Tiere

Erste Hilfe für Fledermäuse in der Zitadelle Spandau

Etwa 80 verletzte, kranke oder hilflose Tiere werden derzeit in der Pflegestation des Fledermauskellers in Spandau betreut.

Zitadelle Spandau Fledermaeuse werden nach Behandlung freigelassen

Zitadelle Spandau Fledermaeuse werden nach Behandlung freigelassen

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Erst am Mittwochmittag ist erneut ein Pflegling eingetroffen. „Eine Zwergfledermaus, die von einer Katze malträtiert wurde“, erzählt Jörg Harder, 44, Vorsitzender des Berliner Artenschutzteams (BAT) auf der Zitadelle Spandau. Eine Anwohnerin aus Hohen Neuendorf hat das verletzte Tier gebracht, das ihr die Nachbarkatze auf die Fußmatte gelegt hatte. „Arg zerrupft. Ein Flügel ist wahrscheinlich nicht wiederherzustellen.“ Wie weit es wieder fliegen lernen könne, „muss man sehen“.

Etwa 80 verletzte, kranke oder hilflose Tiere werden derzeit in der Pflegestation des Fledermauskellers in Spandau betreut. Es sind vor allem Zwerg- und Breitflügelfledermäuse sowie Große Abendsegler. 15 von ihnen sind am Mittwochabend in die Freiheit entlassen worden. „Nur solche, die wirklich gut fliegen können“, sagt Harder, der Polizeibeamter und gelernter Tierpfleger ist. Auf dem langen Flur im Keller haben sie geübt. „Ein Tier muss in der Lage sein, ohne Anhalten ständig hin- und herzufliegen, und Kurven zu drehen“, so Harder. Es müsse auch den Personen auf dem Gang ausweichen können. „Wenn wir Probleme haben, ein Tier im Flur zu fangen, dann wissen wir, dass es bereit ist.“

Doch eine Zwergfledermaus mit den vernarbten Flügel kann sich nicht in die Luft erheben. Sie flattert aufgeregt durch den Hof der Zitadelle und landet auf der Wiese. Der Wind macht ihr zu schaffen, den sie im Kellertraining nicht erlebt hat. Sie wird also wieder in die Station zurückkehren, so entscheidet es Vereinschef Harder. Allen anderen Tieren ist der Abflug gelungen. Sie haben sich nur kurz an der Hand festgekrallt und sind dann mit schnellem Flügelschlag aufgestiegen.

Seine „Patienten“ seien vor allem Fledermäuse, die unter der Sommerhitze gelitten hätten. Einige sind in Büros geflogen, zum Beispiel am Fehrbelliner Platz. Andere sind in der Zitadelle mit Hand aufgezogen worden und haben in einer Voliere die ersten Flügelschläge gelernt. Dann übten sie in größeren, hermetisch abgeriegelten Räumen. „Irgendwann zischen sie die Gänge hoch und runter und schlagen ihre Haken.“ Mit dem Fledermausdetektor könne man prüfen, ob das Ultraschall-Ortungssystem funktioniere.

Rund 120 Rettungseinsätze im Jahr

Sein Verein, 2002 gegründet, wird im Jahr etwa 120 Mal zu Tieren gerufen, die irgendwo gefunden wurden. In Wohnungen, in Büros, in Kellern. „Manchmal sind ganze Fledermauskolonien dabei.“ Die Räume im Fledermauskeller sind kühl und dunkel. „Aber“, so sagt Jörg Harder mit einem Augenzwinkern, „die Fledermäuse zerfallen beim Lichtanmachen nicht zu Staub.“ Man brauche Licht, um die Verletzungen der kleinen Tiere genau einschätzen zu können. „Man benötigt Licht und eine Lupe, um die Details zum Beispiel beim Knochenbau zu erkennen.“ Bei einem Jungtier seien die Gelenke anders geformt als bei ausgewachsenen Fledermäusen. Wenn man ein Muttertier identifiziert habe, „muss man schnellstmöglich die Wochenstube finden, um die zurückgebliebenen Jungtiere zu retten.“ Dann machen sich Mitglieder vom Artenschutzteam auf die Suche.

„Die Wochenstuben sind warme Höhlen, also Dachböden, Baumhöhlen oder Fassadenspalten.“ Dort finde man im Sommer in Berlin die Fledermäuse. Es könnten Hunderte daumengroße Babys sein, dicht gedrängt auf kleinstem Raum. Auch im Land Brandenburg finden Jörg Harder und seine Mitstreiter große Kolonien. „Die Fledermäuse wandern, sie legen zwischen Sommer- und Winterquartier oft große Strecken zurück, je nach Art bis zu 1000 Kilometer.“ Tiere, die den Winter auf der Zitadelle verbringen, werden im Sommer zum Beispiel in der Schorfheide, Kloster Chorin oder Eberswalde gefunden. „Durch die Beringung können wir die Wege nachvollziehen“, sagt Harder. „Und reisen ihnen auch hinterher und gucken uns die anderen Quartiere an.“

Wie viele Fledermäuse in der Zitadelle überwintern, könne man nicht genau sagen. „Weil es sehr viele Spalten und doppelwandige Mauern gibt.“ Im Herbst, wenn die Tiere noch wach und unterwegs seien, habe man einige in den Gewölbegängen mit einem Netz gefangen. Schätzungsweise bis zu 11.000 Exemplare halten sich in dieser Jahreszeit in der alten Festung auf. Sie ist auch das Paarungsquartier. „Wir haben aber auch Tiere mit Zitadellenberingung beim Winterschlaf in Frankfurt (O.) gefunden.“ Die Freiflieger vom Mittwoch haben keine Ringe bekommen. Sie seien Einzeltiere, die zufällig gefunden wurden, sagt Jörg Harder.

Sanierungen sind ein Problem

Das Artenschutzteam hat 20 ehrenamtlicher Mitglieder, zwei kümmern sich um das Schaugehege mit tropischen Fledermäusen im Ausstellungsbereich der Zitadelle. „Das Gehege wird jeden Tag gereinigt, die Tiere werden gefüttert.“ Andere Mitglieder sind in der Pflegestation tätig, wieder andere machen Führungen. „Fledermäuse sind spannende Tiere“, sagt Harder. „Sie sind plötzlich da, dann ganz schnell wieder weg.“ Wie viele Exemplare in Berlin leben, sei nicht genau bekannt. Es seien bestimmt etliche Tausend. „Man sagt, Berlin sei Fledermaus-Hauptstadt.“ Das habe mit den großen Parks, den Flüssen und Seen sowie Quartieren wie der Zitadelle und den alten Wasserwerken zu tun. Zum Problem seien die vielen Sanierungen geworden. „Wenn wir innerhalb weniger Jahre sehr viele Gebäude umbauen, dann haben die Tiere ein Problem.“