Wir sind eine reinliche Familie. Das Wannenbad war bislang ein Spaß, zumindest für Hans. Er lud einen Doppelzentner Spielzeug in die Wanne, was sich zumindest positiv auf unsere Wasserrechnung auswirkte. Kaum war die Planscherei beendet, dauerte es höchstens eineinhalb Stunden, bis ich die ärgsten Spuren der Wasserschlacht beseitigt hatte.

Die Zeiten arglosen Badespaßes sind nun vorbei. Mit jeder Pädophilie-Debatte tauchen Fragen auf, die sich die meisten Eltern früher nie gestellt hätten. Ganz selbstverständlich wurde ich kurz nach dem Krieg am Strand der westfriesischen Insel Ameland fotografiert, wie ich textilfrei im Priel nach Einsiedlerkrebsen fischte, in einem Alter, da man sich weder Gedanken um Problemzonen oder Perverse machte. Lag damals hinter jeder Düne ein Irrer, der nackte Kinder fotografierte und die Bilder weltweit feilgeboten hätte, wäre das Internet erfunden gewesen? Waren wir arglos? Sind wir heute hysterisch? War der Maler Balthus ein Krimineller, weil er achtjährige Mädchen aus eindeutig lüsterner Perspektive porträtierte? Hätte eine Ausstellung im Berliner Museum für Fotografie 2013 verboten werden müssen, weil dort Aktbilder minderjähriger Knaben zu sehen waren? Was ist Kunst? Und was muss weg?

Um Himmels willen, mag sich mancher Ostdeutsche denken: Wir mussten jeden Sommer nackig rumlaufen. FKK war in den achtziger Jahren ein Trend, nicht nur an der Ostseeküste. Lebten sich da Lustmolche aus, unter dem Deckmantel von Freiheit und Natürlichkeit?

Neulich hörte ich vom Fall eines Vaters, der sich im Scheidungsgetümmel erklären musste, weil er mit seiner kleinen Tochter in der Badewanne gesessen hatte. Die Mutter hatte dem Richter Handy-Bilder präsentiert, die Missbrauchsabsicht beweisen sollten.

In manchen Berliner Sportvereinen wird ein Duschkrieg geführt. Eltern verbieten ihren Kindern, sich in der Kabine zu entkleiden. Früher war das Duschen eine Mischung aus Mutprobe und Initiationsritus. Die Kleinsten verdrückten sich nach dem Training ungewaschen und niedergeschlagenen Blickes, während die Größeren lässig das Handtuch um die Lenden geschlungen hatten. Erst wer sich traute, die Sporthose abzulegen und mit den anderen zu duschen, der gehörte dazu; ein Segen übrigens für Eltern und erste Freundinnen.

Und heute? Wachen die Eltern in der Kabine, ob ihre Jungs auch Badehosen zum Duschen tragen. Trainer grummeln, weil ein unausgesprochener Vorwurf in der Kabine hängt. Was ist berechtigte Sorge? Was ist Hysterie? Und was ist, wenn tatsächlich was passiert?

Und vor allem: Was wird aus unserem Familienbaden? Wenn Hans in der Schule erzählt, er hocke mit seinem Vater unbekleidet und ohne juristische Grundlage in der Wanne, wird das Jugendamt bei uns einmarschieren? Die Leichtigkeit ist jedenfalls dahin. Vielleicht sollten wir soviel Spielzeug in die Wanne laden, bis überhaupt kein Wasser mehr dazwischen passt. Dann müssen wir uns gar nicht ausziehen und können im Kinderzimmer bleiben. Und wie wird das Kind sauber? Wir könnten ihn bei Regen auf den Balkon stellen. Aber dann fotografiert bestimmt jemand von gegenüber.