Eis und Schnee, dazu oft eine klirrende Kälte: Das sind die Merkmale eines richtigen Winters hier bei uns in Mitteleuropa. Wir Menschen können uns in der kalten Jahreszeit mit einem kuscheligen Mantel, einem dicken Schal und einer wärmenden Mütze gut vor den ungemütlichen Temperaturen schützen. Und zu Hause drehen wir einfach die Heizung auf und schon haben wir es mollig warm. Aber was macht unsere heimische Tierwelt im Winter? Wie kommt die eigentlich mit harschen Minustemperaturen zurecht?
Ziemlich gut, lautet die Antwort. Denn unsere Tiere haben sich eine ganze Menge einfallen lassen, um auch die kalten Monate des Jahres gut zu überstehen. Dafür bedienen sie sich der unterschiedlichsten Strategien, Tricks und Kniffe. Einige davon sind bekannter, andere weniger. Von der Vermeidungsstrategie unserer Zugvögel hat wohl schon jeder einmal gehört. Die Zugvögel fliegen, wenn sich der Sommer langsam verabschiedet, einfach in den warmen Süden, um dort zu überwintern. Die sogenannten Kurzstreckenzieher wie Rotkehlchen, Drossel und Star ziehen dabei nach Südeuropa, während die Langstreckenzieher unter unseren heimischen Vögeln, also Störche, Mauersegler und Schwalben, sogar bis ins südliche Afrika reisen.
Murmeltiere kuscheln gern
Andere Tiere überbrücken die kalte Jahreszeit, indem sie einen langen Winterschlaf halten. Zu den bekanntesten Überwinterern zählen Igel, Feldhamster, Haselmaus und Fledermaus. Und was machen Murmeltiere? Sie halten einen sogenannten sozialen Winterschlaf. Als „Gruppenkuschler“ verschlafen sie den Winter eng aneinander gedrängt. Ziemlich schlau ist das, denn das hält extra warm. Rekordwinterschläfer wiederum ist der Siebenschläfer. Jahrelang glaubte man, der kleine Nager hieße Siebenschläfer, weil er sieben Monate lang schläft. Ein Irrtum. Manchmal schläft der Siebenschläfer nämlich sogar deutlich länger als sieben Monate. Der Name „Siebenschläfer“ stammt noch aus dem Mittelalter. Damals war der Begriff „sieben“ ein Synonym für „lange“ oder für „viel“. Das kennen wir heute noch von den Siebenmeilenstiefeln oder den sieben Gescheiten.
Wer dagegen keinen Winterschlaf hält, tut gut daran, sich im Herbst ein üppiges Vorratslager anzulegen, um auch bei einer geschlossenen Schneedecke etwas zu beißen zu haben.
Und dann gibt es natürlich noch die Tiere, die auf körperliche Veränderungen setzen, wenn es darum geht, kalte Temperaturen auch über einen längeren Zeitraum unbeschadet zu überstehen. So schützt ein dichtes Winterfell, das sich viele unserer Säugetiere bereits im Herbst zulegen, genauso wie das körpereigene Frostschutzmittel, das einige Insekten bei Minustemperaturen ausschütten.
Im Folgenden stellen wir die häufigsten, aber auch die interessantesten Überwinterungsstrategien im Tierreich genauer vor.
Winterschläfer: Wenn der Körper auf Sparflamme läuft
Der Winterschlaf ist eine gute Möglichkeit, den Winter zu überstehen. Das Prozedere ist bei fast allen Winterschläfern ähnlich: Zunächst einmal futtern sich die Überwinterer in spe im Herbst eine dicke Fettschicht an, von der sie zehren können. Danach suchen sie sich ein gemütliches Plätzchen, das vor Wind und Wetter schützt, etwa eine Höhle, einen unterirdischen Bau oder einen hohlen Baumstamm. Beim Winterschlaf selbst läuft der Körper auf Sparflamme, schließlich ist massives Energiesparen angesagt. Die Körpertemperatur sinkt von 39° Grad auf 7° Grad. Das Herz schlägt nur noch zwei- bis dreimal in der Minute statt wie sonst hundert Mal, und auch die Atmung ist sehr schwach. Die Winterschläfer leben nun ausschließlich von ihrem angefutterten Fett und haben, wenn sie im Frühjahr aufwachen, rund 30 bis 50 Prozent ihres Körpergewichts verloren.
Woher die Winterschläfer wissen, wann sie wieder aufwachen müssen, hat die Wissenschaft noch nicht vollständig erforscht. Möglicherweise sind die Umgebungstemperatur, die Tageslänge, aber auch die „innere Uhr“ von Bedeutung. Es könnte aber auch sein, dass sie aufwachen, wenn sich zu viele Stoffwechselendprodukte in ihrem Körper abgelagert haben – will heißen, wenn sie dringend aufs Klo müssen.
