Zeitmanagement

Wie es sich entspannter leben lässt

Wir packen immer mehr in unseren Alltag, wollen unsere Zeit möglichst effektiv gestalten. Umso schneller scheint sie zu verrinnen.

Jonglieren mit mehreren Aufgaben: Multitasking ist heute Alltag

Jonglieren mit mehreren Aufgaben: Multitasking ist heute Alltag

Foto: maselkoo99 / Getty Images/iStockphoto

Berlin. "Wir leb'n in 'ner eiligen, hastigen Zeit
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,
Der eine, der schiebt heut' den andern beiseit'
mit der Uhr, mit der Uhr in der Hand.
Wir dräng'n alle vorwärts, ob Hinz oder Kunz,
sind stets außer uns, und wir komm'n nie zu uns,
denn wir werden mit uns ja nur flüchtig bekannt
mit der Uhr, mit der Uhr in der Hand."

Diese Zeilen klingen aktuell. Erschreckend aktuell. Eine ähnliche Aussage könnte auch ein Blogger im Jahr 2018 treffen. Doch tatsächlich flossen die Reime schon 1928 aus der Feder des Berliner Humoristen Otto Reutter.

Es ist schon verrückt. Nie hatten die Menschen so viel freie Zeit zur Verfügung wie in der Moderne. Doch trotz Arbeitszeitverkürzung und zahlreichen sozialen und technischen Errungenschaften fühlen wir uns gehetzter denn je. Elektronische Erfindungen wie Smartphone und Computer tragen paradoxerweise sogar zu mehr Stress bei. Denn sie fordern ständige Aufmerksamkeit. Und so leiden immer mehr Menschen an chronischer Erschöpfung. Das sogenannte Multitasking – heute in fast allen Arbeitsbereichen üblich – führt zu uneffektivem Arbeiten, Konzentrationsstörungen und einem permanenten Gefühl des Gehetztseins. Das weiß auch Diplom-Psychologin Stefanie Kunz. Sie hat sich darauf spezialisiert, Menschen aus der sogenannten Effektivitätsfalle zu helfen.

Leicht ist das nicht. Aus Gesprächen mit ihren Klienten weiß sie: Abschalten, das geht für viele weder im konkreten noch im übertragenen Sinne. Inzwischen scheint es normal, auch nach Feierabend für den Job da zu sein. In der Berufswelt sind die Ansprüche gestiegen. Der Konkurrenzdruck hat zugenommen. Immer mehr muss in immer weniger Zeit erledigt werden. Ein Beispiel: Pflegekräften stehen bisweilen nur noch drei Minuten pro Patient zur Verfügung. Das geht an die Substanz. Und dann gibt es auch noch den Anspruch an ein abwechslungsreiches Privatleben. Viele reiben sich auf bei dem Versuch, Familie und Beruf zu vereinbaren. Mehr als 60 Prozent der Deutschen fühlen sich laut TK-Stressstudie von 2016 häufig oder zumindest manchmal gestresst. Fast jeder Dritte fühlt sich häufig ausgebrannt. Die Diagnose Burnout nimmt zu.

Wer nicht abschaltet, kann krank werden

Stefanie Kunz weiß, dass ein Burnout die Gefahr birgt, dass sich psychische Krankheiten entwickeln, etwa Depressionen. Burnout ist für sie deshalb keinesfalls nur eine Modekrankheit und auch nicht nur ein individuelles Problem. Sie findet, dass man auch die Unternehmen in die Verantwortung nehmen muss.

Die Wissenschaft gibt ihr Recht. "Psychological Detachment – Die Kunst und Notwendigkeit richtig abzuschalten" lautet der Titel einer Publikation vom Lehrstuhl für Wirtschafts- und Organisationspsychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Autorin Anja Vollstedt kommt zu dem Fazit: "Arbeitgeber sollten Rahmenbedingungen schaffen, damit die Mitarbeiter ausreichend von ihrer Arbeit abschalten und sich die nötige Erholung verschaffen können." Konkret könne dies über strukturelle Vorkehrungen wie das Abschalten des E-Mailversands zu Feierabendzeiten und durch eine geringere Anspruchshaltung an die Erreichbarkeit ihrer Mitarbeiter geschehen. Schon in eigenem Interesse. Denn fehlendes Abschalten vom Job wirke sich nachweislich nicht nur auf den einzelnen Mitarbeiter und dessen soziales Umfeld negativ aus, sondern mittelfristig auch auf das Unternehmen selbst.

