Armut

Ein Platz an der Sonne - Erholungsreisen für Kinder sind noch immer aktuell

Reisen für bedürftige Kinder, gesponsert von der Fernsehlotterie: Diese Idee ist über 50 Jahre alt. Heute gibt es die Freizeiten wieder – der Bedarf ist groß. Wir haben eine Feriengruppe aus Wedding begleitet.

Foto: Amin Akhtar

Aufs Fahrrad und an den See! Es ist Sommer – und was für einer. Das Thermometer steht schon um zehn Uhr morgens bei 27 Grad. Im Jugenddorf am Ruppiner See schnappen sich dreizehn Kinder die Fahrräder, die vom Jugenddorf gestellt werden. Manche Räder haben Gangschaltung, andere nicht. Am Hang hinter dem Gästehaus werden gleich die Bremsen getestet, einige Jungs heizen sofort runter. "Ich bin schnell", verkündet Jeremy stolz. Andere sind vorsichtiger. Und manche wackeln ganz schön, denen ist Radfahren nicht sehr vertraut.

"Ich bin ja froh, dass alle Kinder diesmal überhaupt fahren können", sagt der Hausleiter des Jugenddorfs Gunther Looß, der die Fahrräder verteilt. Hier und da biegt er auch noch ein Schutzblech zurecht. Manchmal kämen Gruppen aus Berlin, die Mädchen mit Kopftuch und in Schichten weiter Kleidung, die ihren Körper verhüllten, die schüttelten dann energisch den Kopf: Nein, Fahrrad fahren können wir nicht. Das gehöre sich nicht für Mädchen. Rund 75 Kilometer ist die Hauptstadt vom Dorf Gnewikow entfernt. Trotzdem, es sind Welten. Die Kinder von Gnewikow können natürlich Fahrrad fahren. Und schwimmen. Aber die aus Berlin-Wedding?

Reise mit Tradition

Da kommen die dreizehn Kinder nämlich her, eigentlich sind es vierzehn, aber ein Mädchen hat am letzten Tag dieses Urlaubs große Bauchschmerzen gekriegt, vielleicht ist es auch Heimweh. Nun liegt sie auf dem Zimmer. Aber alle anderen sind dabei: sechs Mädchen, sieben Jungs, zwischen acht und zehn. Ella, Sila, Marwah, Hanin, Laila, Samantha. Und Ethem, Mehmet, Sebastian, Mohammed, Cevher, Frederick, Jeremy. Ella hilft, die Namen aufzuschreiben, sie schaut kritisch in den Reporterblock. "Nein", sagt sie empört, "Marwah mit ,h'. Und Laila – mit ,ai'." Die neunjährige Ella ist in zwei Kulturen beheimatet, der türkischen und der deutschen. Ihr sind die meisten Namen vertraut.

Eine Woche verbringen die Kinder zusammen am Ruppiner See, eingeladen von der Deutschen Fernsehlotterie. Das hat Tradition. "Ein Platz an der Sonne" und "Mit fünf Mark sind sie dabei", so warb vor über fünfzig Jahren die Fernsehlotterie für den Verkauf ihrer Lose, damit sie mit dem Erlös die eingeschlossenen West-Berliner Kinder nach Süden schicken konnte. Irgendwann in den 70er-Jahren hörte man damit auf, "es gab keinen Bedarf mehr", sagt Christian Kipper, der Geschäftsführer der Deutschen Fernsehlotterie, der beim Ausflug dabei ist. Die fetten Jahre der Bundesrepublik. Alle hatten Geld, um selbst zu verreisen. Die Fernsehlotterie wandte sich damals anderen sozialen Projekten zu.

Einen echten Frosch sehen

2006, zum fünfzigjährigen Jubiläum der Fernsehlotterie, ließ man die Kinderreise wieder aufleben – eigentlich aus Nostalgie. Und merkte erschrocken, es gab einen Bedarf. Weil es wieder eine soziale Not gab. "Uns war gar nicht bewusst, dass es familiäre Umstände gibt, wo Ferien nicht möglich sind, weil das Geld nicht da ist", sagt Kipper. Seitdem werden solche Reisen in der Ferienzeit wieder organisiert, zusammen mit Partnern vor Ort wie dem Berliner Kinderschutzbund.

Bedürftige Stadtkinder, die mal in die Natur fahren. "Zum ersten Mal einen Frosch sehen", einen echten, nicht den Frosch, den man beim Ballerspiel explodieren lassen kann. Man sieht Christian Kipper an, diese Reisen machen ihm Freude. "Eigentlich bin ich ja nur ein Glücksspielanbieter", sagt er grinsend. "Aber wenn ich das hier sehe, dann weiß ich, wofür ich Lose verkaufe." Er freut sich, die Kinder auf dem Rad zu sehen.