Dachse halten wie Eichhörnchen und Waschbären übrigens keinen Winterschlaf, sondern Winterruhe. Dabei werden die Körperfunktionen nicht so stark abgesenkt. Winterruher suchen sogar gelegentlich nach Nahrung. Weil Dachse es gern kuschlig warm mögen, statten sie ihre Wohnhöhle mit einer „Bioheizung“ aus: Die klugen Tiere tragen in ihren unterirdischen Bau Pflanzenmaterial ein, das im Lauf des Winters verrottet. Durch diesen Prozess entsteht reichlich Wärme.
Warum Störche auf Reisen gehen
Lange Zeit glaubte man, dass uns die Zugvögel im Herbst in Richtung Süden verlassen, weil es ihnen im Winter hier in Mitteleuropa zu kalt ist. Der wahre Grund für die strapaziöse Reise ist allerdings woanders zu suchen: Es ist das mangelhafte Nahrungsangebot, das für viele Piepmätze im Winter in unseren Gefilden herrscht. Schließlich gibt es bei Eis und Schnee für einen hungrigen Vogel hier kaum noch Beeren oder gar Insekten zu finden. Aber warum nehmen die Zugvögel die jährlichen Reisestrapazen auf sich? Warum bleiben sie nicht für immer im Süden?
Diese Frage ist relativ leicht zu beantworten: Die Winterquartiere im Süden, egal ob Südeuropa oder Afrika, bieten zwar im europäischen Winter ausreichend Nahrung bei angenehmen Temperaturen. Im europäischen Sommer dagegen sieht es in den südlichen Winterquartieren schon nicht mehr so günstig aus. Dort herrscht dann oft ein sehr heißes und trockenes Klima, das ebenfalls für einen Mangel an Nahrung sorgt. Weil das keine Bedingungen sind, unter denen die Tiere ihre Jungen aufziehen wollen, kehren unsere Zugvögel im Frühjahr wieder heim zu uns, wo sie, ernährungstechnisch gesehen, geradezu paradiesische Zustände vorfinden.
Und es gibt noch einen weiteren Grund: In den Überwinterungsgebieten im Süden leben bereits viele Vögel das ganze Jahr über. Was bedeutet, dass die Zugvögel mit diesen ansässigen Arten um Nahrung und Lebensraum konkurrieren müssen. Dieser Konkurrenz wollen sich die Zugvögel nur möglichst kurz stellen.
Allerdings haben in letzter Zeit einige Zugvögel günstige Alternativen gefunden. Ein etwas unappetitliches Verhalten legen unsere Störche an den Tag. Die überwintern nämlich, anstatt nach Afrika zu fliegen, zu Tausenden auf spanischen Müllkippen, wo durch Speisereste und ein hohes Aufkommen an Ratten, Mäusen, Schaben und anderen Insekten der Tisch für Meister Adebar reich gedeckt ist. Diese für uns Menschen abstoßende Form der Nahrungsaufnahme ist für die Störche wiederum nicht ungefährlich: Tierschützer haben in den Mägen toter Störche vermehrt faustgroße Ansammlungen von Plastikmüll gefunden. Dazu auch reichlich Gummis, die die Störche wohl mit Würmern verwechselt haben.
Weshalb Enten nicht festfrieren
Wahrscheinlich hat sich jeder auch nur halbwegs an der Natur interessierte Spaziergänger schon einmal gefragt: Warum frieren im Winter, wenn Teiche und Seen oder sogar manchmal Flüsse zugefroren sind, unsere Wasservögel eigentlich nicht mit ihren Füßen an der Eisdecke fest?
Um das zu verhindern, haben sich Enten, Gänse und Schwäne gleich mehrere Tricks ausgedacht. Zum einen können ja bekanntermaßen nur Flüssigkeiten leicht festfrieren – daher wären Tiere mit Schweißfüßen auf einer Eisscholle extrem gefährdet. Die cleveren Wasservögel halten also ihre Füße möglichst trocken, um ein Festfrieren zu verhindern. Zusätzlich stehen sie oft auch nur auf den Fersen, um die Kontaktfläche mit dem Eis so klein wie möglich zu halten.
Zum anderen kühlen die Vögel ihre Füße mit einem körpereigenen Wärmeaustauscher von den 39 °C, die im übrigen Körper herrschen, auf rund 8 °C herunter. Durch diesen Kniff wird erreicht, dass die Füße gerade so kalt sind, dass das Eis darunter nicht antaut. Und was nicht antaut, kann auch nicht gefrieren. Der Wärmeaustausch wird durch die spezielle Lage der Blutgefäße in den Beinen ermöglicht, in denen Arterien und Venen sehr eng beieinander liegen. Während warmes Blut durch die Arterien in die Füße fließt und dabei von den benachbarten Venen heruntergekühlt wird, wird das kalte venöse Blut, das in den Körper zurückfließt, von den Arterien wieder erwärmt. Es gibt jedoch leider auch Ausnahmen: Kranke beziehungsweise verletzte Vögel, die sich kaum noch bewegen können, können bei lang anhaltendem Frost dann doch an der Eisdecke festfrieren. Diese tierischen Patienten sind in einem solchen Fall dringend auf die Hilfe von uns Menschen angewiesen.
