Wir sind eine sorgsame Familie. „Sorgsam“ ist die Steigerung von „achtsam“, was das buddhistische Wort für eigensinnig ist. Achtsamkeit praktiziert die Chefin beim Yoga. Da achten die Frauen darauf, sich zu entspannen, um hinterher ihre Familien bewusster herumkommandieren zu können. Sorgsamkeit ist die Tugend des Familienvaters, eine Mischung aus Teamgeist und uneigennütziger Verantwortung, das Gegenteil von sorg- und achtlos. Seit Jahren versuche ich zum Beispiel, den Jungs einen sorgsamen Umgang mit Bleistiften beizubringen. Wer das Schreibgerät bibergleich abkaut oder gar zerbricht, handelt sorglos, denn der Ernährer muss bis spät nachts sinnlose Arbeiten verrichten, um neue Bleistifte zu finanzieren. „Aber es ist doch mein Bleistift“, sagt Hans, „und ich wollte gucken, wie haltbar der Stift ist.“

Im Prinzip denkt das Kind richtig, aber doch falsch, weil ich einen neuen Bleistift mit Arbeitszeit bezahle. „Willst Du etwa, dass Papa sinnlos schuftet?“, frage ich mit liebevoller Arglist. Hans schweigt. Manche Fragen sollte man aus Selbstschutz gar nicht erst stellen. Und Bleistifte darf man auf keinen Fall hochrechnen aufs ganze Leben. Seit der Große den Kleinen mit dem Skateboard-Fimmel infiziert hat, geht es längst nicht mehr um Schreibgeräte aus nachhaltiger Forstwirtschaft, sondern um zerlöcherte Hosen und massivem Schuhabrieb.

Es sei eine Zen-Übung, das Kommen und Gehen alles Materiellen lächelnd hinzunehmen, erklärt die Chefin, als sie vom Yoga heimkehrt. Ich arbeite an mir. Was aber sagt das Zen zum Verlieren nagelneuer Materialien, die gar nicht erst zum Schneidezahnschärfen oder für Hebelexperimente gebraucht wurden? Neulich hat Hans in einer Woche dreimal sein Portemonnaie verloren; da dreht auch der gechillteste Zenmeister durch. Es geht ja weniger um die drei Euro in der Börse, sondern vielmehr um Monatsfahrschein, Schülerausweis, Essensmarke und den Klubausweis, der Zutritt zum Schwimmtraining ermöglicht. Die Wiederbeschaffungsdauer entspricht zwei Skateboard-Wochenenden, nicht eingerechnet die verlorene Lebenszeit durch die emotionale Achterbahn von Ärger und Erleichterung, wenn die Börse wieder auftaucht. Beim ersten Mal hatte sie der Hausmeister der Schule wiedergefunden, in der Turnhalle. Dann wurde der Bademeister fündig, als er unter den Schränken im Schwimmbad feudelte. Es lebe die Sorgsamkeit des öffentlichen Dienstes. Am Freitagabend, als Hans zur Strafe fürs abermalige Verlieren Lateinvokabeln büffeln sollte, da rief die nette Dame eines renommierten Bankhauses von ihrem Privathandy an, um zu melden, dass Hansens Portemonnaie in der Zentrale abgegeben worden sei. Freude, ja. Aber auch Zerknirschung. Wie sollen die Kinder Sorgsamkeit lernen, wenn alles Verlorene innerhalb von 48 Stunden wieder auftaucht und selbst eine Bank weder Zinsen oder Aufbewahrungsgebühr berechnet? Diese Welt ist zu gut für effektives Erziehen. Wer in den nächsten Tagen also ein Portemonnaie mit den oben genannten Karten findet, bunkert es bitte für mindestens eine Woche, damit sich der Bengel ordentlich erschrickt und Besserung gelobt.

Ich müsse den Menschen allgemein und speziell unseren Jungs mehr Vertrauen schenken, mahnt die Chefin. Esoterisch gesehen ein schöner Ansatz, aber die Lebenserfahrung spricht dagegen. Ich bin mir sicher, dass Kinder absichtlich vergessen, zum Beispiel Vokabeln. Wir haben schon mindestens hundert Mal wiederholt, was „quaerere“ bedeutet. Ich habe sogar eine brillante Eselsbrücke konstruiert: Wer kreuz und quaer herumrennt, der sucht was. Aber immer, wenn ich „kreuz und quaer“ sage, antwortet Hans etwas anderes, „fahren“ etwa oder „durchs Mittelmeer“ oder „herumfuhrwerken“. Vergessen sei ein Segen, weil dann Platz im Hirn geschaffen werde – das hat wer noch gleich gesagt? Nietzsche? Churchill? Sigmar Gabriel? Glatt vergessen. Jetzt suche ich erst mal meine Brille. Und dann kaufe ich neue Bleistifte.