„Iiiiiii.......üüüüü.......iiiiiii.........ööööö..........iiiiiiiiiiii.......ääääääääää........“ Mit sichtbarer Anstrengung zieht Pauline ihren Mund beim ‚i‘ weit auseinander, dann schürzt sie ihre Lippen, um die Umlaute zu bilden. Die Töne kommen von weit unten, aus ihrem Bauch heraus. Wie viele Gesichtsmuskeln hat der Mensch noch einmal? 20? 30? Es scheint, als wären gerade mindestens 40 im Einsatz. Ein Kraftakt.
„Iiiiiiiiii.......üüüüüüü.......“ Das Gesicht von Pauline nimmt ein zartes Rosa an. Sie kämpft. Gesangslehrer Matthias Tost nickt ihr aufmunternd zu. „Das stimmliche Handwerk ist die Basis, vergiss das nicht!“, ruft er seiner Schülerin vom Klavier aus zu. „Songs kannst du noch dein ganzes Leben lang singen!“ Er gibt einen neuen Akkord vor. Es geht in die Mittellage. „Schön weich beginnen! Sieh das nicht als Übung! Freu dich! Gestalte! Es soll keine Arbeit sein, sondern Fluss!“ Pauline grinst schief, während sie versucht, ihren Stimmbändern ein schönes, weiches „iiiiiiii“ abzuringen. Glamour geht anders.
„Sie muss einfach singen“
Berlin-Kreuzberg, Mariannenplatz. Die Gänge im ehemaligen Diakonissen-Krankenhaus und heutigen Künstlerhaus Bethanien sind lang und grau. Farbe blättert von den Wänden. Aufsteller mit Flyern bilden vereinzelt Farbtupfer, dazwischen junge Menschen, die mit konzentriertem Blick und Taschen voller Notenblätter zu ihren Übungsräumen laufen. Die Musikschule Friedrichshain-Kreuzberg hat im Bethanien ihr Quartier, insgesamt 150 Lehrerinnen und Lehrer unterrichten frühkindliche Musikerziehung, Orchesterinstrumente und Gesang. Besonders stolz ist die Schule allerdings auf die „StuVo“. Dahinter verbirgt sich die Studienvorbereitende Ausbildung im Bereich Popularmusik für besonders begabte Jugendliche, die eine Aufnahmeprüfung an einer Musikhochschule anstreben. Zu den derzeit 22 Schülern gehört die 23-jährige Pauline Tschirschwitz. Kurze Haare, schlichter Pullover, Jeans, Turnschuhe, Lippenpiercing. Tschirschwitz, der Name zieht nicht, zu schwierig. Also musste ein Künstlername her: Emma Kliff. Traumberuf: Popstar.
Mit sieben Jahren begann Pauline, Gitarre zu lernen, nach dem Abitur kam Klavier hinzu. Sie begann, eigene Songs zu schreiben, Balladen vor allem. Und sie begann zu singen. Darin liegt ihre Stärke. „Ihre Stimme ist sehr warm und voll, anmutig und rund“, schwärmt ihr Lehrer Matthias Tost. „Sie muss einfach singen.“ Das fanden auch professionelle Sänger, von denen Pauline ihre Stimme hat begutachten lassen, bevor sie begann, ernsthaft über eine Karriere im Musikbusiness nachzudenken. Das war vor zweieinhalb Jahren. Zu dieser Zeit erfuhr sie auch von der Möglichkeit der professionellen Studienvorbereitung an einer Musikschule.
Schwerpunkt Pop
Von den zwölf öffentlichen Musikschulen in Berlin bieten neben Friedrichshain-Kreuzberg drei weitere Musikschulen einen Schwerpunkt Popmusik an: die City West mit ihrer „Pop Akademie“, Mitte mit seiner „Popschule Berlin“ und die Joseph-Schmidt-Musikschule in Treptow-Köpenick.
In Friedrichshain-Kreuzberg beschloss man im Jahr 2010, die Tradition der Ausbildung im Popularbereich aus DDR-Zeiten wieder aufleben zu lassen. Tamara Danz und die Band Silly, Achim Mentzel, die Puhdys, Karat: Sie alle haben zu Ostzeiten hier ein musikalisches Fundament erhalten.
