Erziehung

Wenn Kinder ihr Zimmer nicht aufräumen wollen

Genervte Eltern, bockige Kids: Das Chaos im Kinderzimmer ist Dauer-Streitthema in Familien. Wie viel Ordnung muss zu Hause sein? Und wie schafft man sie?

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Durchschlafen. Sauber werden. Kleines Einmaleins. Pubertätsprobleme. Alles nicht so schlimm, geht vorüber. Das wahre Überthema aller Eltern ist ein anderes: Aufräumen. Das Chaos im Kinderzimmer. Im Kleiderschrank. Und in der übrigen Wohnung. Der Berg aus Jacken, Turnschuhen, Schultaschen im Flur. Comics, nasse Badehosen, Spielzeugautos im Badezimmer. Die Lawine wälzt sich langsam durch die ganze Wohnung und findet immer noch eine freie Ecke, in der sie Plastikfiguren und Haarspangen liegen lassen kann.

Es geht los, sobald das Kind sich allein fortbewegen kann. Und hört erst wieder auf, wenn es eine eigene Wohnung hat. Eigentlich fängt es sogar schon ein bisschen früher an. Direkt nach der Geburt, wenn die beste Freundin einen Kuschelhasen schickt, die Cousine eine Spieluhr, der Onkel einen Riesenteddy. Bevor das Baby um ersten Mal „Dada“ gesagt hat, ist das Kinderzimmer voll. Aber noch ist Ordnung machbar, denn das Kind kann sie noch nicht selbst beseitigen. Das ändert sich bald.

„Mama! Wo ist mein Sportbeutel?“

Irgendwann entdeckt jedes Baby das Spiel: Ich werfe meinen Löffel runter, Mama (Papa, Oma, wer auch immer) hebt ihn auf. Und ahnt in dem Moment noch nicht, dass es so bleiben wird. Jahrelang. Das Kind lässt fallen, die Eltern heben auf. Statt des Löffels sind es Jacke und Spielzeugautos, Schultasche und Playmobilfiguren, MP3-Player und Lipgloss, die einfach abgeworfen werden. Und die die Kinder am nächsten Tag völlig selbstverständlich an dem Ort suchen, an den sie eigentlich gehören.

„Mama!!! Wo ist mein Sportbeutel?“ – „Dort wo du ihn hingelegt hast!“ – „Und wo ist das?“ Ein Familienklassiker. Noch einer: „Warum lässt du die Jacke einfach fallen? Es dauert keine Sekunde länger, sie an den Haken zu hängen.“ Oder der: „Wenn du die Essensreste nicht aus deinem Zimmer räumst, kommen bald die Ameisen!“ (Je nach Verzweiflungsgrad drohen vor allem Mütter auch schon mal mit Ratten.) Und schließlich die Ankündigung: „Morgen komme ich mit einem Müllsack und werfe alles weg.“

„Aufräumen? Gibt’s bei uns nicht“

Was könnten Eltern und Kinder für ein wunderbares Verhältnis haben, wenn das Thema Aufräumen nicht wäre. Anna, 50, Mutter von vier Jungs im Alter zwischen zehn und 25 Jahren, sagt über ihren Kampf gegen chaotische Kinderzimmer: „Da reicht ein Wort.“ Allerdings eins, bei dem sie ihren Zehnjährigen strafend anguckt, wenn er es benutzt. Etwas anspruchsvoller formuliert es Claudia, 43, Mutter eines Neunjährigen: „Der Streit ums Aufräumen belastet die liebevolle Beziehung zu meinem Kind.“ Und ein beim Zeitunglesen befragter zweifacher Vater hebt nicht einmal den Kopf, als er resigniert sagt: „Aufräumen? Gibt’s bei uns nicht.“

Laut einer Umfrage für die Vorwerk-Familienstudie aus dem Jahr 2011 ist Ordnung im Kinderzimmer eines der fünf wichtigsten Erziehungsziele. Noch mehr am Herzen liegen Eltern nur Höflichkeit und gutes Benehmen, gewissenhaftes Arbeiten, Respekt, auf Platz fünf folgt die Hilfsbereitschaft. Das ist das Ideal: Ein wohlerzogenes, gewissenhaftes Kind, das immer aufräumt. In der Realität findet Lia-Sophie das Mathebuch gerade nicht wieder und dann klappt es weder mit dem gewissenhaften Arbeiten noch mit dem ordentlichen Kinderzimmer.

Wie ordentlich ist ordentlich?

