Weltkindertag

Senatorin Scheeres – „Es geht um faire Chancen“

Zum Jubiläumsjahr des Weltkindertages spricht Senatorin Sandra Scheeres über Armut und Verwahrlosung sowie Rechte und Chancen der Kinder. Am 21. September wird rund um den Potsdamer Platz gefeiert.

Foto: Jörg Carstensen / picture alliance/dpa/Jörg Carstensen

Berliner Morgenpost: Frau Scheeres, der Weltkindertag feiert in diesem Jahr seinen 25. Geburtstag. Welchen Zweck erfüllt er?

Sandra Scheeres: Der Weltkindertag rückt die Kinderrechte und auch die notwendige Förderung von Kindern und Familien in den Fokus. Vor einigen Jahren wurde dieser Politikbereich noch als „Gedöns“ abgetan. Das traut sich heute keiner mehr, aber Defizite gibt es weiter – weltweit und auch in Deutschland.

Was sind die wichtigsten Rechte der Kinder?

Es gibt Länder, da geht es zunächst darum, Kindern ein Recht auf Leben, auf Freiheit und Bildung zu geben. Aber auch hier ist nicht alles in Butter. Den Kinderschutz haben wir in Berlin zum Beispiel erst vor einigen Jahren in die Verfassung aufgenommen, nach hartem Kampf. Es geht weiter um Familienfreundlichkeit, faire Chancen, Teilhabe und Unterstützung.

Ist ein Kind nicht hilflos ausgeliefert? Wie können diese Rechte greifen?

Der Hinweis ist wichtig. Letztendlich müssen wir dafür sorgen, dass Kinder ihre Rechte kennen und auch wahrnehmen können. Zum Beispiel: Wir haben extra eine Ombuds- und Beratungsstelle eingerichtet, die Kinder und Eltern berät, wenn es einmal zu Konflikten mit dem Jugendamt oder einem Träger der Jugendhilfe kommt. Diese kann ihnen helfen, ihre Rechte einzufordern.

Laut Statistik lebte 1960 jedes 75. Kind in Armut, heute ist es jedes fünfte. Ist das nicht alarmierend?

Absolut. Auch wenn manch einer jetzt sagen wird, wir hatten damals doch viel weniger als die Kinder heute. Soziale Ungleichheit, Benachteiligung und die Vernachlässigung von Kindern werden an vielen Stellen deutlich.

Was wird in Berlin getan, damit es den Kindern besser geht?

In vielen Bereichen haben wir die Angebote deutlich ausgebaut: Kitas, Ganztagsschulen … Aber ich sage auch deutlich, dass ich erwarte, dass die Eltern mit ihren Kindern gut umgehen und ihren Pflichten nachkommen. Ich möchte aber auch eine Lanze für die Berliner Eltern brechen: Wirklich fast alle kümmern sich sehr, sehr verantwortungsvoll um ihre Kinder.

Schlimm ist die Verwahrlosung, die zunimmt. Wie kann man dem Problem entgegenwirken?

Wir müssen in solchen Fällen die Familien aufsuchen. Da darf nicht gewartet werden, und es ist gut, dass die Sensibilität gestiegen ist. Wir haben unser Netz der präventiven Maßnahmen im Kinderschutz weiter ausgebaut, mit der mehrsprachigen Hotline zum Kinderschutz oder der sogenannten aufsuchenden Elternhilfe. Wenn es die Befürchtung gibt, dass die Eltern überfordert sind, gehen die Sozialarbeiter schon vor der Geburt in die Familien und begleiten diese. Wir haben zudem Familienzentren, damit Familien mit Kindern besser unterstützt werden.

Es gibt eine Formel: Mehr Betreuung gleich mehr Kinder. Was halten Sie davon?

Formel oder Gleichung – das ist mir zu einfach. Aber eine ausreichende und eine gute Betreuung oder insgesamt eine familienfreundliche Stadt tragen in jedem Fall dazu bei, dass sich Familien entschließen, Kinder zu bekommen. In Berlin haben wir ein hervorragendes Kita- und Hort- und Schulangebot, das wir weiter ausbauen. Als große Ausnahme in Deutschland haben wir in Berlin tatsächlich steigende Geburtenzahlen.

Jedes Kind ist ein Individuum und möchte auch so behandelt werden. Nimmt unsere Gesellschaft darauf Rücksicht?

Es gibt Fortschritte. Wir schauen doch heute viel mehr auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen. Das fängt bei der Eingewöhnung in die Kita oder bei der Tagesmutter an. Und bei Jugendlichen rücken wir in den Fokus, wie wir sie an Entscheidungsprozessen beteiligen können. Wir haben daher auch den Jugenddemokratiefonds ins Leben gerufen, damit Jugendliche in Projekten ihr Engagement einbringen können.

Der Weltkindertag wird in mehr als 145 Staaten gefeiert. Glauben Sie, dass die Welt kinderfreundlich ist?

Das kann man so pauschal auf keinen Fall sagen. Es gibt Länder, da werden Kinder als Soldaten in den Krieg geschickt oder müssen arbeiten. Generell haben wir noch Arbeit vor uns.