Armut

„Was Eltern nicht leisten können, müssen andere ausgleichen“

Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung spricht über soziale Bedürftigkeit in Berlin.

Wie hoch ist die Armut in Berlin? Wie viele Kinder sind davon betroffen? Dr. Markus Grabka ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, kurz DIW, wo man sich mit solchen Fragen beschäftigt. Das DIW ist das größte deutsche Wirtschaftsforschungsinstitut, es arbeitet unabhängig und ist gemeinnützigen Zwecken verpflichtet. Mit Markus Grabka sprach Susanne Leinemann.

Berliner Morgenpost: Wie definiert man in Deutschland Armut?

Markus Grabka: Da gibt es zwei Herangehensweisen. Erstens: Als arm bezeichnen wir die, die Grundsicherung beziehen. Dazu gehört nicht nur Hartz IV, sondern auch die Grundsicherung im Alter, die klassische Sozialhilfe oder die Kriegsopferfürsorge. In Deutschland erhalten rund 7,3 Millionen Menschen diese Mindestsicherung. Allerdings ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die über ihre Familien Sozialgeld-Empfänger sind, relativ hoch. Gerade in Städten wie Berlin, Bremen und Hamburg findet sich ein zweistelliger Prozentsatz von Leistungsbeziehern.

Und die zweite Herangehensweise?

Man spricht von einem Armutsrisiko, wenn Personen in einem Haushalt leben, der weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltsnettoeinkommens der Gesamtbevölkerung zur Verfügung hat. Das sind bei einem Einpersonenhaushalt derzeit 980 Euro im Monat.

Und bei einer Familie?

Nehmen wir einen klassischen Haushalt: zwei Erwachsene, zwei Kinder. Dann müssen Sie den Wert mit 2,1 multiplizieren. Das wären 2058 Euro.

Ist man dann wirklich arm oder hat man lediglich ein Armutsrisiko? „Armutsrisiko“ - das klingt irgendwie wie „ein bisschen schwanger“...

Ja, das ist eine rhetorische Problematik. Im zweiten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung sprach man noch von „Armut“. Im dritten von „Armutsrisiko“ bei gleichem Schwellenwert. Grundsätzlich lässt sich aber sagen: Wenn Eltern keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, ist das Armutsrisiko hoch. Haben beide Elternteile eine Vollzeitstelle, schützt dies am besten vor Armut.

Wie hoch ist die Armut konkret in Berlin?

Überdurchschnittlich hoch – gemessen am Bundesdurchschnitt. Das ist bei allen Stadtstaaten so. Deutschlandweit liegt das Armutsrisiko bei 15,2 Prozent im Jahre 2012, in Berlin wird dagegen ein Wert von 21,2 Prozent erreicht.

Vermutlich sind viele alleinerziehende Mütter vom Armutsrisiko betroffen?

Ja, das ist allgemein bekannt. In dieser Gruppe wird überdurchschnittlich häufig die Grundsicherung beantragt. 40 Prozent der Alleinerziehenden fallen unter das Armutsrisiko.

Das ist ja fast die Hälfte!

Genau.

Der Deutsche Kinderschutzbund meint, einen neuen Trend der Verarmung zu erkennen. Eltern, die zwei, drei Jobs haben – und trotzdem um ihre Existenz kämpfen. Weil sich alle im Niedriglohn-Bereich befinden.

Dazu haben wir bislang keine Analysen vorliegen. Richtig ist aber, dass der Anteil der Personen, die eine zusätzliche Nebentätigkeit ausüben, gerade in den letzten zehn Jahren angestiegen ist. Aber wie sich das auf Familien auswirkt, dazu ist bislang wenig bekannt.

Bald soll ja der Mindestlohn eingeführt werden. Wird das helfen?

Das wage ich zu bezweifeln. Die Frage ist doch, wie viel mehr an Netto den Haushalten nach Einführung des Mindestlohns verbleiben wird. Außerdem ist zu vermuten, dass es in einzelnen Branchen zu Ausweichstrategien kommt, wie unbezahlte Überstunden.

Wie hoch ist der Migrationsanteil unter den sozial schwachen Berlinern?

Es ist bekannt, dass Migranten ein etwa doppelt so hohes Armutsrisiko aufweisen wie die deutsche Bevölkerung.

Was bedeutet es für Kinder, in armen Familien aufzuwachsen?

Studien von Kollegen zeigen, dass es langfristige negative Folgen gibt: schlechtere Gesundheit oder schlechte Partizipation im Bildungssystem, was natürlich Folgen auf die spätere berufliche Karriere hat.

Schule und Hort versuchen auszugleichen, was Familien nicht bieten können. Ist das realistisch?

Die Frage ist: Was wäre die Alternative? Vor allem das Bildungssystem kann ausgleichen, was Eltern nicht leisten können oder nicht wollen. Ein logischer Schritt.

Schulen wie die Erika-Mann-Grundschule arbeiten mit Mischfinanzierungen: Einen Teil ihrer Projekte finanzieren Steuergelder, einen Teil private Initiativen. Wie wird das sonst in Europa gehandhabt?

Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. In Südeuropa geht man mit dem Problem ganz anders um als in den skandinavischen Ländern. Dort ist der Steueranteil wesentlich höher, weil das Problem der Armutsgefahr und Bildungschancen bei Kindern- und Jugendlichen allgemein anerkannt wird. Also finanziert man die Projekte dort über Steuern.

Und was muss sich in Deutschland ändern?

Die Frage ist: Wie setzen wir das Geld sinnvoller ein? In Deutschland haben wir über 100 verschiedene Förderinstrumente in der Familienpolitik, die teilweise konträr wirken. Wir brauchen nicht ein Mehr an Geld, sondern Investitionen, um die Qualität der Bildung zu verbessern.

Und einfach das Kindergeld erhöhen?

Das kommt bei den Kindern aus sozial schwachen Elternhäusern nicht an. Denn das zusätzliche Geld wird von den sonstigen Transferleistungen abgezogen. Zudem stellt sich die Frage, ob dieses Geld auch bei den Kindern tatsächlich ankommt.