Leiter der Studienvorbereitung ist Robert Matt, selbst Musiker, Komponist, Arrangeur und Produzent. Dem 47-Jährigen geht es darum, dass die Schüler neben einem soliden musikalischen Handwerk und der Ensemblearbeit auch die ökonomischen Regeln des Popbusiness kennenlernen. „Ein Künstler muss sich auch mit der Vertragsgestaltung und der Rechteverwertung auskennen. Und er muss zum Beispiel mit darauf achten, dass die Werbe-Maßnahmen für eine Platte punktgenau landen, sonst ist eine eigentlich tolle Platte schnell durch“, sagt er. Was seine Schüler mitbringen müssen? „Authentizität und Originalität – und einen großen Lernwillen.“ Das Originäre und Authentische will er mit seinen Kollegen bewahren und ausbauen helfen, denn es gehört neben den musikalischen Fähigkeiten seiner Ansicht nach zu den wichtigsten Pfeilern in der Popmusik.
Dieser Sockel ist auch nach Meinung von Catrin Gocksch für den Erfolg im Pop-Business ausschlaggebend. Sie ist Leiterin der „AG Populäre Musik“ beim renommierten Wettbewerb „Jugend musiziert“, der seit 2006 auch eine Popmusik-Sparte hat. „Das Richtige für sich selbst finden und Eigenes bieten“, das sei gefragt und absolut notwendig, um sich durchsetzen zu können.
Gute Lehrer sind rar
„Leider ist es in Deutschland aber gar nicht so einfach, gute Pop-Lehrer zu finden“, fügt sie hinzu. Deutschland pflege seine lange Tradition in der klassischen Musik, auch den Jazz, während es gegenüber der Popmusik immer noch viele Vorbehalte gebe. „Auch an den Hochschulen bewegt man sich nur ganz langsam in Richtung Popularmusik, trotz der großen Nachfrage gerade in Berlin“, bedauert sie. Entsprechend brauche der Nachwuchs „eine riesengroße Leidenschaft fürs Musizieren – und ein irres Durchhaltevermögen.“
Pauline ist überzeugt, beides zu haben. Am Mariannenplatz bereitet sie sich systematisch auf die Aufnahmeprüfung an ihrer Wunsch-Hochschule in Hannover vor. Die Ausbildung in Kreuzberg kostet sie lediglich 84 Euro im Monat – „mit Stipendium“, ergänzt Pauline und lächelt fast verschämt. Zweimal pro Woche hat sie Gesangsunterricht, zwei bis drei Mal Musiktheorie, einmal pro Woche Gitarre und Klavier im Wechsel sowie einmal pro Woche Ensemble-Unterricht. „Dazu kommt das tägliche Üben“, erzählt Pauline. Ihr Geld verdient sich die Neuköllnerin als Kickboxing-Trainerin in Vereinen und Schulen.
Es ist Pauline wichtig, ihren Weg institutionell abzusichern. Robert Matt, Leiter der Studienvorbereitung und ihr Lehrer in Ensemblearbeit, unterstützt das. „In den USA sind die Leute begeistert, wenn man sagt, man ist Musiker. Das ist ein Berufsbild. Hier in Deutschland heißt es: ‚Ach, schön. Und wovon lebst du?‘“ Matt träumt davon, dass es in der Hauptstadt bald eine renommierte Hochschule mit dem Schwerpunkt Popmusik gibt, ähnlich wie in Mannheim. „Eine Uni vermittelt wertvolles Wissen – und würde zeigen, dass Popmusiker ein wichtiger, anerkannter Beruf ist.“
„Hey, du kannst noch lauter“
Ortswechsel. Ein niedriger, düsterer Keller in Reinickendorf. Emmeli, Jonas, Clemens und Nico steigen über Gerümpel hinweg in den hintersten Raum, ihren Probenraum. Fahle Neonröhren an der Decke, Spinnweben vor der winzigen Fensterluke. Immerhin gibt es einen roten Teppich auf dem Boden – Hinweis auf den Ort, wohin zumindest zwei der vier wollen: ins Rampenlicht, zu Ruhm und Geld. Und vor allem hin zu einem Leben voller Musik.
Die Band der Vier heißt „The Wankers“, sie machen Blues Rock. Gefunden haben sie sich zu Schulzeiten, vor zwei Jahren. Jonas, der Schlagzeuger, studiert mittlerweile Theologie, Bassist Clemens will technischer Informatiker werden. Emmeli, Sängerin, und Nico, Gitarrist, bereiten sich auf eine musikalische Karriere vor. Emmeli studiert Musikwissenschaft, Nico absolviert wie Pauline Tschirschwitz die Studienvorbereitung an der Musikschule Friedrichshain-Kreuzberg. Sein nächstes Ziel: die Hochschule für Musik in Mannheim, an der er gern studieren und den Bachelor of Arts machen möchte. „Mein Traum ist es, professionell Musik zu machen und damit Geld zu verdienen“, sagt Nico.
Zusammen geben Emmeli und Nico in der Band den Ton an. Nico komponiert und kümmert sich ums Arrangement, Emmeli schreibt die Texte und bringt viele Melodien ein.