Die geheime Speisekammer der Maulwürfe
Die bei Gartenbesitzern so überaus unbeliebten Maulwürfe verzichten auf einen Winterschlaf und setzen zur Überbrückung der kalten Jahreszeit lieber auf Vorratsspeicher. Dass diese im Herbst stets prall gefüllt werden müssen, hat einen simplen Grund: Maulwürfe haben dank ihrer intensiven Buddeltätigkeit eine unglaublich hohe Stoffwechselrate und müssen deshalb täglich gewaltige Mengen Nahrung zu sich nehmen. Eine Maulwurf-Tagesration an Insekten, Regenwürmern und anderen Kleintieren entspricht mit rund 100 Gramm in etwa dem eigenen Körpergewicht. Das heißt, in einem ganzen Jahr verputzt der kleine Kerl bis zu 37 Kilogramm an Beutetieren. Mehr als zwölf Stunden ohne Nahrung überleben Maulwürfe nicht. Und das wiederum heißt: Hier ist Dauerfressen angesagt.
Kritisch wird die Situation allerdings im Winter. Damit der kleine Tunnelgräber auch in dieser Jahreszeit genug zu beißen hat, legt er sich in speziellen Vorratsräumen in seinem unterirdischem Tunnelsystem einen üppigen Vorrat aus Regenwürmern an. Doch wie schafft er es, dass die Regenwürmer zwar überleben, aber nicht mehr fortkriechen? Dazu beißt er ihnen einfach die vorderen Körpersegmente ab. Bei manchen Maulwürfen wurden schon mehrere hundert dieser so malträtierten Würmer in den sogenannten Frischfleisch-Speisekammern entdeckt. Oft begnügt sich ein Maulwurf aber nicht mit einer einzigen Speisekammer: Acht Vorratskammern und mehr wurden schon von Maulwurfsforschern in einem einzigen Bau entdeckt. Da kommen dann insgesamt schon mal zwei Kilogramm Regenwürmer zusammen.
Zitronenfalters Frostschutzmittel
Viele Insekten wie etwa Tagpfauenaugen, Florfliegen oder Marienkäfer suchen sich im Winter in unseren Wohnhäusern, etwa auf Dachstühlen oder in Kellern, ein warmes Plätzchen zum Überwintern. Nicht so einer unserer häufigsten Schmetterlinge, der Zitronenfalter. Der überwintert in der freien Natur an einer geschützten Stelle, zum Beispiel in Baumspalten, im Laub oder im Efeudickicht. Da fragt man sich natürlich: Wie schafft es dieser doch recht zarte Falter, Kälte, Schnee und Eis unbeschadet zu überleben?
Um auch deutliche Minusgrade zu überstehen, haben Zitronenfalter gleich zwei geniale Tricks auf Lager. Zum einen sind die Schmetterlinge in der Lage, ein körpereigenes Frostschutzmittel zu bilden: Glyzerin. Dieser selbstsynthetisierte Alkohol erhöht die Viskosität der Körperflüssigkeiten und erschwert damit die Eiskristallbildung. Dadurch wiederum kann die Körperflüssigkeit nicht mehr so leicht gefrieren. Zum anderen scheiden die Falter zu Beginn des Winters einen Teil ihrer Körperflüssigkeit aus. Alles Wasser, das nicht unbedingt zur Aufrechterhaltung der Körperfunktionen gebraucht wird, wird im wahrsten Sinne des Wortes abgelassen. Und wo nichts ist, kann auch nichts gefrieren.
Ganz ähnlich geht übrigens auch der nordamerikanische Waldfrosch vor. Die Wissenschaft hat lange darüber gerätselt, wie diese kleinen Amphibien die klirrend kalten Winter in den Wäldern der USA und Kanadas mit Temperaturen oft jenseits der Grenze von - 20 ° C ohne weitere Schäden überstehen können. Des Rätsels Lösung war schließlich ebenso einfach wie verblüffend.
Um zu verhindern, dass ihre Körperflüssigkeit gefriert, bedienen sich die Amphibien eines Tricks: Sie verkneifen sich das Pinkeln. Durch diesen Verzicht steigt in den Körperzellen die Konzentration an Harnstoff, der ähnlich wie ein Froschfrostschutzmittel wirkt und die Frösche so vor dem Kältetod schützt. Allerdings dürfte der Blasendruck bei den kleinen Hüpfern im Frühjahr beachtlich sein.
