Wir sind eine kompetente Familie. Alltagskünste wie Fahrradreparaturen, Hausaufgabenmotivation und kreatives Flicken von Hosenbeinen haben wir perfektioniert. Wir fühlten uns gewappnet für die pädagogischen Aufgaben des Alltags.

Jetzt aber sind wir verzweifelt. Denn in unserem elterlichen Leistungsportfolio fehlt eine entscheidende Fähigkeit: Pornokompetenz. Eben diese aber sei dringend gefragt, sobald das Kind seinen Namen halbwegs fehlerfrei schreiben könne, sagen Pädagogen.

Die Forschung hat herausgefunden: Mit elf, spätestens zwölf Jahren sehen unsere Kleinen den ersten Film, den sie rein rechtlich erst volljährig betrachten dürften. Statistisch gesehen kommt auf jeden Spätzünder, der mit 14 sein erstes fleischhaltiges Internet-Filmchen sieht, ein anderer, der nicht mal zehn ist. Hans wird demnächst neun. Und wir haben keinerlei Pornokompetenz.

Mein selbstloses Angebot, mich unverbindlich informieren zu wollen, zum Wohle des Kindes, wurde von der Chefin entschieden abgelehnt. „Die Kinder müssen Fragen stellen dürfen, da hilft kein verschämtes Wegducken“, zitierte ich die Rostocker Pädagogin Katharina Zillmer von der Landesfachstelle für sexuelle Gesundheit und Familienplanung. Welche Fragen könnte Hans wohl stellen? Warum hängt da ein nackter Mann von der Decke? Wieso trägt die Darstellerin Luftballons dort, wo andere Damen Brüste haben? Und was hat ein Schaf im Schlafzimmer zu suchen? So, und jetzt nicht wegducken, sondern heiter sagen: Mein Sohn, so ist das Leben. Ich habe ja gerade mal die fortwährenden Hundekopulationen in unserem Kiez erklärt dank Otto Waalkes: „Der Bernhardiner ist blind. Und der Pudel schiebt ihn über die Straße.“ Bislang hat Hans sich mit dieser Erklärung zufrieden gegeben.

Ich finde, dass die Sexualerziehung inklusive Pornokompetenz in ebenso behutsame wie verantwortungsvolle Hände gehört, also in die der Chefin. Ich sehe meine Aufgaben eher bei Steuern, Versicherungen und der Entlüftung von Heizkörpern. „Porno ist Männersache“, entgegnet Mona.

Ich fühle mich missverstanden und blättere im Programm der Volkshochschule. Zwischen „Politik“ und „Programmieren“ klafft eine Lücke. Wikipedia und Google bieten auch keine Hilfe. Typisch Internet: Mit den Scherereien darf man sich hinterher ganz undigital herumschlagen. Unwahrscheinlich, dass Filmchen, die auf dem Schulhof kursieren, aus einem Lehrvideo über Bienenzucht stammen.

Neulich kam Hans aus der Schule und sagte, dass der Sportunterricht „voll porno“ gewesen sei. Ach du Schreck: War meine nicht vorhandene Kompetenz plötzlich gefragt? Ein kurzes Informationsgespräch später war ich beruhigt. Meine Mutter errötete seinerzeit, wenn wir „geil“ sagten und „dufte“ meinten. „Porno“ scheint das neue „geil“ zu sein. Hans wünscht sich zum Geburtstag übrigens ein Smartphone, weil: „Das haben alle in der Klasse.“ Kein Problem, wir wollen das Kind ja nicht isolieren. Es sollte nur kein Bildschirm dran sein.