„Ach, Aufräumen“, sagt Heidemarie Arnhold, „das ist eins der großen Themen in jeder Familie“. Als Vorsitzende des Arbeitskreises Neue Erziehung, der in Berlin die Elternbriefe herausgibt, kennt sie die unterschiedlichen Vorstellungen, die Eltern und Kinder von der Ordnung im Kinderzimmer haben. Sie rät genervten Eltern dazu, einen Gang runterzuschalten: „Das blitzblanke Zimmer, das von einem Kind selbst aufgeräumt wurde, wird es ohnehin nicht geben.“ Beide Seiten müssen verhandeln: Wie ordentlich ist eigentlich ordentlich?

Das Zimmer in einen Zustand zu versetzen, mit dem Erwachsene leben können, müssen Kinder erst einmal lernen. Helfen müssen ihnen dabei, natürlich, die Eltern. „Für Kleinkinder ist das gemeinsame Aufräumen ein Spiel“, erklärt Heidemarie Arnhold. Sie empfiehlt, das Aufräumen zum Ritual zu machen: So lernt das Kind, ein Spielzeug wegzulegen, bevor es etwas Neues anfängt. Das funktioniert in der Kita, in der Schule – und so ist Ordnung auch zu Hause möglich. Jedenfalls wenn die Eltern dabei bleiben. Wer darauf baut, mal schnell am Schreibtisch ein paar Mails beantworten zu können, weil das Kind gerade so schön spielt, findet anschließend ein völlig verwüstetes Kinderzimmer vor. „Die Verführung, ein neues Spiel anzufangen, ohne das alte erst wegzuräumen, ist einfach zu groß“, sagt Heidemarie Arnhold milde. „Die Einübung dauert lange. Dass ein Kind vor dem Schulalter allein aufräumt, ist eine überzogene Erwartung.“

Und auch ältere Kinder können das noch nicht unbedingt. Völlig verzweifelt hocken sie im Chaos, lamentieren über die Nachbarskinder, die alles unordentlich gemacht haben und dann verschwunden sind, und fragen hilflos: „Hilfst du mir?“. Natürlich sollten die Eltern das Kind dann nicht allein lassen, findet Heidemarie Arnhold, aber: „Wenn das heißt, Sie räumen auf und Ihr Sohn sieht zu, läuft etwas schief. Sie müssen gemeinsam in kleinen Schritten üben, welches Spielzeug in welche Kiste kommt, welche Kiste in welches Regal.“

Kisten in allen Größen und Farben

Ganze Abteilungen in Möbelhäusern sind nur dafür da, Eltern das Gefühl zu geben, sie könnten das Durcheinander im Kinderzimmer in den Griff bekommen. Kisten in allen Größen und Farben, stapel- oder rollbar, mit oder ohne Unterteilung. Eine Kiste für Lego, eine für Playmobil, eine für Bauklötze. Eine für Krimskrams. Was Kinder damit tun: Umkippen. Weil für das Piratenspiel genau jetzt unbedingt das Fischgerippe her muss und es zu lange dauert, alle Teile einzeln zu durchwühlen. Also: Kleinere Kisten, in denen die Figuren nach Themen sortiert werden. Was folgt: Umkippen. Eine nach der anderen. Könnte ja sein, dass in einer der anderen Kisten noch etwas ist, was man auch gebrauchen könnte.

Andere Eltern sortieren die Legosteine nach Farben. Was sie dazu bringt, stundenlang rote von gelben und grüne von blauen Steinen zu trennen? Vermutlich ist es das Gefühl, überhaupt irgendetwas getan zu haben. Das Ergebnis ist ohnehin immer gleich: Eltern kennen den unnachahmlichen Ton, wenn eine ganze Legokiste aufs Parkett geschickt wird. Beim zweiten Mal fühlt sich das Sortieren schon nicht mehr ganz so gut an.

Der Schreibtisch als Ablage

Meckern hilft nicht. Das läuft auf einen Zweikampf hinaus, auf der einen Seite das Kind, auf der anderen die Eltern, zwischen ihnen die Frage: Wer hat die besseren Nerven? Vergessen Sie’s. Das Kind gewinnt sowieso. Kinder stört es nicht, wenn in ihrem Zimmer Chaos herrscht (oder jedenfalls nicht so sehr, dass sie daran etwas ändern würden). Merkwürdigerweise sind es auch nicht die Kinder, die barfuß auf die Legosteine treten. Dagegen lernen alle Eltern ihn irgendwann kennen, den Schmerz, wenn man sich nachts im Dunkeln ins Kinderzimmer schleicht, um noch mal nach dem schlafenden Kind zu sehen, und sich plötzlich eine spitze Ecke ins Fußgewölbe bohrt. Noch so ein Moment, der die liebevolle Beziehung zum Kind kurzfristig stark belastet.

