Mamas und Papas

Schwimmeltern sind die wahren Helden

Treten die Kinder bei einem Wettkampf an, geht es auch auf der Tribüne aufregend zu. Und am Ende ruft man doch: „Hepphepphepp“.

Ein Junge schaut in Berlin im Stadtbad Schöneberg durch das Unterwasserfenster aus dem Becken

Ein Junge schaut in Berlin im Stadtbad Schöneberg durch das Unterwasserfenster aus dem Becken

Foto: dpa Picture-Alliance / Paul Zinken / picture alliance / dpa

Wir sind Rabeneltern. Wir haben dem Jungen keine Badehose mit Nano-Haifischhaut-Technologie spendiert, die im Finish entscheidende Tausendstel bringen. Wir besitzen keinen amtlichen Trainingsanzug mit eingestickter Nationalflagge, befolgen kein Aufwärmprogramm vom Meistertrainer, haben keine eiweißhaltigen Aufbaugetränke angerührt, nicht mal eines dieser bemalten Bettlaken („Go for Gold, Hans“) für die TV-Kameras, die eh nicht da sind. Wir haben weder unsere Großfamilie mitgebracht, weil wir keine haben, noch unsere Freunde. Wer mag sich schon auf einer Schwimmhallentribüne chlorgerben lassen?

Schwimmeltern sind die wahren Helden des Wochenendes. Kickende Kinder sind auch nicht leicht, aber da ist der Spuk nach zwei Stunden wenigstens rum, inklusive Umziehen und Heulen.

Beim Tennis wurde früher mit mehr Niveau gepöbelt. Das Handball-Martyrium haben wir mit dem Großen durchgemacht. Zum Reiten fehlt uns das Pferd. Beim Schach herrscht Ruhe, aber dafür fehlt uns das passende Kind. Also Endstation Schwimmhalle. Wir kommen mit dem Pkw, die Konkurrenz mit Fanklub im Kleinbus. Dafür haben wir unseren Stolz.

Es begann damit, dass sich unser, also mein Sohn überraschend für die Stadtmeisterschaften qualifiziert hatte, knapp zwar, aber ein gutes Pferd schläft nicht länger als es muss. Wir hatten den Schwimmsport bislang weniger als Vorbereitung auf Olympia gesehen, sondern als einfachsten Weg, das Kind mehrmals die Woche müde und sauber zu bekommen.

Die gute Nachricht: Jemand aus unserer Familie besitzt ein Talent. Die nicht so gute Nachricht: Wettkämpfe steigen erstens immer am anderen Ende der Stadt und dauern zweitens irre lang: erster Start 8.32 Uhr, Belastungsdauer 43 Sekunden, dann eine Pause von der Länge eines vollen Arbeitstags im öffentlichen Dienst, zweiter Start kurz nach 16 Uhr, diesmal 37 Sekunden Belastungsdauer.

Zwischendurch nach Hause fahren? Dann säßen wir insgesamt etwa vier Stunden im Auto. Wir könnten Kluges lesen oder Hausaufgaben erledigen, was aber unmöglich ist, da alle anderen Kinder auf einem Tablet spielen, während die Väter von der Tribüne mit den Händen wedeln. Übersetzung: mehr Beinschlag, du Treibholz. Alle essen kalte Nudeln aus Tupperdosen, Hans ein Croissant. Warum ist man als normaler Mensch eigentlich immer Außenseiter?

Ich übe mich in Gelassenheit, wenn übermotivierte Konkurrenzeltern nebenan durchdrehen. Nur weil ihr Zwergmoppel die Bahn ohne Rettungsfloß schafft, muss man ja nicht gleich kreischen und „Hepphepphepp“ rufen.

Kaum ist der Bonsai-Orca Siebter geworden, wird die Zeit in die Excel-Tabelle eingetragen. Bestimmt errechnet eine App, was 48 Sekunden und 73 Hundertstel auf 50 Meter Brust für das olympische Finale 2024 ergeben.

Was soll aus solchen Kindern werden? Doch höchstens Unternehmensberater. Schwimmen ist gesund, aber fürs Hirn eine Folter. Denn um beim Schwimmen gut zu sein, muss man vor allem schwimmen. Wollen wir ein Kind, das morgens 6 Uhr die ersten acht Kilometer wegprügelt? Dann vielleicht doch lieber was mit Medien.

Da, Hans erklimmt den Startblock. Er sieht prima aus, voller Leistungslust. Sein, also unser Name steht in gigantischen Lettern auf der Anzeigetafel. Das muss ich für die Chefin knipsen. Mist, schon wieder weg. Startschuss. Alle Kinder im Wasser, Hans noch in der Luft. Paah. Holt er locker auf. „Looos!“, brülle ich. „Hepphepphepp.“ Ohh. War ich das? Rausgerutscht. Die anderen Kinder wenden. Paah, auf der Rückbahn wird mein Junge aufdrehen. „Looos! Finish! Zieh!“, röhre ich und trample, aber nur angedeutet.

Ein älterer Herr legt mir die Hand auf den Arm. Der Sieger hat schon das Wasser verlassen, als Hans ins Ziel treibt. Er ist halt nicht so der Killertyp. Aber wenn vier andere disqualifiziert werden wegen Frühstart, wären wir immerhin in den Medaillenrängen. „Gaaanz knapp!“, simse ich an die Chefin, und: „2016 Trainingslager statt Urlaub!“ Ohne Smiley.

Nächste Woche kaufen wir Spezialbadehosen und Eiweißshakes und diese Olympia-Finale-App. Da geht noch was.

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