„Hey, ich spiel’ das Thema jetzt vier Mal durch, du steigst ein, Jonas“, sagt Nico und nickt dem Schlagzeuger mit den Rastazöpfen zu. Er spielt einen Song an, Emmelis Augen beginnen zu glänzen. Sie nimmt Blickkontakt mit Nico auf, fängt an zu singen. Jonas und Clemens improvisieren. „Hey, du kannst noch lauter“, ruft Nico Jonas zu. Plötzlich lässt er seine Gitarre sinken. „Oh nee, das geht gar nicht, total verstimmt“, murmelt er unter seinem schwarzen Haarschopf hervor und zupft versunken an den Saiten herum. Jonas beginnt herumzualbern. Nico guckt kurz auf, schaut seinen Bandkollegen scharf an und murrt: „Pssst!“
Offen und freundlich bleiben
Wenn es um Musik geht, ist es Nico Sznirmacher ernst. Er ist eigentlich ein eher schüchterner Typ, aber wenn er seine Gitarre in Händen hält oder gar auf einer Bühne steht, weiß er genau, was er will. Sein Vorbild ist Jimi Hendrix – und ein bisschen wohl auch sein Großvater, der bei den Berliner Philharmonikern Geige gespielt hat.
Die Bandkollegen nehmen Nico die Zurechtweisung nicht übel. Sie schätzen an ihm, so sagen sie, dass seine musikalischen Arrangements mit der Zeit immer anspruchsvoller geworden seien – und, dass Nico doch immer noch der coole, liebe, gute Kumpel sei. Eigenschaften übrigens, die laut Lehrer Robert Matt auch in der harten, konkurrenzreichen Musikbranche bewahrt werden sollten. „Freundlichkeit, Offenheit, Ehrlichkeit, Team- und Kooperationsfähigkeit: Das alles ist wichtig und zahlt sich aus“, so Matt.
Vor sieben Jahren hat Nico mit seinem Instrument, der Gitarre, angefangen. Ein bis zwei Stunden lang übt er pro Tag, entwickelt Songideen und Rhythmen. Neben seiner Lieblingsband, den „Wankers“, verfolgt er weitere Musikprojekten von Soul bis Metal; neulich hat er mit Pop-Kollegen seine erste CD eingespielt.
Die Studienvorbereitung an der Musikschule gebe ihm Mut, kompliziertere Songs anzugehen, sagt er. Und sie verschafft ihm Routine bei der Ensemblearbeit. „Es fällt mir grundsätzlich nicht schwer, auf andere zu achten, selbst wenn ich selbst spiele. Ich beherrsche das einfach“, meint Nico. Doch mittlerweile könne er noch schneller Sachen kombinieren: „Mein Kopfradio weiß, wo der Song hin muss.“
60 Euro für einen Gig
Mit dem Geld verdienen und der Vermarktung hapert es allerdings noch. „Die ‚Wankers’ haben eine Facebook-Seite, aber die verkümmert gerade“, gibt Emmeli zu. Nico gesteht, dass ihm sein letzter Gig gerade einmal 60 Euro eingebracht habe. Geld, das er dann auch noch mit anderen Musikern geteilt hat.
„Wir könnten schon mehr verdienen“, meint Nico nachdenklich, Jonas fügt hinzu: „Wir müssten halt auch öfters nach Geld fragen.“ Die Vier lachen und legen erst mal eine Proben-Pause ein.
Die Sache mit dem Geld lässt sie aber dann doch nicht mehr los. Neulich habe er von einem Typen gehört, der einen einzigen Ballermann-Song geschrieben habe und bis heute davon lebe, erzählt Nico. Cool wäre das. Aber für Geld seine Seele verkaufen? Niemals, sagt Nico. Außerdem weiß er, dass solche Geschichten im Musikgeschäft wie auch in anderen Branchen eher die Ausnahme als die Regel sind. Daher setzt er lieber auf Lernen und Fleiß.
Dass junge Menschen wie Pauline und Nico so viel Sorgfalt und Mühe in ihre musikalische Ausbildung legen, verwundert fast. Schließlich gaukeln Casting-Shows wie „The Voice of Germany“, „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Das Supertalent“ vor, dass man quasi über Nacht im Musikbusiness Fuß fassen kann und Glitzer und Applaus wie von selbst kommen. Auch wenn das ein Trugschluss ist, wie Joerg Koshorst, Talentscout beim Berliner Musiklabel Musicstarter, betont: „In den Shows geht es darum, Quote zu machen, nicht aber, den Künstler mit der längsten Karriere zu finden. Das kann sich überschneiden, muss aber nicht.“ (siehe Interview).
