Wie wird man ein Popstar? Wie wahrscheinlich ist der Traum von der internationalen Karriere? Darüber sprach die Berliner Morgenpost mit Joerg Koshorst. Der 35-Jährige ist Talentscout und Geschäftsführer von Musicstarter, einer jungen Berliner Plattenfirma. Sie hat unter anderem die Band Elaiza unter Vertrag, die Deutschland beim Eurovision Song Contest (ESC) vertreten hat, sowie Dieter „Maschine“ Birr von der Rockband Puhdys.

Berliner Morgenpost: Viele junge Musiker träumen von der großen Karriere. Wie wird der Traum Realität?

Joerg Koshorst: Es braucht vor allem eines: einen ganz starken Antrieb aus dem Inneren heraus. Der ist durch nichts zu ersetzen. Denn eine klassische Karriere-laufbahn gibt es nicht. Man muss bereit und fähig sein, ohne große finanzielle Mittel klarzukommen, Wagnisse einzugehen und Durchhaltevermögen haben.

Und wenn man das alles mitbringt: Wie bekommt man einen Fuß in die Tür des Musikbusiness?

Den einen Weg gibt es nicht, erst recht nicht im Internet-Zeitalter, das alles verändert hat: von der Entdeckung über die Vermarktung bis hin zur Auswertung. Heute hat jeder vom Wohnzimmer aus die Möglichkeit, sich der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. So kann jedermann über ein Youtube-Video Popularität entwickeln. Aber bis er ein Album verkauft und damit Geld verdient, kann es lange dauern, wenn es überhaupt je passiert. Die Nachfrage der Zuschauer ist heute viel schneller befriedigt, da alles immer und überall digital zur Verfügung steht. Es ist heute deutlich schwieriger, nachhaltig bekannt zu bleiben.

Was ist mit Casting-Shows?

Casting-Shows sind kein Musikprodukt. Sie sind TV-Produkte, die sich der Musik bedienen. Das heißt, dass es in den Shows darum geht, Quote bei einer bestimmten Zielgruppe zu machen, nicht aber, den Künstler mit der längsten Karriere zu finden. Das kann sich überschneiden, muss aber nicht. Bei dem einen oder anderen Künstler sagt man, Mensch, der ist aber früh ausgeschieden, da kümmere ich mich mal drum. Ich habe also schon ein Augenmerk auf die Shows, aber Casting ist nicht das erste Tool für uns.

Wie suchen Sie denn?

Bei uns kann man sich gerade direkt bewerben. Spannende Newcomer können bei musicstarter.de eine Crowdfunding-Kampagne starten, die die Fans direkt unterstützen können. Erreichen die Künstler ihr Fundingziel, folgen eine Albumproduktion und die Veröffentlichung gemeinsam mit dem Vertriebspartner Universal Music.

Was für Typen haben denn ganz generell betrachtet die größten Chancen?

Gefragt ist handgemachte Musik. Also weniger Interpreten bekannter Lieder, sondern eher Musiker, die ihre Songs selbst schreiben. Ich würde sogar sagen, dass die Sprache Deutsch ein Schlüssel ist. Denn der klassische Popstar kommt aus dem Ausland und singt Englisch. Also brauchen wir in Deutschland in erster Linie die lokalen Stars, die in unserer Sprache kommunizieren und emotionalisieren. Eine Rihanna und eine Jennifer Lopez gibt es schon. Und das Publikum hat kein Interesse, das noch mal zu bekommen, was es schon gibt.

Einzigartigkeit als Erfolgsrezept?

Unbedingt! Und es gibt da zwei Dinge, die ganz schwer zu erlernen sind. Zum einen ist das die Bühnenpräsenz. Mit seinem Publikum ganz natürlich kommunizieren können über Gesang, Gestik, Gespräch, seine Zuhörer tief berühren: Das ist ein Talent wie begnadet Fußball oder Tennis spielen zu können. Zum anderen ist da die Stimme. Man kann zwar viel verbessern. Aber die Stimmfarbe, die Erkennbarkeit der Stimme: Entweder man hat es oder man hat es nicht.

Das klingt, als würde eine musikalische Ausbildung nicht unbedingt bei der Karriere helfen...

Doch, auf jeden Fall. Das Handwerk zu lernen ist enorm wichtig und ist in Deutschland leider lange zu kurz gekommen. Da war ja die DDR weiter, dort gab es Berufs-Popmusiker mit einem sehr hohen musikalischen Niveau wie Silly und die Puhdys.

Was bedeutet das für heute?

Ein Vorbild ist für mich Skandinavien: Dort kann man an Hochschulen Songwriting lernen, das ist dort ein respektierter Beruf. Hierzulande hat sich mit der Gründung der Popakademie in Mannheim im Jahr 2003 zum Glück viel verändert. Man kann dort lernen, Musik zu schreiben und zu produzieren und auch zu vermarkten. Andere Städte ziehen mit ähnlichen Einrichtungen nach. Das finde ich super. Auch weil die Nachwuchsmusiker dort Netzwerke aufbauen können.

Was ist denn für Sie ein echter Popstar?

Robbie Williams ist ein super Beispiel, auch Lady Gaga. Obwohl über sie gerade nicht viel geredet wird. Als Popstar muss man sich halt auch immer neu erfinden. In Deutschland ist für mich Campino einer und auch eine Helene Fischer. Popstars dürfen polarisieren. Auf jeden Fall aber müssen sie extrovertierte Charaktere sein. Ständig muss man sich vor Publikum beweisen. Das mag nicht jeder.

Wie wahrscheinlich ist eine internationale Karriere?

Sie ist nicht ausgeschlossen, aber der Weg ist lang. Das geht nur über Nachhaltigkeit, also viele Hits, oder ein klares Alleinstellungsmerkmal wie zum Beispiel bei Rammstein. Wir haben bei Musicstarter die Band Elaiza gefördert, die für Deutschland beim ESC angetreten ist. Für Elaiza folgt nun eine Tour in Polen. Darüber können auch andere Länder auf die Band aufmerksam werden. Wie es auch im Ausland funktionieren kann, haben Tokio Hotel ja vorgemacht. Die haben in Magdeburg angefangen und Land für Land erobert. Aber auch diese Band muss sich jetzt wieder neu beweisen.