Mamas & Papas

Die Sache mit dem Pflaumenkuchen

Hajo Schumacher über Elternglück und Ehrlichkeit in der Familie

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Wir sind eine offene Familie. Wir sprechen über alles, denn Ehrlichkeit ist die Basis gedeihlichen Zusammenlebens. Nur eines vermeiden wir Männer: Kritik an der Chefin. Offenheit schön und gut, aber die Schwelle zur Majestätsbeleidigung ist rasch überquert. Ein unverdächtiger Satz wie: „Da ist eine neue Beule im Auto, aber sehr klein, geradezu süß“ wird übersetzt mit: „Du willst mir doch nicht etwa unterstellen, ich hätte... Wer fährt denn wie der letzte... Alle Statistiken sagen, dass Frauen viel besser... Deine dämliche Ironie kannst du dir auch gepflegt in den... Außerdem ist das verdammte Parkhaus wirklich eng.“

Ihre Kritik, sagt die Chefin, sei ein Geschenk für uns, weil sie uns die Chance gibt, zu lernen und zu wachsen. Leider kommen nicht alle Geschenke gut an, wie wir seit dem Gutschein für eine Bier-Bike-Tour wissen. Die Lehre: Wir Männer haben Kritik mit demütigem Jubel zu empfangen, Mona dagegen antwortet mit tagelangem Schweigen oder, schlimmer noch, mit einem ihrer Wutausbrüche, die mir noch Tage später mitleidige Blicke unserer Nachbarn einbringen. Meine Ausrede, wir hätten für ein Theaterstück in unserer Paartherapiegruppe geübt, zieht schon lange nicht mehr.

Neulich waren wir ein Wochenende unterwegs, ganz ohne Streit und Kinder. Der Große hatte auf den Kleinen aufgepasst und tatsächlich – die Bude war nicht abgefackelt. Eine junge Dame hatte assistiert und in unserer Küche gemeinsam mit den Jungs einen Pflaumenkuchen angefertigt. Pflaumenkuchen ist Chefinnensache bei uns. Jeden Spätsommer drückt Mona wehrloses Kernobst in einen, nun, geschmacksneutralen Teig, den der Installateur auch zum Abdichten im Sanitärbereich nehmen würde. Aus Gesundheitsgründen verzichtet die Chefin auf Zucker, weshalb wir viel Sprühsahne einsetzen. Vom Pflaumenkuchen unserer Kinder war nur noch ein Eckchen übrig, genug immerhin, um zu entdecken, wie so ein Kuchen auch schmecken kann. Der Teig leicht und knusprig, die Früchte in herrlich süß-glitschigem Gelee gebadet. „Der war total lecker“, jubilierten die Jungs, während die Chefin leise grollte. Hans hätte nicht erwähnen dürfen, dass „der Pflaumenkuchen ganz anders war als bei Mama“. Volltreffer, versenkt. „Euch schmeckt mein Kuchen nicht“, schluchzte die Chefin lauernd. „Doch, doch“, versicherten die Jungs, während wir still all der Bleche voller Zähigkeit gedachten, die wir die Jahre über mit zuckerfreiem Lächeln bewältigt hatten.

Wie viele Millionen deutscher Kinder mögen an Kuchen-Traumata leiden, weil sie ihre Mutter nicht verletzen wollten? Wie viele Töchter und Söhne heucheln Freude, wenn Eltern kistenweise selbst gezogenen Fenchel verschenken, dazu einen Doppelzentner Zucchini – „alles bio“ – und noch ein selbst gebranntes Türschild aus Salzteig drauflegen? Ehrlichkeit oder Elternglück? Beides geht nicht. Tapfer sehen wir dem nächsten Blech Pflaumenkuchen entgegen.