Kontinuierliche Entwicklung
Pauline hat über die Möglichkeit, sich bei einer solchen Show zu bewerben, nie nachgedacht: „Kommt für mich nicht infrage, zu marktorientiert“, kommentiert sie knapp. Und vielleicht ist sie auch einfach nicht der richtige Typ dafür, weil sie bescheiden ist. „Ganz am Anfang“ stehe sie ja erst, sagt sie. Zudem sind Wettbewerbe nicht ihr Ding. So habe sie zunächst selbst die Ensemblearbeit an der Musikschule nicht gemocht: „Da gab es viel Konkurrenz, das hat keinen Spaß gemacht. Jetzt gibt es Unterstützung und Zusammenhalt.“
Solche Tugenden scheinen in den Casting-Shows weniger gefragt zu sein. Dort punkten eher Draufgänger, die die Anweisungen der Profis schnell und souverän umsetzen. Das bedauert Paulines Gesangslehrer Matthias Tost, der seit 1991 in Friedrichshain-Kreuzberg verantwortlich für den Gesangsbereich der StuVo im Rock/Pop-Bereich ist. Auch, weil die Eindrücke aus dem Fernsehen verfälschten, was man für eine musikalische Karriere tatsächlich mitbringen muss.
„Viele junge Leute glauben, dass sie bei den Casting-Shows eine Ausbildung im Vorbeigehen bekommen“, sagt er. Doch sei eine kontinuierliche musikalische wie persönliche Entwicklung essenziell. Die Möglichkeiten der eigenen Stimme kennenlernen und sie bilden, die Stimmbänder trainieren und die Technik beherrschen: Darauf kommt es ihm an. Und darauf, dass seine Schützlinge Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln. „Das Schlimmste bei Pauline war“, sagt er, „dass ich anfangs mehr an sie geglaubt habe als sie an sich selbst“.
Bühnenerfahrung stärkt das Selbstvertrauen
Um das Selbstvertrauen zu stärken, Routine zu bekommen und sich auszuprobieren, versuchen die Nachwuchskünstler, so viel Bühnenerfahrung wie möglich zu sammeln. Neben den privaten Musikprojekten schaffen auch die Musikschulen regelmäßig Auftrittsmöglichkeiten, so etwa die Musikschule Friedrichshain-Kreuzberg an diesem Sonnabend bei einem öffentlichen Sommerfest.
Eine Karriere ist dennoch nicht vorprogrammiert. „Gerade die Chancen eines internationalen Durchbruchs sind begrenzt, da sollten wir uns nichts vormachen“, sagt Catrin Gocksch von „Jugend musiziert“. Die Profis aus den USA beherrschten die Branche. Die lokalen Musikszenen hätten aber durchaus Chancen. Das seien Nischen, die auch die großen Labels suchten. Daher ist für sie die Authentizität auch das Wichtigste. „Passen die Songs zum Sänger?“ ist eine der ersten Fragen, die sich die Jury bei „Jugend musiziert“ stellt. Daneben zählen Spielfertigkeit und die Qualität der Songs.
Robert Matt von der Musikschule Friedrichshain-Kreuzberg versucht seinen Schülern zudem den Biss beizubringen, den es für eine Karriere braucht. „Ich fühle mich sehr geehrt, mit den jungen Leuten arbeiten zu dürfen. Die Zusammenarbeit ist auch für mich erfüllend und inspirierend“, sagt er, der sich selbst vom „Regensburger Domspatz“ zum Profi-Musiker hochgearbeitet hat. Mit 23 den ersten Plattenvertrag bei Sony, Verkäufe in 25 Ländern, Zusammenarbeit mit bekannten Gruppen wie den Pet Shop Boys – das beeindruckt seine Schüler und verleiht seinen Worten Gewicht.
Schritte zum Erfolg
„Wenn ich denke, dass es nichts wird mit der Karriere, dann sage ich das auch“, stellt Matt fest. Das gibt manchmal den entscheidenden Schub: „Dann denken die Schüler: ‚Jetzt zeig’ ich’s dem’!“ Zum Etappenziel Musikstudium hat er damit schon einige befördert: 80 Prozent der StuVo-Absolventen haben einen Studienplatz an einer Musikhochschule ergattert.
So auch Pauline Tschirschwitz. Im holländischen Arnheim hat sie einen Hochschulplatz sicher, die Aufnahmeverfahren für Leipzig und Hannover laufen noch. Sicher ist: Im September, spätestens im Oktober macht „Emma Kliff“ ihren nächsten Schritt in Richtung Musik-Karriere. Damit ihr Traum möglichst bald in Erfüllung geht.