Manche Unternehmen folgen bereits solchen Erkenntnissen. In der Praxis gehen viele Menschen aber – noch – einen anderen Weg. Sie versuchen, sich mit Zeitmanagement-Tools Zeit freizuschaufeln – mit dem Anspruch, noch effektiver zu werden. Also in immer weniger Zeit immer mehr Aufgaben zu erledigen. Was kann der Einzelne tun, um sich aus diesem Zeit-Diktat zu befreien?

Zeit lässt sich nicht ausdehnen

Einem, dem das nicht schwer fällt, ist Burkhard Schlänger. Und das, obwohl die Zeit sein Geschäft ist. Schlänger ist Inhaber der "Zeitgalerie" im Bötzow-Viertel in Prenzlauer Berg. Er repariert Uhren. Doch einem Effektivitätsdruck unterwirft sich der Uhrmacher nicht. Sein Laden wirkt wie aus der Zeit gefallen. Im Ofen bullert ein Holzfeuer. Nur die Uhren legen Zeugnis ab vom immerwährenden Fluss der Zeit und der Vergänglichkeit unseres Lebens. Es ist ein Sammelsurium aus teilweise historischen Weckern, Wand- und Stehuhren. Sie ticken ohne Unterlass. Es klickt, rasselt und klingelt. Dann und wann ruft ein Kuckuck.

Burkhard Schlänger lässt sich davon weder beeindrucken noch hetzen. Er hat sich damit abgefunden, dass die Zeit unaufhaltsam verrinnt, dass sie sich nicht festhalten und auch nicht beliebig ausdehnen und füllen lässt. Und dass sich alles verändert. "Panta rhei – alles fließt": Das wussten schon die griechischen Philosophen Heraklit und Platon. "Nichts bleibt je wie es ist."

Der drahtige Endfünfziger hat zu Zeitmessern ein entspanntes Verhältnis, sie faszinieren ihn vor allem wegen ihres Innenlebens. Schon als Kind schraubte Schlänger Uhren auseinander und baute aus den Einzelteilen kleine Kunstwerke. Auch heute geht er spielerisch mit der Zeit um. Ihn interessiert, "was die Zeit mit den Menschen macht". In einem Fotoprojekt betätigt er sich als "Sammler von Zeitbeschreibungen". Abzüge schmücken die Wände seiner Galerie. Sie zeigen Menschen "mit der Uhr in der Hand". Es ist immer dieselbe Kontoruhr, die vor vielleicht 100 Jahren in einer Werkshalle oder in einem Bahnhof hing. Da ist die Frau, die kopfüber am Baugerüst baumelt, sie "steht Kopf mit der Zeit". Da ist der Dachdecker, der oben auf einem Haus liegt und versucht, die Uhr daran zu hindern, vom Schrägdach zu rutschen. Auch ihm wird es nicht gelingen, die Zeit anzuhalten. Für Burkhard Schlänger ist das auch nicht notwendig. "Veränderungen gibt es ständig", stellt er lapidar fest. Er selbst hat es geschafft, sich dem Druck, der damit einhergeht, ein Stück weit zu entziehen.

Das Hamsterrad dreht sich immer schneller

Vor seinem Laden sieht es anders aus. Dort läuft das Leben anscheinend in einem schnelleren Takt. Die zu DDR-Zeiten bröckelnden Fassaden sind gepflegt, die Schaufenster blitzen, vor den Häusern parken einige teure Sportautos. Um sich das Leben leisten zu können, müssen die Anwohner viel arbeiten. Muße, ihr schönes Zuhause zu genießen, bleibt ihnen oft kaum. Die Zeit: Sie erscheint als knappes Gut, das keiner verschwenden will. Und so schauen an der Ampel vier von fünf Personen nicht mehr auf das rote oder grüne Männchen, sondern auf ihr Handy.

