Ich bin eingesperrt. Ich bin im Elternknast. Ich habe Hausarrest. Gefühlt geht das schon den ganzen November und den halben Dezember so. Die Kinder sind krank, und ich muss zu Hause bleiben. Ich kann gar nicht genau sagen, ob sie jetzt eigentlich durchgehend krank sind, oder ob es sich um eine Art Serie handelt. Vielleicht beides. Sobald die Nasen nicht mehr unablässig tropfen und der Husten sich gelöst hat, das Fieberthermometer wieder Temperaturen im Normalbereich anzeigt, beginnt man euphorisch Pläne für die nächsten Tage zu machen: Endlich Weihnachtsgeschenke besorgen, mal wieder zum Sport, mal ungestört an ein paar Texten arbeiten. Doch prompt geht es wieder los: Hatschi. „Mama, meine Nase läuft, ich habe Bauchschmerzen, mein Kopf tut weh.“ Mal die eine, meistens der andere.
Ich kenne jetzt ziemlich viele Folgen von „Bibi und Tina“, und hinter den Heizungen ist es jetzt auch sauber. Irgendwas muss man tun im Elternknast, wenn man nicht gerade Taschentücher sucht, Hustentee kocht, Wärmflaschen füllt, oder an diesen blöden Ohrthermometern verzweifelt. Er hat 38,7 Grad! Oh halt, im anderen Ohr sind es nur 35 Grad, dann bilden wir mal den Mittelwert.
Wenn es zu schlimm wird, geht man zum Kinderarzt. Da sitzen dann all die anderen, bei denen es auch zu schlimm ist, und man kann sich in stundenlanger Wartezeit die Krankheiten abholen, von denen man bisher verschont geblieben war.
Dabei müsste man eigentlich auf alles vorbereitet sein, denn die Krankheiten werden ja am Schwarzen Brett angekündigt. Jeder, der schon mal ein Kind in der Kita hatte, wird sie kennen, diese kleinen Zettel, versehen mit Datum und Krankheit. „Liebe Eltern im Elementarbereich ist die hochansteckende Hand-Fuß-Krankheit/Magen-Darm-Grippe und so weiter aufgetreten.“ Die Liste des Schreckens, täglich aktualisiert. Nur der Zettel mit den Läusen, der hängt immer da. Erfahrungsgemäß sind es auch immer dieselben Eltern, die ihre kranken Kinder konsequent in die Kita bringen, damit die dort ihre Bakterien und Viren möglichst gerecht an alle Kinder verteilen können, und die dann mittags angerufen werden, um den fiebernden, hustenden oder sich übergebenden Nachwuchs abzuholen. Erstaunt sagen sie dann: „Bindehautentzündung? Also heute morgen war davon noch überhaupt nichts zu sehen ...“ Aber ein bisschen verstehen kann man sie. Bei der fünften Kinderkrankheit des Winters sind Chefs und Kollegen weit weniger verständnisvoll als noch beim ersten Infekt. Vielleicht tröstet es die gestressten Eltern, dass sie immer noch ein paar Magen-Darm-Bakterien ins Büro mitbringen können. Vielleicht trifft es die Richtigen. Nichts macht so demütig und verständnisvoll für das Schicksal der anderen, wie der eigene Infekt.

Den bekommen die Eltern selbst natürlich auch noch. Denn wenn man die kleinen Patienten ein paar Abende hintereinander auf dem Arm geschaukelt, die Haare aus der heißen Stirn gestrichen hat und einem dabei etwa alle zwei Sekunden ein feuchter Schwall Bakterien ins Gesicht geniest wurde, kapituliert auch das stärkste Immunsystem. Jetzt möchte man nur noch ins Bett, heißen Whisky mit Zitrone gegen die Halsschmerzen trinken, sich gesund schlafen, doch stattdessen pieksen einem die jetzt bestens ausgeruhten Kinder mit dem Ohrthermometer in die Nase und fragen etwa alle zwei Sekunden: „Bist du krank, Mama?“ Ja. „Ja warum bist du denn krank?“ Weil du mich angehustet hast. „Du sollst mit mir Murmelbahn bauen.“
Damit der Hund nicht unter uns Dauerkranken leiden muss, geht er jetzt halbtags in die Huta, die Hundetagesstätte. Vor ein paar Tagen hing dort an der Klingel ein Zettel: „Liebe Hundebesitzer, der Winter ist die Zeit der Erkältungskrankheiten, da bleibt es nicht aus, dass sich die Hunde auch mal untereinander anstecken ...“


