Wir sind eine traditionsbewusste Familie. Hohe Feiertage sind uns heilig, weil alle anderen auch so tun. In Wirklichkeit ist Weihnachten vor allem lästig. Bin ich mal wieder als Einziger unromantisch, weil mich die angeblich so besinnliche Zeit in die Besinnungslosigkeit treibt? Oder könnte es sein, dass wir uns kollektiv selbst veräppeln mit unserem Weihnachtswahn? Warum drehen wir alle vier Wochen lang durch, nur um maximal 20 Minuten Frieden zu genießen zwischen Bescherungsglück und den ersten Beschwerden? Warum gelingt es niemandem, das flauschige Wohlsein der Werbeprospekte nachzuspielen? Der Dezember ist ein Monat wie Teleshopping: Pausenlos werden die dollsten Sachen versprochen; was aber ankommt, ist teuer, anstrengend und nie wie auf den Abbildungen. Vielleicht würde ein Alkoholverbot helfen; dann sagt wenigstens niemand die Wahrheit.

Der letzte Monat im Jahr ist ein schwerer Konstruktionsfehler im Kalender – einfach zu viel los. Klassenarbeiten, Jahresendaufräumen, Großeinkäufe, Krankheiten, ganz viel Zeit für Familie, Basteloffensiven, Gänseessen und Weihnachtsfeiern, Kartenschreiben und Glücklichsein – da werden Leber, Gewissen und Geduldsfaden auf Zerreißproben gestellt.

An einem typischen Dezemberalltag sollte ich spätestens um vier Uhr aufstehen und eine Stunde Joggen, um die Zusatzkalorien vorauseilend zu killen. Dann Kuchen backen, weil in der Schule gefeiert wird.

Im Büro stapeln sich Kekse, die zu Hause offenbar nicht zu vermitteln waren. Endlich Ruhe, um drei Dutzend weitere Präsente zu bestellen. Wie praktisch: Man kann im Internet nachverfolgen, wie der Paketbote den gelben Zettel in den Briefkasten stopft. Damit wäre der Samstag auch verplant: Schlangestehen auf dem Postamt. Diese digitale Welt spart viel Zeit. Mittags Stützglühwein auf dem Weihnachtsmarkt, dann nach Hause, Vokabeln abfragen, das Schaubild für Geschichte skizzieren und Kampfbasteln. Meine Mutter konnte aus Strohhalmen und Rouladenfaden tolle Sterne zusammenzurren; ich scheitere bereits am geraden Scherenschnitt. Hans hat sich röchelnd vor den Fernseher abgemeldet. Klar, Hausaufgaben sind Elternsache. Ich ignoriere das Kratzen im Hals. Stammt bestimmt vom Glühwein.

Andererseits: So eine Angina wäre ein Fest, für mich. Ich lege mich ganz dicht aufs Sofa zum hustenden Hans. Bitte infiziere mich, mein Sohn. Dann wird das weihnachtliche Entspannungsversprechen endlich wahr. 91 Milliarden Euro sollen wir Deutschen im Weihnachtsgeschäft verpulvern; macht allein für unsere Familie satte 4000 Euro. Ich verspüre Scham. Wir kaufen zu wenig, selbst in der irren Phase, wenn eine Woche vor dem Heiligen Abend auch die letzte Ausgabenschranke fällt. Hat man erst mal den Überblick verloren, ist eh alles egal. Sind ja eh Nullzinsen und bald Weltuntergang, wegen Trump. Wie haben Maria und Josef das damals nur hingekriegt, so ganz ohne Kaufen?

Ich gelte in unserer Familie als Festbremse, weil ich nichts geschenkt haben will. Das Wechselspiel aus Vortäuschen von Begeisterung (Ich: „Das hast Du aber toll gemalt, das Schnabeltier; das hänge ich mir ins Büro.“ Hans: „Das ist ein Tesla.“) und echter Freude hebt sich emotional auf. Socken habe ich auch genug und Gutscheine nutzen vor allem Jochen Schweizer: sauteuer bezahlen, kaum einlösen – welch ein brillantes Erlösmodell.

Wenn Hans mir tatsächlich eine fiebrige Erkältung schenkt, werde ich die besinnlichen Stunden im Bett für die Eckpunkte einer Weihnachtsreform nutzen und den Irrsinnsmonat entschleunigen. Silvester und Jahresendrallye genügen im Dezember völlig. Zur Erholung werden wir zwei Wochen der Sommerferien in den Januar legen, für Detox und Ferienplanung. Und natürlich Weihnachten verlegen, zum Beispiel auf Pfingsten. Da fällt auch kein Schnee und Tannenbäume sind deutlich billiger.