen zwingen? Ich werde nie das Gefühl vergessen, als ich 18 wurde und realisieren musste, dass ich niemals mehr jüngster Wimbledonsieger aller Zeiten werden konnte. Dabei hatte ich noch nicht einmal Tennis gespielt. Aber schade war es eben doch.

Die zehnjährige Tochter einer Freundin immerhin spielt seit einigen Jahren Klavier. Sie kann auch ein Stück richtig gut spielen. Als meine Freundin sie kürzlich bat, doch endlich mal ein anderes Stück zu spielen, rief ihr die Tochter empört zu: „Ich kann aber keine Noten!“ Nachdem meine Freundin sich den Klavierlehrer vorgeknöpft hatte, fragte sie sich, was da schiefläuft, wenn zweijährige asiatische Kinder in Youtube-Videos fehlerfrei Chopin spielen, während die eigene Tochter noch nicht einmal „Backe, backe Kuchen“ vom Blatt spielen könne.

Vielleicht ist es ja doch so, dass man als Elternteil einfach irgendwann akzeptieren muss, dass das eigene Kind nicht so begabt ist, wie man es gern hätte. Und jetzt werde ich ein Cello für den Dreijährigen besorgen. Ich glaube, da geht was.

Sandra Garbers
Sandra Garbers© Reto Klar | Reto Klar

Mehr von Sandra Garbers: