Kürzlich habe ich auf der Straße ein mittelaltes Paar belauscht. Die beiden gingen vor mir her, und abgesehen davon, dass der Mann sich den Nachwuchs vor den Bauch gebunden hatte, sahen sie in ihren langen olivgrünen Parkas ziemlich mittemäßig aus. Die Klamotten stammten noch aus dem alten Leben. Als Top-Unterhaltung noch darin bestand, in der Kastanienallee einen Joint nach dem anderen zu rauchen. Vorbei. Jetzt waren sie im Prenzlauer Berger Wolle-Seide-Body-Universum angelangt, wo es um Themen geht wie: Kann man zwischen zwei Wolle-Schichten eine Baumwollschicht machen oder ist das schon Kindesmisshandlung? Sie sagte irgendetwas wie: „...hier ist doch zur Not auch ganz schön, bis er zur Schule kommt“, er sagte: „Nein, wir brauchen einen Garten.“
Einen Garten. Den wollen wir alle. Wenn man Kinder, hat steht er auf der Wunschliste fast ganz oben, gleich hinter dem Kombi. Damit die Kleinen beschäftigt sind, wir mit den anderen Eltern Bratwurstschnecken grillen können und der Herr des Hauses endlich seinen Spielzeug-Trecker bekommt.
Das ist der Unterschied zwischen der Anschaffung von Kindern und der von Ponys. Während man bei letzteren zuerst eine Weide sucht und sie sich dann zulegt, ist es beim Kind genau andersherum. Der Wunsch nach einem Garten mit Haus kommt mit Verzögerung und ist ein Ergebnis aus Hormonen, schlechtem Gewissen, einer Prise Romantik und Glorifizierung der eigenen Dorfkindkeit.
Jetzt könnte alles gut werden, wenn es nur genug Gärten mit Häusern in noch akzeptabler Innenstadtlage gäbe. Sie wissen schon: „Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße, mit schöner Aussicht, ländlich mondän, vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn.“ Wie unschwer zu erkennen ist, hat Tucholsky damit das in Berlin so beliebte Townhouse beschrieben. Also ein Haus in Innenstadtlage, mit minimalen Gärten und maximaler sozialer Kontrolle.
Doch Townhäuser können noch viel mehr. Sie sind die natürliche Vorstufe zu Swingerclubs. Wie soll man sich das auch merken, wenn man mal einen über den Durst getrunken hat. Wohnt man jetzt 246 k oder 247 l? In Reihe vier oder vierzehn? Hunderte Häuser nebeneinander, hintereinander, alle baugleich. Da fällt ein Irrtum manchmal erst auf, wenn die Frau im Bett nicht baugleich mit der ist, die man geheiratet hat.
Durch die verglasten, einander zugekehrten Terrassen hat man auch noch jede Menge Kurzweil. Gibt es bei den Schmidts schon wieder Pizza? Hat Frau Kaufmann aus 247k noch immer ihre Bügelwäsche liegen? Kommt der attraktive Typ vom anderen Ende der Siedlung schon wieder so spät nach Hause? Wieso war das neue Sofa der Lehmanns so teuer, sieht doch aus wie von Ikea.
So ist das eben. Wenn wir nicht zu unserem Dorf kommen, kommt das Dorf zu uns.


