Kürzlich war ich mit der Tochter auf dem Spielplatz. Sie saß in einer Holzeisenbahn und als ich sie fragte, wohin sie fahre, rief sie: „Nach Schtuttgart!! Da sind die Leute so lieb.“ Ehrlich, ich bin unschuldig, ich habe das böse S-Wort nie erwähnt. Ich war da auch noch nie. Und außer, dass wir Zugezogenen in Prenzlauer Berg von den Alteingesessenen sämtlich als Schwaben bezeichnet werden und ich ganz gerne Laugenbrezel esse, habe ich keinerlei Verbindungen nach Stuttgart.

Bislang habe ich meine Brezeln vor der Haustür bekommen. Dort gibt es einen Berliner Traditionsbäcker. Seit vier Jahren kaufe ich dort fast täglich mein Brot, grüße immer freundlich. In der Weihnachtszeit lobe ich die Baumkuchenstücke, im Sommer bedaure ich die Verkäufer wegen der Wespen auf dem Erdbeerkuchen. Hilft alles nichts. Sie tun jeden Morgen so, als würden wir uns das erste Mal sehen. Manchmal bekomme ich mit, wie sie Leute behandeln, die sie mögen. Freundliches Scherzen und: „Wie immer bei dir?“ Wenn sie mal eine besonders leckere Brötchensorte ausprobieren, dann kann man sicher sein, dass sie bald aus dem Programm genommen wird. „Aber die waren doch so lecker...“ - „Ja, gibt es aber nur noch samstags.“ Und das Vollkornbaguette? „Dienstags und donnerstags. Aber wir machen nur vier. Wenn sie weg sind, sind die weg.“ - „Dann nehme ich Käsebrötchen.“ - „Käsebrötchen sind aus.“ - „Aber es ist doch erst halb neun.“ - „Käsebrötchen gingen heute besonders gut.“

Irgendwann habe ich aufgegeben, von ihnen geliebt werden zu wollen. Einmal im Winter bin ich beim Heraustreten aus der Bäckerei auf Glatteis ausgerutscht. Da habe ich eine der Verkäuferinnen zum ersten Mal herzlich lachen sehen. Immerhin. Wo andere längst auf Mascarpone-Torten setzten, gab es in meiner Bäckerei noch echte Buttercremetorte. Und Bockwurst zum Frühstück. Und Stammgäste, die mit ihrem Kaffeepott draußen auf der Bank sitzen, Cabinet-Zigaretten rauchen und sich vermutlich fragen, was aus ihrem Kiez geworden ist.

Seit ein paar Tagen hängt an der Bäckerei ein Zettel. Dort steht, dass man sich für die jahrelange Treue der Kunden bedanke, das Geschäft nun aber an eine Biobäckerei aus Kreuzberg übergebe. Ich habe gleich im Internet nachgeschaut: Marzipancroissants, Zimtbrötchen, italienische und französische Landbrote. Und echte Laugenbrezel nach Originalrezept aus dem Schwabenland.

Seit wir wissen, dass wir nur noch einen kurzen Weg zusammen gehen werden, sind die Traditionsbäckerei und ich irgendwie netter zueinander. Also sie jetzt auch ein bisschen. Freundliche Bio-Bäckereien gibt es überall, aber ungerührte Berliner Traditions-Bäcker? Die verschwinden so langsam. Und irgendwie ist das schade.

Als ich unseren reizenden Nachbarn beim Abendessen von der neuen Entwicklung erzählte, sagten sie nur: „Na, auf die Brezel bin ich mal gespannt.“ Dann füllten sie das Essen auf die Teller. Es gab handgeschabte Spätzle.