Der Eichelhäher - ein fleißiger Sammler
Tiere, die den Winter nicht in südlichen Gefilden verbringen oder mit einem Schläfchen überbrücken, müssen natürlich darauf achten, dass sie auch in der kalten Jahreszeit stets genug zu futtern haben. Schließlich ist gerade bei Kälte der Kalorienverbrauch stark erhöht. Eine ausreichende Nahrungsbeschaffung ist jedoch in einer schneebedeckten Landschaft mit oft durchgefrorenen Böden keine ganz einfache Aufgabe. Die angesagte Strategie heiß daher: Im Herbst üppige Vorratsspeicher anlegen, von denen man im Winter zehren kann.
Geradezu ein Meister in dieser Disziplin ist einer unserer bekanntesten und auch markantesten Vögel: der Eichelhäher. Der beginnt bereits im Spätsommer damit, Vorsorge für die nahrungsarmen Wintermonate zu betreiben. Dazu sammelt der bunte Vogel mit einer unglaublichen Intensität Eicheln, um sie in Nahrungsdepots im Boden zu verstecken. Mitunter eine echte Plackerei, denn oft liegen gerade die besonders reich mit Eicheln bestückten Eichen mehrere Kilometer vom Revier des fleißigen Sammlers entfernt. Und auch wenn ein Häher pro Flug bis zu zehn Eicheln in seinem geräumigen Kehlsack verstauen kann, kommt da doch einiges an Transportstrecke zusammen.
In der rund 20-tägigen Hauptsammelzeit im Oktober sind die fleißigen Vögel oft bis zu elf Stunden am Tag mit dem Sammeln und Verstecken von Eicheln beschäftigt. Ein ungeheures Arbeitspensum. Der Sammelerfolg kann sich jedoch sehen lassen: Manche Eichelhäher bringen es bei ihrer Sammeltätigkeit auf bis zu 5000 Eicheln mit einem Gesamtgewicht von fast 25 Kilogramm.
Die Anlage der Depots selbst geht relativ schnell vonstatten. Ein paar gezielte, kräftige Schnabelhiebe genügen, und schon ist eine Bodenmulde entstanden, in die dann bis zu drei Eicheln gesteckt und anschließend mit Laubstreu bedeckt werden. Beim Verstecken achten die Häher übrigens peinlich genau darauf, bloß keine hungrigen Artgenossen auf das Nahrungsdepot aufmerksam zu machen. Schließlich müht sich auch ein Eichelhäher nicht gern umsonst. Dank seines überragenden Gedächtnisses findet der Eichelhäher die meisten seiner Speisekammern mühelos wieder.
Der Seidenschwanz, ein cleverer Wintergast
Kaum bekannt ist, dass einige Vogelarten aus noch kälteren Gebieten zu uns kommen, um hier zu überwintern. Der skandinavische Bergfink kommt besonders in kalten Jahren massenweise aus Nordeuropa zu uns. Aus Osteuropa wiederum fliegen in strengen Wintern Saatkrähen in riesigen Familienverbänden bei uns ein. Der Star unter den Wintergästen ist jedoch der Seidenschwanz, ein exotisch aussehender, prächtig gezeichneter bunter Vogel, dessen auffälligstes Kennzeichen seine spitz nach hinten verlaufende Federhaube ist. Auch sein Ruf ist unverwechselbar, erinnert er doch stark an das Klirren eines Schlüsselbundes.
Beim Seidenschwanz handelt es sich um einen Winterbesucher aus der russischen Taiga. Wenn es dort aufgrund des vielen Schnees zu wenig zu fressen gibt, kann es bei uns zu einer Masseninvasion kommen. Die Seidenschwänze, die ziemlich zutraulich sind, sitzen dann oft in Schwärmen in unseren Gärten und futtern sich den Bauch voll. Seidenschwänze ernähren sich in der Hauptsache von Früchten, und zwar von Ebereschen, Ligusterbeeren, Hagebutten, Äpfeln und Birnen. Einige von ihnen sind im Herbst allerdings oft bereits am Strauch vergoren, enthalten also Alkohol. Und den vertragen Seidenschwänze überhaupt nicht. Das kann schlimme Folgen haben: Als es im Herbst 2006 in der österreichischen Landeshauptstadt Wien zu einer Masseninvasion von Seidenschwänzen gekommen war, knallen viele trunkene Vögel im Vollrausch gegen Scheiben oder lagen, jeglicher Koordination beraubt, hilflos in den Straßen herum. Aber auch Vögel sind lernfähig: Seither fressen sich die Seidenschwänze zwar nach wie vor einen Rausch an, haben aber gelernt, dass man unter Alkoholeinfluss besser nicht fliegt, sondern zu Fuß geht.




