Bildung

Berliner Grundschulen dürfen Sprachlerntagebuch nutzen

Kita-Erzieher führen für jedes Kind ein Sprachlerntagebuch, das die Sprachfähigkeiten des Kindes dokumentiert. Dieses Dokument darf nun an Grundschulen weitergegeben werden - wenn Eltern zustimmen.

Foto: Peer Grimm / pA/dpa

Es ist das wohl umfassendste und aufschlussreichste Dokument, das über ein Kind in den ersten Lebensjahren außerhalb des Elternhauses angefertigt wird. Kann das Kind Reimwörter erkennen? Versteht es vorgetragene Geschichten? Äußert es eigene Gedanken? Das alles steht in einem sogenannten Sprachlerntagebuch, das von den Erziehern in der Kita für jedes Kind geführt wird.

Schon seit langem wird darüber diskutiert, dieses Dokument an die Grundschulen weiterzugeben, um eine kontinuierliche Förderung zu ermöglichen. Bislang sprachen vor allem Gründe des Datenschutzes dagegen. Diese sind jetzt ausgeräumt. Damit können die Grundschullehrer direkt an die Arbeit der Erzieher anschließen.

„Es ist ein Meilenstein für die durchgängige Sprachförderung im Berliner Bildungssystem“, sagt Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Die Kooperation zwischen Kitas und Grundschulen sei damit verbindlich geregelt. Eine Sprachbiografie beginne nicht erst in der Grundschule sondern mit dem frühzeitigen Besuch der Kita.

Mit den Erkenntnissen aus dem Sprachlerntagebuch hätten die Lehrer sofort einen Eindruck von den Fähigkeiten des Kindes und könnten geeignete Maßnahmen ergreifen. „Die Kinder haben einen besseren Start, wenn die Lehrer ihren Entwicklungsstand kennen“, sagt Sandra Scheeres.

Keine Weitergabe ohne Erlaubnis der Eltern

Allerdings gibt es einige Einschränkungen. „Ohne Einwilligung der Eltern darf das Dokument nicht weitergegeben werden“, sagt Alexander Dix, Berliner Beauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit. Liegt die Unterschrift der Eltern vor, bekommt die Schule auch nicht den kompletten Ordner.

Das Sprachlerntagebuch enthält besonders im ersten Teil persönliche Informationen über das Kind und die Familie. So wird abgefragt, welche Sprache zu Hause gesprochen wird, was die Familie im Urlaub gemacht hat, welche Feste gefeiert werden, wie viele Geschwister es gibt und wo das Kind am liebsten in der Wohnung spielt. Bei der Einführung des Tagebuchs vor knapp zehn Jahren reagierten viele Eltern irritiert auf diese Fragen, die ihre Privatsphäre betrafen. Nach einigen Debatten und der Versicherung, personenbezogene Daten sicher zu verwahren, blieb es den Eltern letzten Endes freigestellt, auf welche Fragen sie antworten wollen.

An die Grundschulen wird jetzt nur der letzte Teil des Sprachlerntagebuchs – die Lerndokumentation – weitergegeben. Darin haben die Erzieher zu bestimmten Zeitpunkten den Fortschritt des Kindes dokumentiert. Dabei geht es um die Sprachstruktur, aber auch die Bild- und Schriftsprache. Der Umgang mit Verben wird überprüft, die Fähigkeit, Texte nachzuerzählen, Laute richtig auszusprechen, Mimik und Gestik zu nutzen und Wörter mit gleichen Anlauf zu finden. Nur dieser Teil liegt zwei Wochen vor Schulbeginn in der Grundschule vor, sodass sich der Lehrer ein Bild von seinen künftigen Schülern – über seine Defizite und seine Entwicklungspotenziale – verschaffen kann. „Damit haben wir einen Weg gefunden, das Interesse der Schule an den nützlichen Informationen und das Recht auf Datenschutz der Eltern in Einklang zu bringen“, sagt Dix. Am Ende des ersten Schulhalbjahres bekommen die Eltern das Sprachlerntagebuch zurück.

Sprachberater helfen mit Förderprogrammen

Begleitet wird die Arbeit von 80 regionalen Sprachberatern. Allein zwölf sind in Neukölln im Einsatz. Stellt ein Lehrer große Defizite fest, helfen die Sprachberater mit gezielten Förderprogrammen und ergänzenden Lehrmaterialien.

Birgit Krüger, Geschäftsführerin der Evangelischen Kinder-, Jugend- und Familienhilfe „Leben mit Kindern“ (Lemiki), die mehrere Kitas in Berlin betreibt, begrüßt die neue Regelung. „Es ist auf jeden Fall sinnvoll, die Aufzeichnungen an die Schule weiterzugeben“, sagt die ehemalige Kita-Leiterin. Denn es dürfe keinen Schnitt geben zwischen der Kita und der Grundschule. Die Lehrer hätten aufgrund der Informationen über den Entwicklungsstand die Chance, direkt auf das Kind einzugehen und es sofort weiter zu fördern. Anfangs, so erzählt sie, sei das Sprachlerntagebuch bei den Erziehern noch umstritten gewesen, nicht zuletzt stellte es eine enorme Mehrarbeit da. Das habe sich komplett geändert. „Heute hat es sich nicht nur etabliert, sondern wird oft auch noch darüber hinaus bearbeitet und ergänzt“, sagt die Geschäftsführerin. Die Erzieher würden es gern einsetzen und sich damit mittlerweile wohl fühlen.

In der Evangelischen Kita in Alt-Tempelhof kommen jetzt sogar 164 Sprachlerntagebücher zum Einsatz. Die Kita hat fast 90 zusätzliche Plätze geschaffen, sodass sich die Kapazität von vorher 75 Plätzen mehr als verdoppelt hat. Aus dem Landesprogramm „Auf die Plätze, Kita, los“ wurden dafür 566.000 Euro zur Verfügung gestellt. „Der Kita-Ausbau ist ein Schwerpunkt“, sagt Bildungssenatorin Scheeres. Dabei seien sowohl Quantität als auch Qualität wichtig. Allein 10.000 neue Kitaplätze konnten im vergangenen Jahr geschaffen werden.