Der teure, höhenverstellbare Schreibtisch? Eine 1a Ablage. Für das Album mit den Pferdestickern, die noch nicht ganz fertigen Schlüsselanhänger aus den grellbunten Scoobidoo-Plastikbändern, die Schulbücher vom vergangenen Schuljahr. Das Freundebuch, das noch zurückgegeben werden muss, ein paar noch nicht fertig gemalte Bilder, leeres Schokoladenpapier. Für Hausaufgaben ist dann leider kein Platz mehr, aber das macht gar nichts, die lassen sich problemlos auf dem Fußboden erledigen, sobald der Playmobilberg unter das Bett geschoben ist. Das ist auch deshalb praktisch, weil man dann zwischen zwei Divisionsaufgaben noch mal eben schnell die Plastikponys in den Stall bringen oder zwei Ritter mit der Kanone abschießen kann.

Schranktüren bleiben offen. Immer

Oder der Kleiderschrank. Es ist offenbar ein Kindergesetz, dass immer das unterste T-Shirt aus dem sorgfältig auf Kante gelegten Stapel gezogen werden muss. Bis zum Teenager-Alter haben vor allem die Mädchen die Technik perfektioniert: Sie werfen die Entscheidung, was sie anziehen sollen, noch mindestens drei mal um und die doch nicht ausgewählten T-Shirts, Hosen und Jacken auf einen Haufen vor dem Schrank. Dessen Türen bleiben natürlich offen. Und Eltern lernen schnell: Ist der Schrank zu, ist die Lage eher noch schlimmer. Dort finden sie dann alles, was kurz zuvor noch auf dem Fußboden herumlag.

Auch weit oben auf der elterlichen Nerv-Liste: „Das soll so.“ Oder: „Das will ich noch weiterbauen.“ Denn diese Sätze bedeuten: Das Chaos bleibt stehen, weil es sich a) nicht etwa um einen Haufen halbzusammengebauter Lego-Flugzeuge handelt, sondern um einen Flughafen mit angeschlossener Werkstatt oder b) dass die Murmelbahn nicht ganz fertig geworden ist, was aber bei Charlottes nächstem Besuch unbedingt nachgeholt werden soll. Wer zustimmt, hat schon verloren, weiß Heidemarie Arnhold: „Sie haben einen Blankoschein ausgestellt. Besser ist es, klar zu vereinbaren: ‚Du darfst die Murmelbahn noch eine Woche stehen lassen. Danach räumst du sie selbst weg. Wenn nicht, musst du beim nächsten Mal sofort alles aufräumen.‘“ Klingt einfach. Jedenfalls, wenn sich beim nächsten Mal beide Seiten noch an die Vereinbarung erinnern.

Sogar zu Ostern gibt es Geschenke

Das Thema ist ein Luxusproblem. Denn wer zehn Bücher, einen Teddy, einen Ball und drei Puzzle besitzt, hat mit dem Aufräumen kein Problem. In Deutschland ist aber vor dem Kindergeburtstag in vielen Familien nicht mehr die Frage, ob sich genügend Schenker für alle Wünsche finden, sondern ob es genügend Wünsche für alle Schenker gibt. Der Fünfjährige wünscht sich ein Piratenschiff? Dann gibt es von den Großeltern die Schatzinsel, von der Tante das Meermonster und von allen Geburtstagsgästen aus der Kita so viele Piraten, dass aus den Seeschlachten ein echtes Massaker werden kann.

So geht das jahraus, jahrein zum Geburtstag, zu Weihnachten, sogar Ostern gibt es inzwischen Geschenke. Und wenn Freunde zu Besuch kommen, bringen sie statt Blumen für die Eltern lieber ein Geschenk für das Kind mit. Das Statistische Bundesamt stellte 2009 fest, dass Kindern in der deutschen Durchschnittswohnung 15 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung stehen. Dazu gehört allerdings auch der Teil der Wohnung, den alle gemeinsam nutzen: Bad, Küche, Flur. Großzügig gerechnet, stehen dem deutschen Durchschnittkind also etwa zwölf Quadratmeter Zimmer zur Verfügung. Nicht allzu viel Platz für eine Ritterburg, eine selbst gebaute Höhle oder die Kuscheltier-Klinik.

