Mamas & Papas

Wenn Kindermund Wahrheit kundtut

Der Nachwuchs tut oder artikuliert nicht immer das, was man sich so wünscht. Das hat auch Sandra Garbers festgestellt.

Foto: Goon Promotopn

Kürzlich hatten wir das Haus voller Gäste. Der Mann hatte Geschäftspartner eingeladen. So viele, dass am großen Esstisch angebaut werden musste. Die zunächst etwas steife Atmosphäre wurde schnell aufgelockert, als der Zweijährige sämtliche Sofapolster auf den Boden zerrte und zum Vorschein kam, was sich gern in Sofaritzen versteckt: Krümel, Bonbonpapier, ein zerdrückter Schokoriegel. Weil das aber eventuell noch nicht jeder der Gäste mitbekommen hatte, holte der Zweijährige den Staubsauger und begann ein demonstratives Showsaugen. Es erinnerte ein bisschen an die Küchengerätevertreter früher im Kaufhaus. „Herrschaften, sehen Sie sich das an. Wie bei Hempels unter, …nein, AUF dem Sofa…“

Die Stimmung der Gäste war jetzt gut gelockert. Da schritt die Fünfjährige majestätisch im Schlafanzug und mit Feenflügeln die Treppe runter. „Ich möchte für Papas Kollegen tanzen!“ Äh ja, ok, ich mach Musik an. „Ich brauche keine Musik!“ Es folgte ein Ausdruckstanz ohne Musik, aber mit geschlossenen Augen. Als ich schließlich die sich windenden Kinder in ihre Zimmer schleppte, brüllte der Zweijährige unablässig: „Ich will Musik! Kettensäge! Mit dem Mund!“

Es soll ja angeblich ein Alter geben, in dem Kinder, wenn es um ihre Eltern geht, nur noch mit den Augen rollen. In dem sie alles, einschließlich eventueller Atemgeräusche, peinlich finden und in dem sie, egal wie bequem sie ansonsten auch sind, sich von den Eltern eher in einem anderen Stadtteil aussetzen lassen würden, als direkt vor der Schule. Bei uns ist das noch anders herum. Wir sind die, die mit den Augen rollen.

„Ich will nicht zu den Landaffen“

Ein paar Tage später fuhren wir zur Verwandtschaft in eine entzückende norddeutsche Kleinstadt. Ich bin dort wirklich gern, ich liebe norddeutsche Kleinstädte. Wir kamen gerade von einem Stadtbummel, als wir die Kinder noch auf dem Spielplatz des örtlichen Gymnasium toben ließen. Die Fünfjährige setzte sich ganz oben auf eine Kletterspinne und rief mit ihrer gefährlichsten Piratenstimme: „Ich will nicht zu den Landaffen!!!“ Danach war Stille. Die Verwandtschaft sah mich schweigend und ein bisschen streng an. „Soso…“ sagten sie. Und „Kindermund tut, du weißt schon.“ Ich weiß wie das wirkte, aber ich möchte auch hier noch einmal betonen, ich habe niemals in Zusammenhang mit unserer Verwandtschaft oder anderen von sogenannten Landaffen gesprochen. Das hätte jetzt peinlich sein können, allerdings würde das voraussetzen, dass einem nach fünf Jahren mit Kindern überhaupt noch etwas peinlich sein kann.

Im Grunde ist diese ganze Kindersache eine Geschichte der langsamen Enthemmung. Angefangen mit entwürdigenden Singspielen, die sich noch nicht einmal reimen, bei Babymassage oder Pekip, Gesprächen über Konsistenz und Farbe des Windelinhalts. Dann diese Tage, an denen man sich aus Versehen die hässliche Lillifee-Haarspange ins eigene Haar klemmt, weil man sie im Badezimmerschrank verstauen will, aber auf dem Weg dorthin die Hände voller Lego hat. Und sich dann später beim Einkaufen, auf der Bank und auf der Straße zwar wundert, warum man heute so angestarrt wird, es aber freudig überrascht auf den inneren Glow schiebt. Das glaubt man so lange, bis das Kind beim Abholen aus der Kita empört ruft: „Das ist doch meine Haarspange!“

So sind sie eben, die kleinen Demütigungen des Alltags. Irgendwann hat man dann also gelernt, dass einem wirklich fast nichts mehr peinlich sein muss. Lautes Singen in der Öffentlichkeit? Ein Klacks. Durchgedrehte Kinder lange genug ignorieren vor den Augen der Weltbevölkerung, in der Hoffnung eine Langzeitwirkung zu erzielen? Geschenkt. Nichts ist uns fremd, die Toleranz ist grenzenlos. Vermutlich ist das der Zeitpunkt, an dem sich alles umkehrt. Wir sind stolz auf das Erreichte. Aber für sie, die dann nicht mehr ganz so Kleinen, sind wir einfach nur eines: Peinlich.

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