Ein ziemlich wichtiger Punkt in der Kindererziehung ist, das beide Erzieher sich ungefähr einig sind. Also, dass nicht der eine sagt: „Du sollst die anderen Kinder nicht mit Sand bewerfen. Du gehst sofort zu dem Mädchen und entschuldigst dich“, und der andere sagt beim nächsten Mal: „Er hat mit Sand geworfen? Ist doch normal. Das regeln die schon unter sich.“
Wir sind uns einig. Der einzige Punkt, wo wir nicht zusammen kommen, bleibt die Einschätzung lebensgefährlicher Situationen. Lebensgefährliche Situationen finden bei uns vor allem am Wochenende statt, wenn Papa mit den Kindern spielt.
In der Theorie soll man Kindern ja viel zutrauen, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Also nicht: „Oh nein!!!! Das ist ja viel zu hoch, halt dich fest, ich heb dich runter.“ Sondern: „Du willst die meterlange, steile Tunnelrutsche mit der fiesen Kurve ganz alleine rutschen? Na klar, du bist ja schon fast anderthalb.“
Man sollte den Kindern was zutrauen. Ok. Aber dann kann es nicht schaden, die Stunden in der Notaufnahme mit einzuplanen.
Der Sohn hat aktuell eine geklebte und toll verheilte Narbe an den Augenbrauen, eine geklebte, noch nicht so toll verheilte Wunde an der Stirn, einen riesigen Kratzer unter dem linken Auge, Beginn etwa ein Millimeter unter dem Augenwinkel. Dafür ist der schwarze, gequetschte Nagel vom linken Zeigefinger endlich abgefallen und das Dreieck in der Zunge ist schneller wieder zusammengewachsen, als wir gedacht hätten. Zungen wachsen besonders schnell wieder zusammen, hatte die Frau in der Notaufnahme gesagt. Wenn man zum Beispiel ein Zungenpiercing hat und das nur für eine Nacht mal rausnimmt, kriegt man das am nächsten morgen angeblich nicht mehr rein. Toll, was man mit Kindern alles lernt.
Irgendwann bin ich sonntags nicht mehr mit auf den Spielplatz gekommen, weil meine Nerven es nicht mitgemacht haben. Es gibt einen Versuchsaufbau mit einer schiefen Ebene und Babys. Herausgekommen ist, dass Väter die schiefe Ebene fast senkrecht aufstellten, die Mütter eher zur Waagerechten tendierten. Väter überschätzen ihre Kinder, Mütter unterschätzen sie. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.
In der vergangenen Woche hat der Vater es mal wieder ein bisschen übertrieben. Er hat den fast Zweijährigen im Garten beim Schaukeln angeschubst. Auf der Kinderschaukel, die in der großen Eibe hängt. Er hat ihn eingedreht, ihn in alle Richtungen geschubst. Ich konnte kaum hinschauen. Der Sohn schrie immer wieder: „Noch mal!!!!“ Und dann wurde er ruhig. „Du, der schläft gleich in der Schaukel ein“, sagte der Papa noch begeistert, und da passierte es schon. Der Sohn kotzte, ich musste ihn retten. Nach zwei Minuten trösten lief der Sohn wieder zur Schaukel: „Noch mal!!“ Sein Papa hob ihn wieder rein. „Bei der Nasa machen die es auch nicht anders.“





