Seit ich Kinder habe, geht es mit meinem Charakter leider stetig bergab. Ich bin zum Verbrecher geworden. Zum notorischen Lügner („Nutella gab es heute leider nicht im Supermarkt, Süße. Leider.“ Oder: „Nein, das Meerschweinchen da im Geschäft ist nicht zu verkaufen, das lebt im Schaufenster und will da gar nicht weg.“ Oder: „Der Spielplatz ist schon geschlossen.“) Vor allem aber bin ich zum gemeinen Erpresser geworden, zur fiesen Wenn-nicht-dann-Mutter.

In den goldenen Zeiten, als ich noch Double-Income-No-Kids war und nicht Double-Kids-No-Income, hatte ich nichts als Spott übrig für diese hilflosen Elternwesen, deren Kinder sich vor den Supermarktkassen, auf Gehwegen, auf Kreuzungen oder sonst wo fallen ließen und einen gepflegten Tobsuchtanfall bekamen. Während die Eltern danebenstanden und Sätze sagten wie: „Constantin-Noel, dann geht Mama jetzt allein nach Hause.“ Nichts passierte. „Mama geht jetzt wirklich“. Keine Reaktion. Mama geht jetzt wirklich ein paar Schritte, stellt sich hinter den nächsten Baum oder die nächste Säule, merkt nach wenigen Minuten, dass das auch nichts bringt und kehrt besiegt zu Constantin-Noel zurück, um dem Kind jetzt doch endlich den Lolli zu kaufen.

Erpressung führt immer zum Ziel

DAS, so hatte ich mir damals vorgenommen, sollte mir niemals passieren. Ich wollte meine Kinder richtig erziehen. Schließlich kann man ja sogar jungen Hunden klarmachen, dass gewisse Dinge verboten sind und andere erlaubt. Warum sollte das mit viel verständigeren Wesen also nicht möglich sein?

Gefühlte 2037 Trotzattacken später weiß ich, dass es nicht möglich ist. Dass der Anschein von guter Erziehung immer nur eine Momentaufnahme ist, die Ruhe vor dem nächsten Sturm. Aber das macht nichts. Ich habe ja, wie oben schon kurz erwähnt, die Lösung für alle Verständigungsprobleme mit dem Kind. Knallharte Erpressung.

Erpressung spart unglaublich viel Zeit und Diskussionen und führt fast immer zum Ziel. Auf unser Beispiel angewendet: „Constantin-Noel, wenn du jetzt nicht endlich aufstehst, schmeiße ich zu Hause deine Eisenbahn weg.“ Flugs steht der so Angesprochene auf. Es ist ja nicht so, dass man mit den Kindern nicht reden könnte.

Plötzlich hat sie mich durchschaut

So komme ich ganz gut durch den Tag. Das Kind will nicht aufräumen? Das wäre doch schade um die schönen Schleich-Haflinger, oder? Das Kind will sich nicht anziehen? Da reicht mittlerweile ein subtil dahingeworfenes „Möchtest du heute eigentlich ein Eis???“ Das Kind will keine Zähne putzen? Schade, dann gibt es leider nie wieder im ganzen, ganzen Leben Gummibärchen.

Das ist gemein, ich weiß. Es ist nicht sonderlich pädagogisch. Aber ich genieße das Ergebnis meiner Nicht-Erziehung sehr. Denn ich weiß ja, der Mensch ist ein lernendes System und allzu lange werde ich damit keinen Erfolg mehr haben. Kürzlich wollte meine Dreijährige ihre Socken partout nicht anziehen. Erst musste noch das Lego ausgekippt, die Schleichpferde auf die Wohnzimmerteppich-Weide gebracht und anschließend das Katzenpuzzle fertig gemacht werden. „Wo sind deine Socken denn jetzt?“, fragte ich, als ich wieder in ihr Zimmer kam. „Hab ich weggeworfen“, antwortete sie, ohne sich beim Spiel stören zu lassen. Das stimmte zwar nicht, die Socken lagen unter dem Bett, aber von da an wusste ich: Sie hatte mich durchschaut.