„Ein Kinderzimmer ist kein Warenlager“

„Die Eltern müssen dafür sorgen, dass das Zimmer nicht überbefüllt wird“, sagt Heidemarie Arnhold. „Ein Kinderzimmer ist kein Warenlager.“ Am besten treffe man schon bei der Geburt ein Abkommen mit den Schenkern, dass sie sich mit den Eltern absprechen. Statt immer neue Spielzeuge zu kaufen, könnten sie ja auch einen Teil des Geldes auf ein Ausbildungskonto einzahlen. Und wenn die Großeltern trotzdem einfach weiter immer neues Spielzeug kaufen, „dann müssen sie eben in der eigenen Wohnung ein Kinderzimmer einrichten und es dort unterbringen“, findet die Expertin. Wer diesen Zeitpunkt verpasst hat, dem bleibt nur noch das Aussortieren. „Man muss Kindern klar machen, dass sie nur etwas Neues bekommen, wenn sie dafür etwas Altes abgeben.“ Schon kleine Kinder könnten verstehen, dass sie Platz freiräumen müssten. Theoretisch jedenfalls. Praktisch läuft es eher so:

Mutter: „Mit der Burg spielst du doch gar nicht mehr, wollen wir die nicht in den Keller stellen?“ – Julius, 9: „Aber neulich, als Jakob da war, haben wir gespielt, dass das Raumschiff in der Ritterburg gelandet ist, das war voll cool.“ Ähnlich läuft es mit dem Polizeikostüm, den beiden Holzschwertern und den Steinen aus dem letzten Sommerurlaub. Nur beim 20-Teile-Puzzle und ein paar Erstlesebüchern stimmt das Kind schließlich zu. Die Bücher nimmt es für die Klassenlehrerin der ersten Klasse mit in die Schule – und bringt drei davon gleich wieder mit nach Hause, „weil ich den Hund da drin immer so niedlich fand, das können wir nicht weggeben“.

„Kinder und Eltern haben unterschiedliche Vorstellungen, was wertvoll ist“, erklärt Heidemarie Arnhold, warum Linus, 6, sich weigert, den beim Wochenendspaziergang aufgesammelten Maiskolben wegzuschmeißen, und Annina, 6, sich von keiner Plastikfigur aus dem Ü-Ei trennen kann. Das leuchtet ein. Aber wenn die unterschiedlichen Vorstellungen eine zentimeterdicke Schicht auf dem Kinderzimmerfußboden bilden, greifen Eltern irgendwann zur Selbsthilfe: dem Müllsack. Oder zur etwas abgemilderten Variante der Aufräumfee, die alles mitnimmt, was auf dem Boden liegt – aber immerhin netterweise wieder zurückbringt, wenn das Zimmer ordentlich ist. Heidemarie Arnhold ist skeptisch, ob Kinder dadurch aufräumen lernen. Irgendwann würden sie verstehen, dass die Aufräumfee in Wirklichkeit eine Erziehungsmaßnahme sei. „Und dann denken sie sich: Was will ich wirklich behalten? Das räume ich weg. Den Rest macht Mama.“

Eltern sind Vorbild

Wirkungsvoller sei es, selbst Ordnung zu halten. „Eltern sind auch beim Aufräumen Vorbild“, mahnt Heidemarie Arnhold. Wer die Steuererklärung auf dem Küchentisch mache, weil der Schreibtisch voll ist mit noch nicht abgehefteten Rechnungen, ausgerissenen Magazinartikeln und Bastelarbeiten der Kinder, für die noch kein Platz gefunden wurde, darf sich über chaotische Kinderschreibtische eigentlich nicht beschweren.

Das Thema bleibt, bis die Kinder ausziehen. „Darüber muss man sich im Klaren sein“, sagt Heidemarie Arnhold. In den Jahren davor wird es erst einmal besonders schlimm: „In der Pubertät können Eltern nur noch ein paar Grundregeln aufstellen: Kein Alkohol, keine Drogen im Zimmer – und keine schimmelnden Essensreste.“ Ansonsten gilt: Tür zu und durch. Bei den meisten Jugendlichen sei die Phase irgendwann vorbei: „Allerdings muss man auch ehrlich sagen: Manche Menschen lernen nie aufräumen.“

Bis sie Eltern werden. Dann bleibt ihnen nichts anderes übrig.