Mamas & Papas

Warum heißt grün grün und nicht blau?

Eltern von Kleinkindern wären die perfekten Mitarbeiter in einer Telefon-Hotline, weil sie geduldig jeden Tag stundenlang Antworten auch auf die seltsamsten Fragen finden müssen, findet Sandra Garbers.

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Haben Löwen Angst vor Krokodilen? Oder haben Krokodile Angst vor Löwen? Wann ist man schneller: Wenn man so schnell ist wie der Blitz oder wie der Donner? Wo hat der liebe Gott gewohnt, bevor er im Himmel war, und wie heißen seine Eltern? Warum durfte Rotkäppchen ganz alleine in den Wald? Warum heißt grün grün und nicht blau? Wer hat auf mich aufgepasst, bevor ich geboren wurde?

Ich komme mir vor wie ein Lexikon des unnützen Universalwissens. Eltern von dreijährigen Kindern wären die perfekten Mitarbeiter in einer Telefon-Hotline, weil sie geduldig jeden Tag stundenlang Antworten auch auf die seltsamsten Fragen finden müssen. Und weil sie die Antworten natürlich auch finden wollen. Wer nicht fragt, bleibt dumm. Früher haben Eltern an gewissen Punkten vielleicht geantwortet: Ich weiß es nicht. Heute antwortet man: Ich schaue kurz im Internet nach. Dort findet man auf fast jede Frage irgendeine Antwort. Aber wohin soll das führen? Wenn man Dreijährigen schon mit Licht- und Schallgeschwindigkeit kommen muss, was fragen die dann mit vier oder fünf? Oder mit neun? Mama, was ist die Winkelsumme im 32-Eck? Aus welchem deutschen Kaisergeschlecht stammt Otto I.?

Ich habe ein bisschen Angst. Bislang kam ich mit meinem Halbwissen eigentlich immer ganz gut durch. Nun muss ich plötzlich jeden Tag in die mündliche Prüfung. Zum Glück sind Kinder nicht grundsätzlich enttäuscht, wenn man etwas nicht weiß, weil sie dann noch mehr Fragen stellen können. „Mama, warum sitzt der Mann da drüben im Rollstuhl?“ -„Weiß ich nicht.“ - „Warum weißt du das nicht?“ - „Weil ich ihn nicht kenne.“ - „Warum kennst du ihn nicht?“ - „Weil ich nicht jeden Menschen kenne.“ - „Wie viele Menschen kennst du denn?“

Kindern und Eltern ihre Grenzen aufzeigen

In schlauen Büchern über Kindererziehung steht, dass man den Kindern ihre Grenzen aufzeigen muss. Aber vielleicht ist das auch andersherum. Vielleicht sitzen die Dreijährigen in der Kita zusammen und sagen genau das über uns. Kind eins: „Meine Mutter tut immer so, als wüsste sie alles.“ Kind zwei: „Ja, kenne ich. Ganz schwierige Phase. Du musst versuchen, ihr ihre Grenzen aufzuzeigen, sonst wird das immer schlimmer. Und in der Pubertät kommst du dann gar nicht mehr mit ihr zurecht, da werden Mütter ganz besonders unverträglich.“ Kind eins: „Aber wie zeige ich ihr ihre Grenzen?“ Kind zwei: „Frag sie, was passiert, wenn man bei einem Fahrzeug, das mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs ist, die Scheinwerfer anschaltet.“

Und dann, irgendwann, bemerkt man, dass all diese Fragestunden tatsächlich etwas gebracht haben. Vor kurzem fuhren wir mit dem Auto durch Brandenburg. Tochter: „Mama, da drüben steht ein Pferd.“ Ich: „Oh ja, ein hübsches Pferd.“ Tochter: „Nein, es ist traurig. Pferde dürfen nicht allein gehalten werden. Das sind Herdentiere.“ Mission accomplished.