Ein robuster Dickhäuter aus zartem Porzellan geformt – so richtig will das nicht zusammenpassen. Liebevoll betrachtet Katrin Pieper den weißen Elefanten, der gemeinsam mit seiner Herde einen Platz auf der hölzernen Kommode im Wohnzimmer gefunden hat. Über hundert Jahre soll seine Biografie zurückreichen, und das grenzt angesichts seiner zerbrechlichen Beschaffenheit an ein Wunder. Gemeinsam haben die beiden viel erlebt. Als Katrin Piepers ständiger Begleiter, Glücksbringer und Überlebenskünstler hat der Elefant jeden historischen Wandel oder Umzug überstanden, bis er letztlich auf der Kommode in Schöneiche zur Ruhe kam.
35 Jahre lang wohnt Katrin Pieper schon in dem östlich von Berlin gelegenen Dorf. „Niemand weiß, wo Schöneiche liegt. Wenn ich aber sage, dass ich kurz vor Warschau wohne, dann weiß jeder, wo das ist“, sagt die ehemalige Cheflektorin des Kinderbuchverlages Berlin lachend. „Damals, als ich nach der Arbeit aus der Stadt nach Hause kam, habe ich die frische Luft und den Wald immer besonders genossen. Selbst die Wildschweine mag ich.“ Heute arbeitet sie als Lektorin, freie Autorin und Herausgeberin von zu Hause aus, in gewohnter Umgebung – unter dem wachsamen Blick ihres Porzellanelefanten.
„Meine Großmutter soll ihn aus der lettischen Hauptstadt Riga nach Moskau mitgenommen haben. Sie war eine Porzellanliebhaberin“, erinnert sie sich an die Geschichte, die ihr ihre Mutter erzählt hat. So ganz sicher sei man sich bei der Herkunft des Elefanten aber nicht. Auch die Mutter habe immer nur im Konjunktiv von der lettischen Abstammung des Porzellantiers geredet. „Sicher ist aber, dass er in Moskau schon zur Familie gehörte. Dort hat meine Großmutter ein Bettwäschegeschäft besessen, und mein Großvater war ein berühmter Rechtsanwalt. Er soll viele Leute gekannt haben. Vielleicht hat der Elefant sogar einmal Lenin kennengelernt“, erzählt Katrin Pieper schmunzelnd.
Der Elefant hielt Bomben und Panzern stand
Zu diesem Zeitpunkt hatte der Dickhäuter schon die Oktoberrevolution 1917 und die Gründung der Sowjetunion schadlos überstanden. Auch den anschließenden Umzug in die Weimarer Republik nach Berlin-Friedenau überlebte er. Auf dem Klavier stand er dort, während die Kinder der Familie mehr oder weniger erfolgreich an dem Instrument übten. Auch den Zweiten Weltkrieg habe er von dort aus miterlebt. Als ein Großteil Friedenaus bombardiert wurde, war auch das Haus der Familie betroffen. Es brannte fast vollständig ab. Nur der Teil, wo Elefant und Klavier gestanden hatten, blieb verschont. Vermutlich habe der Wind günstig gestanden, meint Katrin Pieper. So entkam der Elefant unversehrt den Flammen und zog mit nach Woltersdorf nahe Berlin.
Als zum Kriegsende die Russen mit ihren Panzern kamen, vergruben die Woltersdorfer ihr Porzellan in der Erde. „Meine Mutter war da sehr naiv. Sie glaubte, dass die Russen nicht durch den Gartenzaun kämen, also vergruben wir den Elefanten bei unserem Haus unter der Erde, um ihn vor Diebstahl zu schützen,“ sagt Katrin Pieper. Auf Gartenzäune nahmen die Russen allerdings wenig Rücksicht, und so rollten sie mit ihren Panzern über das Versteck. Niemand glaubte daran, dass der Elefant das Kriegsende überleben sollte. Wie sollten der filigrane Rüssel und die zerbrechlichen Ohren die schweren Panzer unbeschadet überstanden haben? Und doch hoffte die Familie: „Meine Großmutter hat immer gesagt, dass Elefanten mit erhobenem Rüssel Glück bringen würden“, sagt Katrin Pieper. Und tatsächlich: Als der Krieg überstanden und die Soldaten fort waren, buddelte man das Porzellan wieder aus. Samt Rüssel und den abstehenden Ohren, die Katrin Pieper besonders gefallen, kam der Elefant wieder zum Vorschein. „Er hat es geschafft“, soll die Mutter gesagt haben.
Mit der Zeit wuchs eine ganze Sammlung an Dickhäutern
Spurlos ist der Krieg allerdings nicht an dem Dickhäuter vorbeigegangen. Kleine Risse sind seitdem an seiner Bauchseite zu sehen. Auch ein „Gips“ aus Tesafilm zeugt von den Erlebnissen. Nach dem Krieg zog der Porzellankoloss mit seiner Familie nach Luckenwalde, dann Kleinmachnow, wieder nach Berlin und schließlich nach Schöneiche. Zwischen den Umzügen wurde erneut ein Klavier angeschafft und der Elefant sah der nächsten Generation beim Üben zu. Als niemand mehr das Instrument gebrauchen konnte, wurde es verkauft und das Porzellantier wanderte auf die hölzerne Kommode. Mittlerweile ist es dort nicht mehr allein: Über die Jahre hinweg brachten Freunde und Verwandte immer mehr Elefanten mit. Einige aus Holz, andere aus Porzellan oder Stein. Keiner gleicht dem anderen. Auch ein Esel, eine Giraffe und eine Maus haben sich unter die Herde gemischt. Die Maus begleitet den Porzellanelefanten seit jeher, auch sie stammt schon aus Moskau.
Mittlerweile verschenkt Katrin Pieper, Mutter von zwei Kindern, die Elefanten weiter: an die Mütter ihrer neugeborenen Urenkel. So verbreitet sich die Geschichte des Porzellanelefanten, der mit seiner beachtlichen Herde von immer noch einem Dutzend Tieren in ihrer Wohnung steht. Als die 77-Jährige den Dickhäuter für ein Foto von der Kommode hebt, sagt sie: „Das kann ich noch, schließlich gehe ich ins Fitnessstudio.“ Sie wolle ja nicht aus der Übung kommen. Schließlich sei Schöneiche eine Fahrradgemeinde, da fahre man Rad, bis man hinunterfalle. Nur im Winter gestalte sich das Radfahren schwierig.
„Man wird alt hier in Schöneiche. Ich sage immer, dass das an der guten Luft liegt“, schwärmt Katrin Pieper. Dennoch sorgt sie sich darum, was nach ihrem Tod wohl geschehen wird. „Ich weiß nicht, was mit dem Elefanten passiert, wenn ich sterbe. Meine Kinder sind nicht sonderlich begeistert. Um für die Herde Platz zu haben, müssten sie die Kommode übernehmen, und so richtig kann ich mir die auch nicht bei meinen Kindern zu Hause vorstellen.“ Doch dann schiebt die Elefanten-Liebhaberin den Gedanken entschlossen beiseite. „Ach“, sagt sie, „ich bleibe einfach noch ein bisschen am Leben.“





