Als Eltern freut man sich ja sehr, wenn die Kleinen endlich sprechen können. Man freut sich über jedes Wort, das sie lernen. Sie können sagen, was sie essen wollen, wo es weh tut, wer sie in der Kita gebissen hat. Das Leben wird leichter. Leider können sie auch sehr viele andere Dinge sagen.

Kürzlich im Supermarkt. Lange Schlange an der Frischetheke. Meine Tochter nutzt die Wartezeit für ein Statement: „Berliners machen immer Pipi auf die Straße.“ Das ist der Moment, in dem einem einfällt, dass man doch gar nichts von der Frischetheke braucht, sondern zum Gemüse muss. Ich bin Schuld an dem Satz. Und ich bin es nicht.

Passiert war Folgendes. Ich war mit der Tochter unterwegs, sie balancierte eng an Häuserwänden entlang. Ich: „Komm‘ da mal ein bisschen weg.“ Sie: „Warum?“ Ich: „Weil da Scherben liegen.“ Sie: „Warum?“ Ich: „Weil jemandem aus Versehen seine Bierflasche aus der Hand gefallen ist.“ Sie: „Warum?“ Ich: „Weil er müde war.“ Sie: „Warum?“ Ich: „Ist eben so.“ Sie ist nicht überzeugt, geht weiter an der Wand entlang. Es riecht streng.

Ich: „So, jetzt weg von der Wand.“ Sie: „Warum?“ Ich: „Weil da jemand Pipi gemacht hat.“ Sie: Warum?“ Ich: „Weil er mal musste und kein Töpfchen dabei hatte.“ Das leuchtet ein, sie geht auf Abstand zur Wand. Sie: „Wer hat da denn Pipi gemacht?“ Ich: „Ein Mann.“ Sie: „Welcher Mann?“ Ich, abwesend: „Weiß nicht, irgendein Mann.“ Sie: „Aber welcher?“ Ich: „Irgendein Berliner halt.“ Die Synapsen rattern, und zack ist das neue Weltbild da: Berliner machen Pipi auf die Straße.

Ganz ehrlich, das hätte auch dem Dalai Lama passieren können. Nach 700 Warum-Fragen am Tag landet irgendwann auch der Geduldigste in einer Sackgasse. Man sucht nach dem einen Satz, der für kurze Zeit Stille bringt und das Warum-Mantra beendet. Denn jede Antwort kann gefährlich sein. Man steht unter ständiger Beobachtung seines Kindes. Es lernt von einem. Auch die schlechten Dinge. „Mama, wo geht die dicke Frau jetzt hin?“, „Mama, ist das die Oma von dem Jungen?“, „Mama, ist der Mann, der da sitzt, hässlich?“ Sie sammeln ständig Informationen und in der Summe werden sie zur Erkenntnis. Selbst wenn man es schaffen sollte, ab jetzt nur noch perfekte Sätze zu sagen, irgendwann verliert man doch die Kontrolle.

Mit dem Sprechenlernen ist es wie mit dem Essen. Zuerst gibt es nur Bio, irgendwann kommen Eis, Lollis und Nutella hinzu. Beim Sprechenlernen sind das Spielplätze, Straße und Kita. Und die großen Brüder der anderen. Das sind die schlimmsten. Sie kennen das „F-Wort“ und das „S-Wort“ und noch viele andere. Sie sind die Pommes und Fischstäbchen des Sprechenlernens. Und so kann es passieren, dass man am Abendbrottisch sitzt, das Baby schreit und die Tochter fachmännisch sagt: „Ich glaube, er hat Hunger.“ Kurze Denkpause. „Oder er will einfach mal totgeschossen werden.“