Es gibt zweifellos eine Menge Dinge, die an Kindern nerven können. Wutausbrüche, geplatzte Theaterabende, salzarme Familienkost. Aber es gibt auch Vorteile. Mit etwas Geschick lässt sich das Kind gezielt als biologische Waffe einsetzen. Da hat man plötzlich ein derartiges Verhandlungs- und Abschreckungspotential zu Hause, von dem Kinderlose nur träumen können. Unangenehme Termine? Langweilige Verabredungen? Anstrengende Playdates mit anderen Müttern? Sagen Sie sie ab! Und zwar möglichst kurzfristig, denn dann sind Sie umso glaubwürdiger.
Bei der ersten Absage reicht meist ein einfaches „plötzlich Fieber“. Etwas mehr Nachdruck verleiht der Zusatz „und so komische Flecken“ (siehe auch Google, Suchwort: „ansteckende Kinderkrankheiten mit Hautausschlag“). Auch zur Abschreckung eignen sich Kinder ungemein. „Klar, kommt vorbei. Bis dahin haben wir sicher unser kleines Kopfläuseproblem gelöst.“ Diese Ausrede funktioniert natürlich nicht bei Glatzenträgern. Hier greift man besser zur Universalausrede „undefinierbarer Brechdurchfall“ zurück. Klappt immer.
Nutzt man diese Ausreden häufiger, verpufft ihre Wirkung leider irgendwann. Deshalb sollte man variieren. Mixen Sie virtuos. Nutzen Sie die uns Menschen angeborene Abscheu gegenüber Läusen, Flöhen, Würmern und die anerzogene Abscheu gegen Bakterien und Viren. Wichtig ist, dass man nichts nimmt, gegen das das Gegenüber bereits immun sein könnte. Masern, Windpocken und alles, was sich impfen lässt, fallen leider aus. Besser sind lästige, im Grunde aber harmlose Kinderdinger, die dazu führen, dass das Gegenüber nicht sauer über die Absage ist, sondern dankbar und erleichtert, denn wir haben ihm gerade etwas Gutes getan.
Allerdings muss man auch nach der Absage sehr aufpassen, seine Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren. Jeder, der schon mal einen Seitensprung hatte, weiß, dass die beste Ausrede nichts nützt, wenn sie nicht konsequent weiter gedacht wird. So ist es auch in diesem Fall. Spontanheilungen wecken Misstrauen. Aber zum Glück gibt es ja für alles digitale Geschäftsmodelle. Start-Up-Gründer ohne eigene Idee, aufgepasst: Gesucht wird eine Kranke-Kinder-Alibi-App, die den Heilungsverlauf errechnet und uns über die Genesungsschritte informiert. Etwa: „Seit heute morgen nicht mehr schwallartig“.
Die Sache funktioniert natürlich auch andersherum. Wenn das Kind wirklich mal krank sein sollte, haben wir zu Hause genügen Viren und Bakterien zur Hand, um unsympathische Menschen eine Zeit lang auszuschalten. Ein paarmal den ungeliebten Kollegen angehustet, ein paar vom Kind kontaminierte Taschentücher liegen gelassen, ein paar Hände (nicht waschen!) geschüttelt. Voilà, außer Gefecht gesetzt. Ganz besonders hilfreich ist das natürlich, wenn intern eine Beförderung ansteht. Von wegen Kinder und Karriere vertragen sich nicht.
Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher

