Mamas & Papas

Wie man zum echten Schrecken an Halloween wird

Was ziehe ich an, damit man sich gut erschrecken kann? Der Abend vor Allerheiligen stellt nicht nur Hajo Schumacher vor Probleme.

Wir sind eine traditionsbewusste Familie. Wir achten die Feiertage noch, vor allem Mutter-, Vatertag und Kindertag, in christlicheren Familien als Weihnachtsfest bekannt. Früher habe ich den Gottesdienst zum Erntedank genossen, weil die Äpfel, Birnen und Kürbisse dem tristen protestantischen Altar ein wenig Farbe verliehen.

Da wir uns das Reformationsfest fürs Luther-Jahr 2017 aufsparen, begehen wir Eltern diesen letzten Oktobertag mit Depression und die Kinder mit Halloween, was ursächlich zusammenhängt.

Hans war schon alles zu Halloween: Harry Potter, Star Wars, im vorletzten Jahr ein Henker. Zugegeben, der Morgenrock der Chefin mit den Lotus-Applikationen sah nicht so Martial-Arts-Umhang-mäßig aus, wie vom Kind gewünscht. Aber die Sense war ein voller Erfolg, nach dem Tuning. Natürlich sind wir gegen Gewalt. Aber wenn die Mitschüler mit Schnellfeuergewehren aufrüsten, darf eine Sense als radikalpazifistisch gelten.

Ich hatte Hans eingeschärft, auf kritische Bemerkungen des pädagogischen Personals zu antworten, dass Bergbauern mit diesem traditionellen Werkzeug das Gras am Hang mähen. Noch auf dem Schulweg hatte er den Stiel entfernt und zufrieden „Killerklinge“ geraunt.

Heute ist Hauen verboten

Und was ziehen wir dieses Jahr an? Früher haben wir an Karneval die Kostüme der großen Geschwister aufgetragen, an geraden Jahren Lex Barker, an ungeraden Pierre Brice. Es gab einen Satz Pfeile mit Saugnäpfen oder Knallplättchen für die Pistole und bei mauliger Miene nicht mal das. Auf dem Schulweg haben wir uns mit Weidenruten vermöbelt; die Pfeile waren für Schwertkampf zu kurz.

Unser Jüngster hat es schwerer. Hauen ist verboten; Brutalität wird heutzutage über Statussymbole ausgeübt, etwa mit Kostümen, die von einem US-Spezialversand eingeflogen werden. Aber da machen wir nicht mit. Als ich mit meinem antiken Pistolenhalfter, echt Leder, aus dem Keller kam, fing Hans an zu heulen. Jedes Jahr dasselbe. Zur Strafe werde ich mich als kaputtes Wlan verkleiden. Damit kann man Kindern richtig Angst einjagen.

Vergangenes Jahr waren wir in einem Verkleidungsspezialgeschäft. Die Auswahl hatte sich seit Lex Barker kaum geändert: Sträfling, Pirat, Hexe, Mönch, Barbie-Klone. Weil Hans sich vor Spritzen gruselt, riet ich zu einem Arztkittel mit Blutspritzern, dazu Mundschutz, Kanülen, die man als Wasserspritze zur Tafelreinigung einsetzen kann, und ein Plastikbein mit geborstenem Knochen, das sich, natürlich nur im Notfall, unpazifistisch einsetzen lässt. Der Hammer waren Kunstblutkapseln zum Draufbeißen. Betritt die sensible Klassenlehrerin den Raum, läuft ein Schwall Rotes aus dem Mundwinkel des dramatisch kollabierenden Lieblings. Lustig, dachte ich.

Schüler – das gruseligste aller Kostüme

Hans nicht. Mir zuliebe haben wir das Set erworben, aber nicht benutzt. Der Herr Sohn fand es komischer, im gruseligsten aller Kostüme zu gehen – als Schüler. Horror. Die Lehrer mochten es, wegen der feinsinnigen Konsumkritik. Mir blieb die ethische Frage, ob man ein nagelneues Arztkostümset mit Extras in den Kleiderbeutel fürs Flüchtlingsheim geben kann. „Auf keinen Fall“, zürnte die Chefin und hob zum interkulturellen Monolog an. „Unbedingt“, sagte Hans und dachte an die Kinder. Ich habe schließlich einen Extrabeutel gepackt, mit Hinweis: „For Kids, for Halloween, for Fun.“ Die Kunstblutkapseln nahm ich mit ins Büro. Wirklich lustig.

Letztes Problem: Wie das subtil unverkleidete Kind für den abendlichen Raubzug durch die Nachbarhäuser tarnen? Soll ja niemand wissen, dass ausgerechnet unser Goldstück das gierigste ist bei „Süßes oder Saures“. Zum Glück hatten wir noch die Sturmhaube vom Kartfahren. „Bitte nur verpackte Ware“, wies ich den Kleinen an, „mit hohem Kakaoanteil.“

Tatsächlich kam Hans mit qualitativ ansprechenden Süßwaren zurück, manche leider aus dem Bioladen. Top-Beute war ein Fünfer-Pack Schoko-Karamell-Barren. Vielleicht eine Falle? Irre legen im Park vergiftete Mettknödel aus, um Hunde zu vergiften. Vielleicht waren die Riegel mit Curare geimpft? Kinderhasser sind widerwärtig. Aber Gründe hätten sie. Wir haben die Packung aufbewahrt. Falls jemand klingelt.