Musikschulen

Wie David Garrett die Geige in Berliner Kinderzimmer bringt

Bei den Musikschulen herrscht großer Andrang auf Unterricht für Violinen. Doch es fehlt das Personal. Berlinweit stehen weit über 2000 Kinder an ihrer Schule Schlange, um ein Instrument zu lernen.

Foto: David Heerde

Es sei wie früher in der DDR mit den Trabbis, scherzt Ina Finger. Jahre vorher müsse man sich bewerben, um dann am Ende vielleicht doch keinen zu bekommen. Die Leiterin der Musikschule Friedrichshain-Kreuzberg spricht nicht von Autos. Sie redet über die lange Warteliste, die es für ihre und die anderen elf bezirklichen Musikschulen in Berlin gibt. Weit über 2000 Kinder und Jugendliche stehen aktuell an ihrer Schule Schlange, um ein Instrument zu lernen. Das Problem ist bekannt, neu ist, dass viele dieser Kinder Geige lernen wollen.

Vielen kommen andere Instrumente nicht in den Kopf

In Friedrichshain-Kreuzberg sind es 222 Kinder auf der Warteliste, 15 Prozent der Bewerber. „Diese Trends kommen oft mit Filmen und Medien allgemein“, erklärt Ina Finger die Entwicklung. Der Film „Jenseits der Stille“ habe seinerzeit die Beliebtheit der Klarinette hochschnellen lassen. Und vor zwanzig Jahren sei die Zeit des Saxophons gewesen. „Jetzt sehen die Kinder David Garrett und wollen Geige lernen.“ David Garrett, der Geiger, der den Pop in die Klassik gebracht hat, ein selbst inszenierter Mädchenschwarm.

Intern sprechen sie an der Musikschule Friedrichshain-Kreuzberg auch von der David-Garrett-Liste, wenn es um die vielen Geigen-Bewerber geht. „Einerseits ist es natürlich schön, wenn sich junge Leute so sehr für ein doch sehr klassisches Instrument interessieren“, sagt Ulrike Philippi, stellvertretende Leiterin der Schule. Aber es sei doch schade, wenn die Vielfalt an Instrumenten verloren gehe.

Die Musikschule Friedrichshain-Kreuzberg versucht die Entwicklung ein wenig umzulenken und den Kindern auch andere Instrumente schmackhaft zu machen. Zum Beispiel das Saxophon oder die Querflöte. Oder man versucht Kindern und Eltern Instrumente aufzuzeigen, die der Geige ähnlich sind, wie Bratsche, Cello oder der Kontrabass. Oft fänden die Kinder den tieferen Ton dieser Instrumente angenehmer. Nur kommt ihnen die Bratsche vorher gar nicht in den Kopf.

Auch Jungs sind an Geige interessiert

Interessant sei, dass viele der Kinder, die sich für die Geige interessierten, Jungs seien, erzählt Ulrike Philippi. Moritz ist einer von ihnen. Allerdings hat er schon seit sechs Jahren einen Platz an der Musikschule. Heute ist er elf Jahre alt. „Ich fand es beim Geigenspiel total faszinierend, wie sich die Finger der einen Hand bewegen und gleichzeitig gestrichen wird“, erzählt Moritz. Als er anfing Geige zu lernen, kannte er David Garrett noch nicht.

Sein Vater, der selbst Geige spielt, war für ihn das Vorbild. Auch die elfjährige Bernadette begann Geige zu spielen, ohne je von Garrett gehört zu haben. Vielleicht ganz gut so, denn: „Was David Garrett macht, finde ich nicht so schön“, sagt sie. Warum, kann sie nicht so recht erklären. Bernadette übt täglich eine Stunde an der Geige. Das ist harte Arbeit, doch sie hat Glück, dass sie das Instrument überhaupt lernen darf.

Moritz erzählt von seiner kleinen Schwester. Sie haben seine Eltern bereits mit zwei Jahren an der Musikschule angemeldet. Als sie mit sechs Jahren noch immer keinen Platz hatte, nahmen sich die Eltern einen Privatlehrer. Das kostet viel Geld, monatlich etwa 120 Euro für eine Musikstunde in der Woche, und der private Lehrer kann nicht leisten, was die bezirklichen Musikschulen in der Lage sind anzubieten.

Wartelisten werden wohl nicht kürzer

Neben dem regulären Unterricht bieten sie Ergänzungsfächer wie Tonsatz oder Gehörbildung an. „Und die Kinder haben bei uns die Möglichkeit, bei Konzerten und in Ensembles zu zeigen, was sie sich lange Zeit erarbeitet haben“, sagt Ina Finger. Das sei sehr wichtig für die Kinder.

Doch die Wartelisten bei den bezirklichen Musikschulen werden wohl auf absehbare Zeit nicht kürzer. „Das Personal ist das schwierige Thema“, erklärt Jana Borkamp, grüne Stadträtin für Kultur und Finanzen in Friedrichshain-Kreuzberg. Einerseits fehlten Lehrkräfte, weil der Beruf unattraktiv sei. „Sie werden schlecht bezahlt und 90 Prozent von ihnen arbeiten auf Honorarbasis.“ Außerdem fehle es in der Verwaltung an ausreichend Personal, um all die Anträge der Kinder zu bearbeiten.