Reise

„Erwartungen schon im Vorfeld klären“

Wenn Großeltern, Eltern und Enkel zusammen reisen: Familientherapeutin Ulrike-Luise Eckhardt gibt Tipps für den gemeinsamen Urlaub

Ulrike-Luise Eckhardt ist Diplom-Pädagogin und Familientherapeutin

Ulrike-Luise Eckhardt ist Diplom-Pädagogin und Familientherapeutin

Foto: Hannelore Schild-Vogel / BM

Ulrike-Luise Eckhardt ist Diplom-Pädagogin und Familientherapeutin mit einer eigenen Praxis in Berlin. Wir sprachen mit ihr über die unterschiedlichen Erwartungen der Generationen bei einer gemeinsamen Reise, typische Fallstricke und perfekt geeignete Ferienziele für den Urlaub mit der ganzen Familie.

Großeltern, Eltern und Enkel fahren gemeinsam in den Urlaub. Welche Hoffnungen, Träume und Erwartungen verbinden die Familienmitglieder mit diesem Beschluss?

Ulrike-Luise Eckhardt: Das ist natürlich individuell sehr verschieden. Doch nach meinen Erfahrungen freuen sich besonders die Enkel auf die Großeltern, weil die viel geduldiger als die Eltern sind. Und umgekehrt: Die Großeltern freuen sich an den Enkelkindern, mit denen sie Zeit verbringen wollen. Das ist ja heute nicht mehr selbstverständlich, weil Großeltern und Enkelkinder oft weit entfernt voneinander wohnen.

Und die Eltern?

Die Eltern erwarten vor allem Entlastung bei der Kinderbetreuung und hoffen auf Zeit für sich selbst. Sie stehen als die Sandwichgeneration ein bisschen zwischen den Fronten. Alle hoffen auf eine harmonische, schöne Zeit miteinander, aber darunter kann jeder etwas anderes verstehen. Deshalb ist es das A und O, miteinander zu sprechen. Die meisten denken, sie kennen sich ja so gut und das funktioniert wie Gedankenlesen. Das stimmt aber nicht!

Sollten reiselustige Großfamilien also nicht einfach ins kalte Wasser springen, sondern vorab sorgfältig planen und die jeweiligen Erwartungen klären?

Ich rate immer zu Planung. Gerade wenn man sich gut kennt! Jeder hat andere Erwartungen und oft wird die Frage vernachlässigt: Was erwarte ich und was wird von mir erwartet. Natürlich kann man nicht alles vorher klären. Auch während der Reise entstehen neue Erwartungen. Es ist wichtig, sich auf die eigenen Grenzen zu besinnen und das auch klar zu sagen. So ein gemeinsamer Urlaub ist ja eine Ausnahmesituation. Man ist ja gar nicht mehr gewohnt, unter einem Dach zu leben. Vorerfahrungen spielen eine große Rolle, es ist leichter, wenn man sich darüber im Klaren ist.

Ist von Bedeutung, wer die Reise bezahlt?

Auf jeden Fall. Meist sind Erwartungen und Verpflichtungen damit verbunden, die Konflikte um die Autonomie mit sich bringen können. Wenn die Großeltern sagen, wir zahlen das alles, können sie damit das Unabhängigkeitsgefühl ihrer Kinder verletzen. Oder andersherum. Je nachdem, wer vielleicht wohlhabender als der andere ist und die anderen einladen will, verletzt leicht den Stolz der Eingeladenen. Großzügigkeit kann schnell schwierig werden.

Damit die geplante Familienidylle nicht geradewegs in den großen Familienkrach führt: Was sind die typischen Fallen?

Fehlender Respekt vor dem anderen, das führt schnell zu Streit. Besonders Großeltern müssen erkennen, das ist zwar mein Kind, aber das Kind ist auch schon 40. Besser, sie gewöhnen sich an den Gedanken, dass es sich um die Eltern der Enkel handelt, und verzichten darauf, an ihren Kindern noch herumzuerziehen. Wer seine erwachsene Tochter oder seinen erwachsenen Sohn zum Händewaschen vor dem Essen auffordert, hat schnell ein Problem.

Was heißt das im Umkehrschluss?

Positiv gesprochen: Miteinander reden, Erwartungen aussprechen und Grenzen kennen, so kommt man um die größten Fallen herum. Darüber hinaus kann man sich fragen, ob auch jeder den Freiraum hat, den er braucht, um sich zurückzuziehen. Und im Zweifel ist es immer besser, sich aus der Kindererziehung rauszuhalten und die Enkel einfach zu genießen.

Was wären probate Spielregeln?

Die können so verschieden sein wie Familien auch. Immer aber geht es darum, Nähe und Distanz auszutarieren und Absprachen zu treffen. Das ist in Familien, in denen man denkt, du bist wie ich und denkst wie ich, nicht immer leicht. Dass Menschen sich ändern und Bedürfnisse sich ändern, tritt da manchmal in den Hintergrund. Schon beherrschen alte Muster das Miteinander. Und dann wird’s in der Regel schwierig.

Kreuzfahrt, Ferienhaus auf Mallorca oder Buddelwochen an der Ostsee: Gibt es Reiseziele, die besser als andere für Großfamilien geeignet sind?

Das kommt immer auf das Alter der Enkelkinder an. Buddeln am Strand oder Urlaub auf dem Bauernhof sind ideal für kleine Kinder. Nicht zu weit weg, nicht zu viel Action, das wäre meine Empfehlung. Teenager mögen keine langen Besichtigungstouren und haben eher wenig Freude am Besuch alter Kirchen. Es hängt auch davon ab, wie viel sportliche Aktivität in der Familie gepflegt wird. Wenn alle gerne wandern oder Fahrrad fahren, kommt eine Wanderung oder Fahrradtour besser an als ein Strandurlaub. Diese riesigen Kreuzfahrtschiffe sind eine komische Sache für eine sechsköpfige Familie. Da verliert man sich leicht aus den Augen und begegnet sich gar nicht. Es gibt auch zum Beispiel einzelne Ferienhäuser auf einem großen Gelände. Da können große Familien, die sich aus mehreren kleinen zusammensetzen, viel Spaß haben.

Was raten Sie: Gleich in die Vollen und die ganzen Sommerferien im Mehrgenerationenformat verbringen? Oder eher die kleinen Ferien im Herbst und zu Ostern nutzen? Oder für den Anfang sogar nur ein verlängertes Wochenende?

Da kann man sich rantasten und erstmal ausprobieren. In der Regel ist die Situation für alle Beteiligten neu. Erstmal ein Wochenende, dann eine Woche, und wenn das gut geht, kann man sich über die kleinen an die großen Ferien wagen. Schön, wenn die Großeltern noch so fit sind, dass alle zusammen in den Winterurlaub zum Skifahren verreisen. Aber das ist teuer, und um eine schöne Zeit miteinander zu verbringen, muss man nicht unbedingt viel Geld haben.

Haben Sie einen Alternativ-Tipp?

Ein Familientreffen kann auch in der Jugendherberge stattfinden, das haben wir mal gemacht. Da sind ja keine Schlafsäle wie früher mehr. Es gibt Familienzimmer mit eigenem Bad und auch ein Zweibettzimmer für die Großeltern. Und die Jugendherbergen selbst bieten für Großfamilien auch Mehrgenerationen-Angebote, mit vielen Aktivitäten. Das ist sogar für eine größere Familiengruppe mit 15 oder mehr Personen toll.