Berliner Kinder

Vernachlässigt, verprügelt - 650 Kinder aus Familien geholt

In Berlin wurden im vergangenen Jahr fast 10.000 Verfahren wegen Kindeswohlgefährdung eingeleitet – deutlich mehr als zuvor. In jedem fünften Fall waren Kinder akut gefährdet.

Foto: Z1004 Peer Grimm / dpa

Die Berliner Jugendämter greifen deutlich häufiger ein als früher, wenn sie Gesundheit, Entwicklung und Psyche von Kindern für bedroht halten. Fast 10.000 Verfahren wegen Kindeswohlgefährdung haben Berlins Behörden 2013 eingeleitet, das waren 13,3 Prozent mehr als 2012. In jedem fünften der untersuchten Fälle wurde eine akute Gefahr für das Kind festgestellt.

Für knapp 2000 Berliner Kinder war nach der Analyse der Jugendämter eine erhebliche Schädigung des körperlichen, geistigen und seelischen Wohles bereits eingetreten oder mit ziemlicher Sicherheit zu erwarten. Insgesamt 651 Kinder wurden aus den Familien herausgeholt und in Obhut genommen. Für 1587 Kinder und Jugendliche mussten ambulante oder teilstationäre Hilfen zur Erziehung eingerichtet werden.

In einem Drittel der 9959 erfassten Fälle wurde eine "latente Gefährdung" festgestellt, in rund einem Viertel bestand zwar keine Gefahr für das Kind, dennoch brauchten die Familien Hilfe. Bei 20 Prozent lag falscher Alarm vor: Die Prüfung ergab keine Gefahr für das Kind. Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg veröffentlichte am Montag zum zweiten Mal Zahlen zur Gefährdungseinschätzung der Jugendämter, die seit der Einführung des Bundeskinderschutzgesetzes Anfang 2012 vorgeschrieben ist.

Die Mehrzahl der Kinder wird von den Eltern vernachlässigt

Berliner Kinder leiden demnach vor allem unter Vernachlässigung. Zwei Drittel aller akuten oder latenten Gefährdungsfälle ergeben sich aus solchen Versäumnissen der Erziehungsberechtigten. Quantitativ deutlich seltener, aber immer noch in jedem fünften beziehungsweise vierten Verfahren geht es um körperliche und psychische Gewalt. Sexuelle Gewalt lag bei 3,9 Prozent der Fälle vor.

Experten bewerten die Entwicklung differenziert. Die Zahlen seien ein Beleg dafür, dass die Maßnahmen und Strukturen zum Thema Kinderschutz in Berlin greifen würden, sagte Andreas Schulz, Jugendhilfereferent beim Paritätischen Wohlfahrtsverband. Gesellschaft und Organisationen seien außerdem sensibler als früher.

Jeden siebten Fall melden Schulen und Kitas

Das belegen die Zahlen: Die Meldungen kamen zu 13 Prozent von Bekannten, Verwandten oder Nachbarn, zu 7,5 Prozent anonym. In 13,1 Prozent der Fälle meldeten Kitas oder Schulen das Problem, in sechs Prozent Hebammen oder Ärzte. Am häufigsten (27 Prozent) schalteten Gerichte und Staatsanwälte die Jugendämter ein, oft meldeten sich Jugendliche oder Eltern aber auch selbst (10,9 Prozent).

Sabine Walther, Landesgeschäftsführerin des Kinderschutzbundes, verweist aber auch auf den Zusammenhang zwischen Armut, Bildungsferne, Gewalt und Vernachlässigung in den Familien. Der Senat habe bisher zu wenig getan, um dem Problem der Kinderarmut zu begegnen. Zudem seien die Jugendämter extrem schlecht besetzt, um Risikofamilien enger zu begleiten und so womöglich eine Eskalation zu vermeiden.

Forderung nach besserer Ausstattung der Jugendämter

Die kinder- und jugendpolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, Marianne Burkert-Eulitz, geht davon aus, dass die neuen Melderegeln und größere Aufmerksamkeit einen Großteil der gefährdeten Kinder aus dem Dunkelfeld geholt haben. Auch sie hielte es für besser und letztlich billiger, die Jugendämter besser zu besetzen, um nicht am Ende die teuerste und für eine Familie traumatischste Form der Hilfe wählen zu müssen und das Kind aus seinem Umfeld herauszunehmen. "Es kann sein, dass unter Überforderung und Zeitdruck zu drastischen Maßnahmen gegriffen wird", sagte die Abgeordnete, die selbst als Anwältin in diesem Feld tätig ist.

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