Die allerdings freuen sich nach kurzer Strecke weniger. Besonders geübt sind sie nicht im Radfahren. "Nur zwei oder drei von ihnen haben die Fahrradprüfung bestanden", erzählt Angie Jayes. Die 47-Jährige kennt die Kinder gut, sie arbeitet als Erzieherin im Hort der Erika-Mann-Grundschule in Wedding, die alle diese Ferienkinder besuchen. Im Moment hat sie wenig Zeit zu reden, denn sie hat genug damit zu tun, alle Kinder zum Weiterfahren zu überreden. Zu ermahnen, hintereinander zu fahren und nicht zu überholen. Und bitte nicht in den Graben zu rauschen.

Sila kommt ins Trudeln, verliert die Kontrolle über den Lenker und landet im Zaun einer Weide. Die Achtjährige weint ein bisschen, aber Angie hat Pflaster dabei. Die Fahrt geht weiter, natürlich kommt ausgerechnet jetzt ein Mülllaster auf der sonst leeren Straße vorbei. Danach folgt Kopfsteinpflaster, auch für geübte Radler eine Herausforderung. Die Kinder weichen auf den Rand aus, auf den märkischen Sand, die zarte Marwah kommt ins Rutschen, fängt sich aber noch. "Dabei habe ich keinen Fahrradführerschein", sagt sie stolz. Da ist sie nämlich durchgefallen. Wie fast alle anderen auch.

Nur ein Teil der Wahrheit

Es liegt in der Natur solcher Sozialreportagen, dass man auf die Defizite starrt. Diese dreizehn Kinder wachsen in Wedding auf, die Eltern kommen meist von weit her – überwiegend aus der Türkei, aber auch aus dem arabischen Raum, aus Madagaskar, Pakistan, Cuba. Nur drei Jungs der Gruppe wachsen mit Deutsch als Muttersprache auf. "Der trittet die ganze Zeit", beschwert sich Mehmet lautstark über Jeremy, der gerade versucht, alle zu überholen. Er meint, der tritt die ganze Zeit in die Pedale.

Solche Defizite kann man natürlich herausstellen, aber sie sind nur ein Teil der Wahrheit. Die Kinder halten durch auf ihren Fahrrädern, manche fahren schon nach kurzer Zeit richtig gut, vor allem die Jungs nehmen es sportlich. Und als man später beim See zusammensteht und nach dem Baden fröhlich das Obst kaut, das Gunther Looß mit dem Auto hinterher gebracht hat, schaut ihn Samantha neugierig an: "Du bist also der Star im Jugenddorf". Der Star, der Chef, der Boss. "Stellvertretender Hausleiter", liest Laila vor – wobei das erste Wort zu "Stellv." abgekürzt ist. "Du kannst aber gut lesen", lobt Regina Terzic von der Fernsehlotterie. "Ich bin zehn", sagt Laila empört, "klar kann ich lesen." – "Aber der da drüben kann es nicht...", ergänzt Samantha und zeigt auf einen der Jungs im Wasser. "Und der ist auch zehn."

Die Bandbreite allein in dieser kleinen Gruppe ist riesig. Der eine Junge – diesmal ein rein deutscher Hintergrund – hängt schulisch hinterher, weil er aus einer desolaten Familie kommt. Bei einem anderen sind die Eltern Lehrer. Laila träumt davon, einmal in ihr Ursprungsland zu fahren, nach Madagaskar. Samantha will nach Cuba, woher ihre Mutter stammt. Die türkischen Jungs Ethem, Mehmet, Mohammed und Cevher sind eine Clique und hängen immer zusammen; irgendwie sind sie wohl auch miteinander verwandt. Ella ist froh, dass ihre kleine Schwester Sila dabei ist, sonst wäre sie ziemlich allein. Nur Marwah aus Pakistan ist noch ihre Freundin, es gibt einen leichten Zickenkrieg unter den Mädchen.

"Verpiss dich, du Schlampe"

Und ein Mädchen hat sich frisch verliebt. In einen Jungen aus der Gruppe? Nein, sagt sie heftig, es sei einer aus dem Jugenddorf, der hier auch Urlaub mache. Sie holt einen karierten Zettel hervor, darauf steht in einem Herz ihr Name und der Name des Jungen. Richard. "Weiß er denn Bescheid?" – die Frage liegt ja auf der Hand. Die Verliebte schüttelt erschrocken den Kopf. Nein, natürlich nicht. Warum nicht? "Ich habe Angst, er sagt: 'Verpiss dich, du Schlampe'."