"Auf die Dauer kann das nicht gut gehen", kritisiert Ivan Blatter die verbreitete Haltung, dass man immer intensiver und effektiver leben und arbeiten muss. Der Schweizer Trainer und Autor hält das klassische Zeitmanagement für eine Lüge. Denn es führe häufig nur dazu, dass sich das Hamsterrad noch schneller drehe.

In seinem Buch "Arbeite klüger – nicht härter" spricht Blatter deshalb lieber von Selbstmanagement. Wenn wir uns selbst managten, sei es unsere Verantwortung, wie wir uns die Zeit einteilten. Bei einem guten Selbstmanagement geht es in seinen Augen auch darum, was jemand mit seinem Leben anfangen will. Es geht um Fragen wie: Was ist mir wirklich wichtig? Was ist meine Vision?

Potenziale ausschöpfen

Zeitmanagement, wie Blatter es versteht, soll einen Rahmen setzen, der Menschen hilft, das aus sich herauszuholen, was wirklich in ihnen steckt, ohne sie gleichzeitig einzuengen. Studien zeigten, dass gerade auch kreative Menschen einen Rahmen brauchen. Denn wer zu viel Freiraum hat, tendiert dazu, Dinge aufzuschieben. Blatter ist überzeugt: "Ohne funktionierendes Zeitmanagement schöpfen wir unser Potenzial nicht aus." Die Folge: Unsere Zufriedenheit sinkt. Doch seien wir eben nicht dann produktiver, wenn wir noch schneller unsere E-Mails beantworteten, sondern wenn unsere Leistung große Wirkung entfalte. Das Ziel sei es, "uns so zu organisieren, dass wir den ganzen Tag unsere Leistung abrufen können, ohne uns abends komplett leer zu fühlen. Wir sollten noch in der Lage sein, Zeit für die Familie, für Freunde oder für ein Hobby zu haben, statt nur noch vor dem Fernseher wegzudämmern."

Warum aber scheinen einige Menschen immer Zeit zu haben, während andere sich wünschen, der Tag möge 48 Stunden haben? Für Ivan Blatter ist die Zeit ziemlich gerecht verteilt. Jedem Menschen stünden pro Tag 24 Stunden zu. Nicht mehr und nicht weniger. Menschen, die davon träumen, der Tag möge mehr Stunden haben, muss Blatter enttäuschen: "Egal wie viele Stunden ihr Tag hätte: Sie werden nie genug Zeit für alles finden. Je mehr Zeit sie haben, desto mehr werden sie erledigen wollen und annehmen – und desto mehr Aufgaben erhalten sie auch."

Um sich nicht endlos viel aufzubürden, sei Nein sagen unverzichtbar. Statt vorschnell zuzusagen, könne man sich auch etwas Bedenkzeit ausbedingen. Denn der Preis für ein vorschnelles Ja sei hoch: weniger Zeit für wichtige Menschen oder ein eigenes Vorhaben. Dazu käme der Ärger über die eilige Zusage oder das Gefühl, ausgenutzt zu werden.

Lernen von einem Minimalisten

Joachim Klöckner hat Zeit. Er hat noch genau 32 Jahre, bis er 100 ist. An sein Alter denkt er wenig. Der Endsechziger hat sonnengegerbte Haut und wirkt jugendlich. Das Motto seines dritten Lebensabschnitts: "Bewege dich, zeige dich, lerne Neues und spüre nach, was dir jetzt gut tut." Er fühlt sich beneidenswert unbeschwert. Was ist sein Geheimnis?

