Mamas & Papas

Technik, die nicht alle begeistert

| Lesedauer: 4 Minuten
Hajo Schumacher
Hajo Schumacher mit den Söhnen Paul und Felix (klein)

Hajo Schumacher mit den Söhnen Paul und Felix (klein)

Foto: Massimo Rodari

Über Flachbildschirme, die automatische Kofferraumklappe, Computer und die unterschiedliche Wahrnehmung von Eltern und Kindern.

Wir sind eine technikferne Familie. Technikferne ist vor allem bei Geisteswissenschaftlern verbreitet, weil sie schon in der Schule den Unterschied zwischen Gleich- und Wechselstrom nicht kapiert haben. Deswegen sind sie Soziologen und Politologen geworden oder in den Journalismus abgeglitten und erniedrigen seither Menschen, die einen Flachbildschirm unfallfrei installieren können. Ich gestehe: Ich führe ein Schwachstromleben. Technik macht mir Angst. Und warum sollen es meine Kinder mal besser haben? Wollen wir einen Ingenieur zum Sohn, der nicht mal Angst vor Elektrosmog hat?

Technik ist gut, sofern sie sich seit 100 Jahren bewährt hat: Fahrrad, Kühlschrank, Taschenmesser. Die automatisch schließende Kofferraumklappe gehört nicht dazu. Auch den Nutzen des Computers für das gute alte Referat sehen wir skeptisch.

Während Karl, 21, sich noch die Mühe machte, den Wiki-Text auf ein neutrales Blatt zu kopieren, gilt es in der Generation von Hans, 10, als Leistung, den Wikipedia-Eintrag vom Tablet-Computer halbwegs fehlerfrei vorzulesen. Ja, ja, ich weiß: Inhalte werden überbewertet, moderne Menschen müssen gar nicht wissen, was da steht, sondern, wo. Trotzdem sind Computer schädlich, denn sie bedrohen das bewährte Patriarchat, das der Welt einst einen sicheren Rahmen gab. Früher hieß es: „Frag doch mal Papa!“ Der hatte zwar auch keine Ahnung, hob gleichwohl zu einem gewichtigen Monolog an, der Kompetenz versprühte und manchmal Speichel.

Seit der Computer und die Chefin nahezu zeitgleich auf die Welt kamen, ist das Patriarchat dahin. Manchmal beim Abendbrot, wenn alle kauen und für ein paar Sekunden keine Gegenrede zu erwarten ist, monologisiere ich die Geschichte von Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow, der 1983 Nachtdienst schob im Moskauer Frühwarn­zentrum für Atom­angriffe. Damals wie heute hohles Starren auf Bildschirme. Plötzlich fiepte der Rechner, weil angeblich eine US-Rakete im Anflug auf die Sowjetunion sei. Atomarer Erstschlag. Dritter Weltkrieg. Alles aus. Petrow müsste sofort den Rückschlag einleiten. Der Offizier misstraut dem System. Auch als die zweite, dritte, vierte US-Rakete über den Schirm fliegt, bleibt er stur. Die Kollegen halten ihn für irre. Petrow wartet. Als die erste Rakete einschlagen müsste, passiert – nichts. 17 Minuten Technikskepsis haben die Welt gerettet. Das Hirn Petrow hat gegen den Automaten Pawlow gewonnen.

Hans tut so, als habe er die Petrow-Story noch nie gehört. Im anschließenden Moment der Stille wagt sich der Kleine aus der Deckung mit dem, was ihn technisch gerade umtreibt: „Minecraft“, ein Computerspiel und deswegen bei uns ungern gesehen, wegen der Bildung. Ich verstehe nicht mal ansatzweise, worüber der Junge referiert. Immerhin klingt es nicht pornografisch, obwohl es mit Internet zu tun hat.

Neulich habe ich gelesen, dass sich Eltern für die Hobbys ihrer Kinder interessieren sollten. Mache ich längst. Ich interessiere mich für ungesundes Essen, Fernsehen und „Star Wars“. Der Chefin genügt das nicht. „Interessier dich doch mal für ,Minecraft‘“, hat sie befohlen, „das ist Jungssache.“ Feminismus, den wir lieben.

Neulich habe ich mir eine ganze halbe Stunde freigeschaufelt, um eine „Minecraft“-Variante namens „Bedwars“ zu verfolgen. Jetzt weiß ich, was Hirnforscher meinen, wenn sie lineares (meins) und das synchrone Wahrnehmen unserer Kinder als sehr verschieden bezeichnen.

Wer von seinen Eltern lernte, dass man ein Buch vorn anfangen, hinten aufhören und ansonsten bei der Sache bleiben soll, der kapituliert vor einem Bildschirm, wo gebratenes Schweinefleisch, Schafe mit TNT-Bündeln, fortlaufenden Todesmeldungen, permanenten Auf- und Abrüsten des eigenen Spielers bei gleichzeitigem Echtzeitdialog mit den Gefährten durcheinanderfliegen. Selbst Petrow wäre durch­gedreht.

„Na, wie war’s?“, fragte die Chefin, als ich auf meinen Arbeitsplatz in der Küche taumelte, während Hans johlend noch ein paar TNT-Schafe explodieren ließ. „Wir müssen uns Sorgen machen“, sagte ich und schaltete Klassikradio ein. „Ist es zu brutal für ihn?“, fragte Mona besorgt. „Nein“, entgegnete ich: „Für uns.“

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