"Verpiss dich, du Schlampe" aus dem Mund einer hübschen Zehnjährigen zu hören, die sonst wach und neugierig ist, das wirkt verstörend. Aber es ist Teil der Wahrheit. "Es kann jeden Moment explodieren", sagt Erzieherin Angie Jayes. Eine Weile geht es gut in der Gruppe – und bumm! Dann fliegen die Fetzen. Warum? Viele Kinder sind schnell am Ende ihrer Geduld. Alles muss sofort gelingen. Wenn nicht, dann ist es Mist. Und Aggression ist ein schnelles, heftiges Gefühl, das sofort gelingt. Wer laut ist und heftig, der fällt auf. Sofort.

Wer selbst Kinder hat, der weiß, wie lange es dauert, bis man ihnen vermittelt hat, dass manche Lösungen dauern, dass man Unmut manchmal aushalten muss, ohne ihn gleich an anderen auszulassen. Aber vielen Kinder fehlt heute diese Erziehungsarbeit. Entweder, weil die Eltern sich die Mühe nicht mehr machen. Oder weil sie in einer kulturellen Parallelgesellschaft leben, in der andere Werte zählen – und sie ihre Kinder mutterseelenallein in die deutsche Gesellschaft entlassen. So unsicher, wie sie auf dem Fahrrad trudeln, so trudeln die dann auch durch Schulzeit und Hort. Beides deutsche Welten, aber manche türkischen und arabischen Eltern verweigern ihren Kindern das Rüstzeug. Das sollen bitte Lehrer und Erzieher übernehmen. Eine totale Überforderung – besonders für die Kinder.

Verkommene Nachbarschaft

Besucht man allerdings deren Hort in der Erika-Mann-Grundschule im Wedding, der gemeinsam mit dem Kinderschutzbund betrieben wird, dann ahnt man, dass das mit der Integration doch komplexer ist.

Was sind das denn für Deutsche, die die Ausländer in der Nachbarschaft so erleben? Nicht wenige scheinen ziemlich neben der Spur zu sein. Morgens torkeln zwei Frauen um die vierzig über die Straße, in der Hand je eine Bierflasche. Sie lallen. Es ist noch keine zehn. Oder das Paar dort. Er erzählt aufgeregt von den Stimmen, die er hört, die ihm Befehle geben. Die psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle um die Ecke der Schule ist schon offen, davor sitzen bestimmt zehn Leute und schnattern aufgeregt. Ältere Frauen mit Tätowierungen und bauchfrei. Deutschland, das wirkt hier in diesem Teil von Wedding wie eine einzige offene Anstalt. Kein Wunder, dass sich die türkischstämmigen Kinder stolz abgrenzen. "Du Christ", ist ein Schimpfwort auf dem Schulhof. "Du Schweinefleischfresser." Oder gleich: "Du Nazi." Was bitte sollte an dieser verkommenen deutschen Nachbarschaft so attraktiv sein, dass man Teil von ihr werden will?

Weddingfreie Woche

Der Ausflug an den Ruppiner See ist auch ein Ausflug in eine heile Welt, in ein heileres Deutschland. Eine weddingfreie Woche. Es ist die Chance, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen. "Die fragen mir Löcher in den Bauch", erzählt die Erzieherin Angie. Jetzt hat man mal mehr Zeit füreinander als im Alltagsstress. Und so wirkt die Woche, die die Deutsche Fernsehlotterie ermöglicht, wie ein Geschenk am Ende eines langen Schuljahres. Die Mühe zahlt sich aus – das merkt man gleich, als die Gruppe am See ankommt. Alle springen ins Wasser, alle können schwimmen. Denn im Hort hat man darauf geachtet, dass möglichst alle ihr Seepferdchen machen.

Und sonst? Eine Kremser-Fahrt machte Eindruck, nur die Pferde waren ein bisschen langsam. Einmal durch Neuruppin schlendern. Dann die Disco am Abend im Jugenddorf, aber die bereitet der Erzieherin Angie noch Tage später Bauchschmerzen. Denn Mädchen aus einer anderen Jugendgruppe, ältere deutsche Mädchen, hätten dort heftig tanzend losgelegt. "Wie an der Stange" bewegten die sich. Die muslimischen Mädchen – von denen bislang keine ein Kopftuch trägt – kriegten große Augen, die Jungs sowieso. "Die haben gestrippt", behaupteten die Jungs steif und fest. Aber nein, so weit sei es nicht gegangen, sagt die Erzieherin. Am liebsten hätte Angie mit ihrer Gruppe die Kinderdisco verlassen, aber das klappte nicht. Also hat man später "darüber geredet". Doch die Bilder sind da, sind im Kopf. Die kann man nicht wegreden. Man kann nur andere Bilder dagegensetzen.

Zum Glück war die Nachtwanderung mindestens genauso intensiv. Und ein bisschen gruselig. Die Kinder erzählen noch Tage später aufgeregt davon. Was war denn gut an der Nachtwanderung? "Die Fackeln am Ende", sagt ein Junge. Und schlecht? "Die Scheißbäume." Tja, leider standen Bäume im Wald – es sind eben doch Berliner Kinder.

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