Klöckner ist ein selbsternannter Minimalist. Während der durchschnittliche Mitteleuropäer 25.000 Gegenstände besitzt, nennt Klöckner nur etwa 50 sein eigen. "Wenig tote Gegenstände erlauben mir viel Zeit, Raum und Energie für Lebendiges", sagt er. Denn Gegenstände erfordern in seinen Augen viel Kraft. "Einmal dafür, das Geld für den Erwerb zu erarbeiten. Dann das Geld für den Raum, den sie benötigen, und Zeit und Energie für die Pflege. Und dann nochmals Geld und Energie, sie wieder zu entsorgen". Das will er sich ersparen. Er stellt sich ständig die Frage: "Was brauche ich wirklich an materiellen Dingen für mein Leben? Was trägt tatsächlich zu meinem Wohlfühlen bei?" Minimalismus ist für ihn eine Möglichkeit, "Freiheit zu spüren und das Leben aktiv zu gestalten, und zwar zum eigenen Wohl wie zu dem der Mitwelt". Ein Leben mit wenigen Dingen heißt für ihn, sich für das Essenzielle zu entscheiden.

Klöckners ganze Habe passt in einen Rucksack. Sein letztes Möbelstück, eine ultraleichte Isomatte vom Camping-Shop, hat er inzwischen verkauft. Als Mantel dient ihm eine zum Poncho umfunktionierte Wolldecke. Wenn 18-Jährige ihm auf der Straße hinterherrufen: "Hey Moses", bleibt er cool. Seit 20 Jahren praktiziert der gelernte Maschinenbauer, der lange als Energieberater gearbeitet hat, den Minimalismus. Seine Erfahrungen hat er in dem Buch "Der kleine Minimalist" zusammengefasst.

Radikaler Wandel

Klöckners Verbindung zur Welt sind Tablet-PC und Smartphone. Ganze drei Jahre hat er es sogar ohne Telefon ausgehalten, dann wurde er schwach. Der "Europa-Nomade", der den Winter gerne unter südlicher Sonne verbringt, bessert sich seine schmale Rente mit Vorträgen auf. Viel braucht er nicht. Denn er empfindet sich als reich. Weil er reich an Zeit ist. "Zeit ist genug da, es ist meine Entscheidung, wie ich sie mir einteile."

Heute kann Klöckner sein Leben genießen. Doch ein unbeschwertes Leben musste er erst lernen. In jungen Jahren arbeitete er häufig 80 Stunden die Woche. Warnsignale wie einen Tumor in der Ohrspeicheldrüse überhörte er einfach. Vom Sekundenschlaf bei 140 Stundenkilometern erwachte er erst, als das Auto gegen die Leitplanke krachte. Das Leben drehte sich immer schneller, mehr als 100.000 Kilometer legte er manchmal pro Jahr zurück. Schließlich entwickelte sich sogar ein Hobby daraus: Motorsport. Von den mehr als 100 Pokalen, die er damals gewann, besitzt er keinen einzigen mehr.

Heute lautet sein wirkungsvollstes Lebensrezept: "Innehalten und spüren, was will ich jetzt wirklich?" Neugierig will er bleiben. "Denn der Neugier zu folgen, lässt das Gefühl für Zeit verschwinden bis hin zum Flow." Zeit sparen, das geht für ihn nicht. Allerdings sei es möglich, sein Zeitgefühl zu ändern und Dinge zu tun, die mit Glückshormonen belohnen werden. Dann sei Zeit nebensächlich.

Im Bötzow-Viertel geht der Tag zur Neige. Uhrmacher Burkhard Schlänger schließt seine "Zeitgalerie" zu. An der Schaufensterscheibe klebt eine Uhr mit römischem Ziffernblatt. Darunter steht sein Lieblingsspruch: "Zeit, sich Zeit zu nehmen". So lange wir leben, können wir das tun. Wenn nicht, könnte es uns gehen, wie es Otto Reutter in der letzten Strophe von "Mit der Uhr in der Hand" beschreibt:

"So eil'n wir durchs Leb'n ohne Freud und Pläsier
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand. –
Da, plötzlich, steht einer, ist mächt'ger als wir,
mit der Uhr, mit der Uhr in der Hand.
Der sagt: "Du brauchst nicht auf die Uhr mehr zu sehn,
Denn meine geht weiter, und deine bleibt steh'n – –"
Und er winkt uns hinüber ins andere Land
mit der Uhr, mit der Uhr in der Hand."

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